Vergnüglicher Zorn auf Prousts «Geschwätz»

Lesbar Literatur

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Matthias Zschokke Ein Sommer mit Proust, Wallstein, 64 S., Fr. 18.–

5200 Seiten dick ist er, der monumentale Roman «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit». Die zwischen 1913 und 1927 erschienenen Bände sind Kult und gelten als Referenz für den modernen Roman. Dieses Buch, das man kennen müsste, das aber kaum jemand zur Gänze gelesen hat, nahm sich der Schweizer Autor Matthias Zschokke einen Sommer lang tapfer vor – und liefert eine vergnügliche Abrechnung mit einem Säulenheiligen der Literatur. Zschokke ringt mit dem Text, kämpft tapfer gegen den «Proust-Würgereiz» und stellt fest: Im Gegensatz zu James Joyces «Ulysses» sei dies gar kein moderner Roman. Dank einem befreundeten Proust-Spezialisten anerkennt er zwar die stilistische Perfektion und Detailgenauigkeit des französischen Autors. Zschokkes witzige und gepfefferte Auseinandersetzung gipfelt aber in der Wut über «viel zu viel Geschwätz» beim «Gefühlsanalphabeten» Proust: «Small Talk, in Platin gefasst», schnödet Zschokke. Vor allem Prousts Selbstverliebtheit und sein «blinder Glaube an die alteingesessenen Hierarchien» entsetzen ihn. «Proust ist einer dieser Vergewaltigungskünstler, die ihr Publikum mit der schieren Masse in die Knie zwingen.» Allerdings helfe die Lektüre, «um allergisch zu werden gegen die vielen kleinen Prousts, die einem im täglichen Leben begegnen», lautet Zschokkes sarkastisches Résumé.

Hansruedi Kugler

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Ismael Kadare Die Verbannte, S. Fischer, 208 S., Fr. 29.–

Verzweifelt angepasst im totalitären Albanien

Berühmt wurde der in Paris lebende albanische Autor mit «Der General der toten Armee». Seine Beschäftigung mit dem Totalitarismus setzt er auch in «Die Verbannte» fort. Rund 60000 Menschen waren im kommunistischen Albanien interniert. IIn Sippenhaft waren Familien gezwungen, fernab der Städte zu leben. Zwischen einem linientreuen Autor in Tirana und einer verzweifelten jungen Frau in der Verbannung, die sich das Leben nimmt, entspinnt sich eine herzzerreissende Fernbeziehung. Der Roman situiert die beiden Figuren in der gespenstischen Geheimdienstatmosphäre. Kadare schreibt zumeist aus der Perspektive des unglücklichen Autors. Ein berührender Roman.

Sandra Trauner/DPA