Vergiss es, aber nicht zu oft

Im hohen Alter werden wir vergesslicher. Aber was ist noch normal? Der Luzerner Facharzt Christian Hess erklärt, wann Vergesslichkeit problematisch wird und was dann zu tun ist.

Ruth Schneider
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Merkzettel können helfen, wenn die Vergesslichkeit öfter vorkommt. (Bild: fotolia)

Merkzettel können helfen, wenn die Vergesslichkeit öfter vorkommt. (Bild: fotolia)

Herr Hess, schon 50-Jährige klagen, dass ihr Gedächtnis nachlasse. Ab welchem Alter nimmt die Gedächtnisleistung ab?

Christian Hess: Grundsätzlich kann man kein bestimmtes Alter dafür festlegen, weil grosse individuelle Unterschiede je nach Herkunft, Bildung und Aktivität bestehen. Mit fünfzig Jahren ist es bei sonst guter Gesundheit im Schnitt aber doch deutlich zu früh für einen Gedächtnisverlust. Das Gedächtnis bleibt grundsätzlich bis ins hohe Alter erhalten, und es ist trainierbar – mit individueller Abnahme im Laufe des Alterungsprozesses.

Sprechen wir vom «jungen» Alter zwischen 60 und 75, 80. Manche Menschen verlegen Schlüssel, können sich Namen von Bekannten schlecht merken. Ist diese Vergesslichkeit noch normal?

Hess: Mit steigendem Alter ist eine zunehmende Vergesslichkeit bis zu einem gewissen Grad als normal anzusehen. Sie ist Teil des Alterungsprozesses unseres Körpers, vor allem bei Menschen ab etwa achtzig Jahren. Demenz kann ungefähr ab dem 50. Lebensjahr auftreten, gehäuft ab dem 70. Lebensjahr. Das Wichtigste ist, zum richtigen, sprich zu einem möglichst frühen Zeitpunkt eine nicht mehr altersentsprechende Vergesslichkeit zu erkennen.

Wo liegt die Grenze zur krankhaften Altersvergesslichkeit?

Hess: Jeder Mensch und jede Lebenssituation ist individuell. Dennoch gibt es vier mögliche Szenarien, wo ich dem Betroffenen und seinem Umfeld empfehle, genauer hinzuschauen und allenfalls eine Demenzabklärung ins Auge zu fassen: erstens, wenn der Betroffene für ihn Wichtiges oft vergisst, sei das nun die Medikamenteneinnahme oder wichtige Termine, zweitens, wenn er selbst feststellt, ich bin nicht mehr wie früher, und wenn er unter seiner Vergesslichkeit leidet, drittens, wenn die Veränderungen zu starken Beeinträchtigungen im Alltag führen – wie etwa den Heimweg nicht mehr finden oder Probleme beim Kochen, bei der Haushaltführung – und viertens, wenn man öfter auf die Vergesslichkeit angesprochen wird.

Wer ist die erste Anlaufstelle für eine Demenzabklärung?

Hess: Der Hausarzt. Er wird mit medizinischen Untersuchungen und mit neuropsychologischen Tests die Wahrscheinlichkeit einer Demenzerkrankung abschätzen, er kann auch andere eventuell behebbare Ursachen der Vergesslichkeit zu ermitteln versuchen. Falls nötig, wird er die vertiefte Abklärung in die Wege leiten.

Weshalb empfehlen Sie eine frühe Abklärung?

Hess: Sie schafft für den Betroffenen und für seine Angehörigen Klarheit und gibt die Möglichkeit, die weiteren Schritte zu planen. Demenz ist zwar nicht heilbar, aber man kann heute mit Medikamenten das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen und Begleitbeschwerden mindern.

Merkt man selber, dass man Wichtiges vergisst oder verwirrt ist?

Hess: Manche Menschen bemerken ihre Defizite vor allem in der frühesten Phase ihrer Demenzkrankheit. Auch hier bestehen jedoch grosse individuelle Unterschiede je nach Herkunft, Bildung und Persönlichkeitsstruktur.

Aber nicht jede krankhafte Vergesslichkeit muss gleich Alzheimer sein.

Hess: Nein, es gibt zum Beispiel die beginnende, leichtgradige kognitive Störung, oft die Vorstufe einer Demenzkrankheit. In diesen Fällen gibt es Medikamente wie etwa Ginkgo-Präparate, die das Fortschreiten hin zu Demenz vermindern können. Neben Alzheimer, der häufigsten Form von Demenz, gibt es überdies noch die vaskuläre Demenz: Sie wird durch Durchblutungsstörungen des Gehirns ausgelöst, oft nach einem Hirnschlag.

Können körperliche Krankheiten oder Medikamente Vergesslichkeit auslösen oder befördern?

Hess: Ja. Bei hochbetagten Menschen ist die Vergesslichkeit oft eine Begleiterscheinung von anderen Krankheiten mit chronischer Minderdurchblutung des Gehirns und damit verbundenem Absterben von Gehirnzellen. Ein anderes Beispiel: Eine schwere depressive Phase kann sich von den Symptomen her wie eine Demenz äussern, also eine Demenz vortäuschen. Zum Stichwort Medikamente: Wenn jemand beispielsweise starke Beruhigungsmedikamente einnimmt, können diese zu Vergesslichkeit oder gar Verwirrtheit führen und ebenfalls eine Demenz vortäuschen.

Nimmt die Vergesslichkeit im Alter laufend zu?

Hess: Bei vielen Menschen bleiben die geistigen Funktionen bis zum Lebensende glücklicherweise praktisch vollkommen oder zumindest so weit erhalten, dass trotz einer Verschlechterung des Gedächtnisses eine selbständige Lebensführung möglich ist. Mit zunehmendem Alter steigt allerdings der Anteil der Menschen mit Gedächtnisproblemen an. Dazu diese Zahlen: Rund 20 Prozent der über 80-Jährigen leiden unter Demenz, bei den über 90-Jährigen sind es über 50 Prozent.

Es gibt aber auch geistig bewundernswert fitte 90-Jährige. Tragen sie die Fitness in den Genen, oder haben sie einfach Glück?

Hess: Eine Mischung von beidem. Obwohl man mittlerweile weiss, dass sowohl erbliche wie Umweltfaktoren für die Entwicklung einer Demenz mitverantwortlich sein können, ist bis heute noch unklar, wie viele und welche Faktoren in welchem Ausmass eine Demenzkrankheit mit nicht altersentsprechender Vergesslichkeit auslösen.

Ist es bei Vergesslichkeit sinnvoll, mit Merkzetteln zu arbeiten?

Hess: Auf jeden Fall, denn Gedankenstützen erleichtern den Alltag. Dazu gehören Notizzettel, Einkaufs- und Telefonlisten und zum Beispiel die Gewohnheit, den Schlüssel zu Hause stets an den gleichen Ort zu legen.

Welchen Tip geben Sie Angehörigen und Freunden?

Hess: Das Entscheidende ist, den Betroffenen nicht zu bevormunden, sondern ihn zu begleiten und diese Begleitung mit ihm zu besprechen und Abmachungen zu treffen.

Christian Hess Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt in Geriatrie (Bild: Quelle)

Christian Hess Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt in Geriatrie (Bild: Quelle)