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Verliebtheit macht tatsächlich blöd

Wer Hals über Kopf verliebt ist, handelt oft unüberlegt, irrational, ja dumm. Warum wird der Verstand ausgeschaltet? Und wie schützt man sich vor Peinlichkeiten?
Robert Bossart
Eros Cupid with bow and arrow (Bild: diez-artwork (54602469))

Eros Cupid with bow and arrow (Bild: diez-artwork (54602469))

Es ist ein schönes Gefühl, das schönste überhaupt vielleicht. Man vergisst alles, was einen besorgt und bedrückt und ist – einfach nur glücklich. Wer verliebt ist, wird zu einem anderen Menschen, einem, der keinen Schlaf braucht, dem alles leichtfällt. Alles dreht sich nur noch um eines: um die angebetete Person, die das schönste, attraktivste und liebevollste Wesen ist, das derzeit diesen Planeten bewohnt.

Die Sache mit dem Hirn

Diesen emotionalen Ausnahmezustand kennt fast jeder Mensch, es gibt kaum jemanden, der nicht zumindest einmal im Leben über beide Ohren verliebt war. Deshalb weiss auch jeder, dass der Zustand totaler Verliebtheit oftmals begleitet wird von einer eher unangenehmen Nebenerscheinung: Das Hirn wird ausgeschaltet. Zumindest teilweise. Das kann, je nachdem, problematische Folgen haben. «Wenn man verliebt ist, wird im Hirn das Wohlfühlhormon Dopamin ausgeschüttet», sagt der Psychotherapeut Thomas Spielmann dazu. «Das bewirkt, dass die Regionen im Gehirn, welche für kühlen Verstand und kritische Beurteilung zuständig sind, einfach abgeschaltet werden.»

Damit aber nicht genug: Auch Neurotrophin gelangt ins Blut. «Das kann dazu führen, dass Verliebte teilweise in einen Zustand der Unzurechnungsfähigkeit geraten, was zu irrationalen Handlungen führen kann.» Hemmschwellen, die sonst vor Peinlichkeiten schützen, verschwinden, und man macht Dinge, die man sonst nie tun würde. Etwa allzu innig in der Öffentlichkeit schmusen.

Wie bei Psychiatriepatienten

Der «chemische Cocktail» im Gehirn ist damit aber noch nicht beendet. Der Neurotransmitter Serotonin wird bei frisch Verliebten nämlich heruntergesetzt, was zur Folge hat, dass man sich zwanghaft auf eine Person fixiert. «Interessant dabei ist, dass der Serotoninspiegel bei Verliebten gleich ist wie bei schwer zwangsgestörten Psychiatriepatienten», sagt Spielmann.

Der Grund für diese doch bemerkenswerten Vorgänge ist für Spielmann klar: «Das entspricht einem biologischen Programm mit dem Zweck, dass zwei Verliebte zusammenbleiben, bevor sie realisieren, wer der andere wirklich ist, und nicht einfach davonlaufen.» Die Faszination füreinander wird quasi chemisch geschürt und hoch gehalten, damit das passiert, was die Natur in ihrem Plan vorgesehen hat: Fortpflanzung.

Insofern macht Verliebtheit tatsächlich «blind». Allerdings, so betont der Sexualtherapeut, gehe es nicht um sexuelle Triebsteuerung. «Was der Volksmund sagt, ist in so einer Situation völlig falsch. Der Satz <Wenn's unten hart wird, wird's oben weich> trifft nicht zu, Verliebte sind auch nicht penisgesteuert oder nymphomanisch.» Es geht darum, dass sich zwei Personen überhaupt aufeinander einlassen. Der Sexualtrieb spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Bald ist Schluss

Meist dauert eine Verliebtheit zwischen ein paar Wochen bis zu wenigen Monaten. Der Zauber hat also relativ bald ein Ende – auch wenn sich viele nichts sehnlicher wünschten als ein Leben in ständiger Verliebtheit. Das, so Spielmann, sei aber keine gute Idee. «Der Wohlfühl-Hormon-Kick kann nicht ewig dauern, sonst wäre man gar nicht lebensfähig auf die Dauer.»

Wer aus dieser Phase des Verknalltseins aufwacht, ohne auf gröbere Peinlichkeiten zurückblicken zu müssen, hat Glück gehabt. «Andere haben Pech und müssen im Nachhinein das eine oder andere bereuen», sagt Spielmann. Etwa jemand, der im Liebesrausch Haus und Job aufgegeben hat und später vor einem veritablen Scherbenhaufen steht. Oder man hat die ganze Verwandtschaft und die engsten Freunde vor den Kopf gestossen mit der Amour fou, die man in aller Öffentlichkeit zur Schau getragen hat.

Keine Frage des Alters

Nichtverliebte reiben sich zuweilen die Augen, wenn sie mit ansehen müssen, wie gestandene Mittvierziger sich benehmen wie 14jährige Teenager. Wieso neigen auch reifere Semester zu pubertärem Verhalten, wenn sie Amors Pfeil getroffen hat? Verliebtheit habe nichts mit dem Alter zu tun, meint Spielmann. «Jede Pflegerin in einem Altersheim kann ein Lied davon singen, wie ältere Bewohner Luftsprünge machen, weil sie sich in einen Mitbewohner verknallt haben.»

Interessant ist auch, dass Menschen, welche ein einschneidendes Erlebnis hinter sich haben – den Tod des Partners oder eine schwere Krankheit etwa –, sich plötzlich Knall auf Fall verlieben. «Nach einer schweren Operation kommt es nicht selten vor, dass sich ein Patient in die Krankenschwester verliebt», sagt Spielmann. Der Grund: Die Verliebtheit trägt einen Menschen, hilft ihm, über schwierige Erlebnisse hinwegzukommen. «Es ist eine Art Intelligenz der Seele», sagt Spielmann. Sie holt sich das, was sie braucht, um wieder gesund zu werden.

«Gefährdet» für plötzliche Verliebtheiten sind auch Leute, die im Alltag über eine eher differenzierte und intellektuelle Denkweise verfügen. «Das kann ein Professor sein, oder eine Frau, die bis 40 nur für ihre Karriere gelebt hat. Wenn sich so jemand verknallt, dann kann die Selbstkontrolle völlig ausfallen. Dann verliebt sie sich vielleicht in einen zwanzigjährigen Ferienanimator, und er schickt plötzlich Intimfotos herum, so wie es dem Badener Stadtammann Geri Müller passiert ist.

Gibt es einen Schutz gegen die Folgen der Verliebtheit? Nein, sagt der Therapeut. «Das beste Mittel gegen Dummheiten ist, einen besten Freund oder eine beste Freundin zu haben, dem oder der man alles erzählen kann.» Diese Person kann dem Verliebten im richtigen Moment den Kopf waschen.

Ein Beziehungskapital aufbauen

Abgesehen davon hat Verliebtheit auch ihr Gutes. «Man hat in dieser Phase Mut und Zeit, Dinge miteinander zu erleben, die so prägend sind, dass man später davon zehren kann», sagt Spielmann, der seit 45 Jahren mit seiner Frau zusammen ist. «Man hat sozusagen ein Beziehungskapital aufgebaut, das einem in weniger rosaroten Zeiten hilft, über Konflikte hinwegzukommen. Die Verliebtheit macht, dass man nicht einfach davonläuft, wenn's Probleme gibt.»

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