Verführung zum Krieg

Ein faszinierendes TV-Experiment mit zwei Gruppen zeigt, wie einfach sich Menschen gegeneinander aufhetzen lassen – und dass Frieden schliessen weit schwieriger ist.

Martin Weber
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Zu gegenseitiger Aggression verführt: Team Rot gegen Team Blau. (Bild: ZDF/Antje Dittmann)

Zu gegenseitiger Aggression verführt: Team Rot gegen Team Blau. (Bild: ZDF/Antje Dittmann)

Frieden ist schwieriger als Krieg. Denn für den Ausbruch eines Krieges braucht es nach Beobachtungen des Konfliktexperten Christopher Lesko nur drei Glaubenssätze, die in den Köpfen der Mitglieder eines Volkes, einer Gesellschaft oder einer Gruppe herumspuken: 1. Wir sind die Guten. 2. Die anderen sind die Bösen. 3. Die anderen wollen uns was wegnehmen.

Wie schnell sich auch mit einfachsten Mitteln und sogar unter den künstlichen Voraussetzungen einer Reality Show im Fernsehen ein Konflikt zwischen zwei willkürlich definierten Gruppen erzeugen lässt, wie rasch schroffe Ablehnung entsteht und offene Aggressionen ausbrechen, zeigt Lesko in einem faszinierenden TV-Experiment, das am 27. und 28. Oktober um jeweils 21.45 Uhr auf ZDF neo läuft.

In «Plötzlich Krieg?» geht es um zwei kleine Teams von jeweils sechs ganz normalen jungen Leuten, die mit psychologischen Tricks gegeneinander aufgehetzt und schon bald handgreiflich werden. Verletzt wurde dabei niemand, doch Christopher Lesko, Moderator Jürgen Schropp und die anderen Mitarbeiter der Produktion waren von der Gewaltbereitschaft und der Gruppendynamik schon erschrocken, obwohl sie natürlich damit gerechnet hatten.

Fast nach Belieben manipuliert

Faszinierend ist dieses sozialpsychologische Experiment vor allem deshalb, weil die medienerfahrenen Mitspieler zwar nicht über Sinn und Zweck des Ganzen informiert wurden, dabei aber natürlich genau wussten, dass sie Teil einer mehrtägigen Reality Show im Fernsehen sind – und trotzdem fast nach Belieben in Richtung eines Konflikts manipuliert werden konnten. Faszinierend auch, wie wenig es braucht, dass zwei in getrennten Camps untergebrachte Gruppen aneinandergeraten und offener Streit um Ressourcen ausbricht, in diesem Fall zum Beispiel um Lebensmittelrationen, die dem einen Team gewährt und dem anderen vorenthalten wurden. Um die Wut der Kandidaten auf die jeweils andere Gruppe zu schüren, wurde in beiden Teams ein Maulwurf eingeschleust, der die anderen Kandidaten gegen den vermeintlichen Feind aufhetzen sollte – mit einigem Erfolg, wie sich schon bald zeigte.

Offene Aggressionen

In diversen Wettkampfspielen der beiden Teams gegeneinander traten schon bald offene Aggressionen zutage. Vor allem beim letzten Kräftemessen, einer Art Rugby mit vereinfachten Regeln, entlud sich die Wut so manches Kandidaten explosionsartig, und es kam zu physischen Auseinandersetzungen. Doch damit war das Experiment noch nicht zu Ende: In einer finalen Phase sollten die beiden Gruppen unter Anleitung von Christopher Lesko wieder Frieden miteinander schliessen.

«Ziel des Experiments war zu untersuchen und zu zeigen, welche Einflussfaktoren bei der Entstehung von Konfliktbereitschaft und Krieg eine zentrale Rolle spielen», erklärt Lesko. Ein zweites Ziel sei jedoch gewesen, zu zeigen, dass auch ein Friedensschluss möglich ist – was sich jedoch häufig als das schwierigere Unterfangen herausstellt.

Plötzlich Krieg? – Ein Experiment, ZDF neo, Di, 27.10., und Mi, 28.10., jeweils 21.45 Uhr.