Jakob Baumann
«Armee macht nicht bünzlig»

Der Rüstungschef Jakob Baumann überquert täglich mühelos den Röstigraben. Seine Heimatorte sind Pampigny und Oberentfelden, aufgewachsen ist er in Muri. An 5 Tagen wohnt und arbeitet der vielsprachige ehemalige Divisionär in Bern, die restliche Zeit gehört seiner Familie im Waadtland. Der 51-Jährige wechselt spielend zwischen Deutsch und Französisch, zwischen Disziplin und Nonchalance. Ein Porträt.

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Jakob Baumann

Jakob Baumann

Schweiz am Sonntag

Von Barbara Rüfenacht

Jakob Baumann ist gut gelaunt und wirkt ungeachtet seiner vollgepackten Agenda ungemein gelassen. Stolz weist er auf die ungetrübte Weitsicht von seinem Bürofenster aus. «Die Gelassenheit habe ich wohl meinem welschen Umfeld zu verdanken», meint der gebürtige Aargauer, der die Schweiz und viele Teile des Auslandes wie seine Westentasche kennt. «Eine Militärausbildung ist nicht borniert und bünzlig, im Gegenteil, ich habe dadurch die halbe Welt gesehen.»

Mit 39 zog der Major mit der ganzen Familie nach Paris, wo er das «Collège Interarmées de Défense» absolvierte, um ein Jahr später das Kommando der Artillerie-Offiziersschule zu übernehmen. Später durchlief er das Internationale Executive Programme am INSEAD in Fontainebleau und Singapur. Eine Horizonterweiterung, die ihm als Mittelschullehrer in solchem Ausmass verwehrt geblieben wäre. Jakob Baumann, dessen Grossvater aus Oberentfelden stammt, studierte Germanistik, Geschichte und Romanistik und unterrichtete an der Kreisbezirksschule Mutschellen, bevor er 1986 ins Instruktionskorps der Artillerie einstieg. «Ich stamme, wie übrigens der Grossteil der Offiziere der Schweizer Armee, keineswegs aus einem militärischen Umfeld.»

Seinen Kindern geht es anders. Sie erlebten einen Vater, der jahrelang in Uniform nach Hause kam. «Meine Familie ist glücklicherweise immer ungezwungen mit meinem militärischen Status umgegangen.» Jakob Baumanns Sohn hat letztes Jahr die Offiziersschule abgeschlossen, seine Tochter absolviert als studierte Politologin ein Praktikum im VBS. Als Berufsmilitär hat der ausgewanderte Aargauer auch rührende Reaktionen erhalten. «Einmal fragte mich eine Nachbarin, warum ich denn zu Hause schlafen dürfe, wenn ich doch im Militär sei.» Den Lehrerberuf an den Nagel gehängt hat der frühere Divisionär, der in seiner Freizeit gerne Biografien liest, weil er nebst dem Unterrichten auch Führungsaufgaben wahrnehmen wollte. «Dazu bot sich das Militär geradezu an.» Heute ist er der vierte Aargauer in Folge, der das hohe Amt eines Rüstungschefs bekleidet. «Vielleicht schaffen es nur Aargauer in diese Position», meint er mit einem Augenzwinkern.

Positiv überrascht war der Armee-Experte vor zwei Wochen über die klaren Abstimmungsergebnisse gegen ein Verbot von Kriegsmaterialexporten. Hat er jemals mit einem anderen Wahlausgang gerechnet, gezweifelt oder gezittert? «Nicht wirklich, aber das überwältigende Nein zur Initiative hat mich letztlich doch erstaunt.»

Nicht so klar gestaltet sich die Diskussion um die Finanznot der Armee und das Gezerre um die neuen Tiger. «So wie wir Polizisten am Boden brauchen, benötigen wir solche auch in der Luft», erklärt der Rüstungschef die Frage nach der Lufthoheit einfach und verständlich. «Dass Kampfflugzeuge ersetzt werden müssen, weiss man schon, wenn man sie einkauft, die Neuanschaffungen können also genau geplant werden.» Zum Preis der «nackten» Flugzeug kommen noch die Logistikkosten inklusive Lenkwaffen, Ersatzteile und Simulatoren für rund zehn Jahre dazu. Deshalb wünscht sich Jakob Baumann eine Finanzspritze für die Armee. «Seit langem ist die Armee jährlich mit 500 bis 700 Millionen Franken unterfinanziert, einige hundert Millionen brauchten wir schon.»

Eine Armee, die seit dem Zusammenbruch des Ostblocks nicht in einer klaren Bedrohungslage aufgestellt ist, hat grundsätzlich Mühe zu erklären, was sie genau macht. «Im Gegensatz zu den Armeen unserer Nachbarn können wir uns nicht über Bündnisverpflichtungen oder Friedenseinsätze legitimieren.» Die Bevölkerung wähne sich in Sicherheit, die Ängste seien allenfalls diffuser Natur, für die niemand Geld ausgeben wolle, weiss der Experte, der sich rund 60 Stunden pro Woche mit Fragen rund um die Armee befasst. Das Kernproblem sieht er allerdings in der Politik und er wünscht sich einen mehrheitsfähigen Konsens. «Das Parlament müsste dem vom Bundesrat verabschiedeten Sicherheitsbericht verbindlich zustimmen und gleichzeitig einen Finanzrahmen sprechen, damit wir klare Vorgaben haben.»

In der Romandie schert sich kein Mensch darum, was der Rüstungschef in der Bundeshauptstadt macht. «Hier schaffe ich es kaum irgendwo aufs Titelbild», meint er schelmisch. In seiner Heimatgemeinde schätzt man den grossen Mann aus Bern als unkomplizierten Einwohner, der gerade stolz mit einem «L» an seinem neuen Motorrad durch die Gegend kurvt. «Das war ein Geschenk meiner Frau zum fünfzigsten Geburtstag, sie hat mir damit einen Bubentraum erfüllt.» Es ist wohltuend, dass sich ein Mann an der Spitze der Armee, der schon in Militärflugzeugen dem Himmelsrand entlang gebraust ist und die Welt aus der Perspektive eines Kampfjetpiloten gesehen hat, noch von ganz profanen Dingen träumt.

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