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VEREINBARKEIT: Arbeiten, bis die Balance kippt

Beschleunigung, dauernde Erreichbarkeit, Flexibilisierung: Viele haben Mühe, Beruf und Privatleben in Einklang zu bringen. Ein neuer Vereinbarkeitssimulator soll dabei helfen.
Bruno Knellwolf
Wer Beruf und Privatleben in Einklang bringt, schwebt in der Balance. (Bild: Getty)

Wer Beruf und Privatleben in Einklang bringt, schwebt in der Balance. (Bild: Getty)

Bruno Knellwolf

Alle reden von der Work-Life-Balance. Und viele bleiben auf der Suche nach dem Gleichgewicht, nach der Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben, doch erfolglos. Den Begriff Work-Life-Balance hält der Arbeitssoziologe Stefan Paulus allerdings für einen schwammigen Begriff. Der suggeriere, dass Arbeit nur Erwerbsarbeit sei, nur Job, und dass im wahren Leben gar keine Arbeit stattfände. «Das ist ein Unsinn. Kinderbetreuung, Pflege der Angehörigen, sich generell um Menschen und sich selber zu kümmern, ist auch Arbeit. Wir nennen es Sorgearbeit», sagt Paulus.

Das alles unter einen Hut zu bringen, ist nicht leicht. Vor allem junge Väter haben Mühe mit der Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Privatleben. Und auch viele alleinerziehende Mütter landen in einem Burn-out, auch weil ihnen schlicht ein Partner fehlt, der zum Einkommen beiträgt. Gequält werden zudem viele wegen der dauernden Erreichbarkeit. «In einem Forschungsprojekt haben wir das Switchen genannt. Dieses ewige Hin und Her im Kopf. Laufend werden uns Informationen zugetragen, die wir verarbeiten müssen. Die Erreichbarkeit zwingt uns, dauernd zwischen verschiedenen Kontexten hin und her zu switchen.» Das führe oft in Handlungswidersprüche. Ein Vater will einerseits ein guter Mitarbeiter sein, andererseits aber auch ein fürsorglicher Vater, der seine Kinder aufwachsen sieht. Der Arbeitssoziologe Paulus erzählt von Interviews mit Burn-out-Patienten, die dabei meistens eine Überforderung beschrieben haben.

Präsent sein, wo man ist

Dagegen braucht es Bewältigungsstrategien. Nicht erreichbar sein, das Handy ab und zu im Auto liegen lassen, klare Familienzeiten haben. Sich anzutrainieren, dass man nicht switcht, sondern präsent ist, wenn man zu Hause ist. «Doch insbesondere Väter haben Mühe, über ihre ­Vereinbarkeit zu sprechen», sagt Paulus. Schwierig machen es ihnen Rollenbilder, in denen es besser ist, von einem Marathonlauf zu erzählen als vom Besuch des Kasperli-Theaters mit seinen Kindern. Nur kein Softie sein und als halber Mann zu gelten.

All das gefährdet die Gesundheit der Menschen. 25 Prozent ­aller Erwerbstägigen landen in Europa während ihres Erwerbslebens in einem Burn-out. Moderne Arbeitsstrukturen, die den familiären Mittagstisch nicht mehr möglich machen, Sonntagsarbeit oder Heimarbeit, in der Arbeitnehmer isoliert sind, und das Arbeiten in sinnverwirrenden und lauten Grossraumbüros sind Herausforderungen. Für Paulus ist nicht nur die ständige Erreichbarkeit, sondern auch die Beschleunigung ein Problem. «Wir müssen immer mehr leisten innert kürzerer Zeit. Das führt zu einer Dynamik, die nicht mehr zu steuern ist. Die einen schaffen es, die Notbremse für sich zu ziehen, die anderen fallen in ein Burn-out», sagt Paulus.

Das dient weder Mitarbeitern noch den Arbeitgebern. Eine Einsicht, welche den Chef des Transport-Unternehmens Thomann AG sagen liess: «Ich will nicht, dass Mitarbeiter kündigen, weil sie zu Hause nicht klarkommen.» In Zusammenarbeit mit dieser Firma und der Sonderschule Bad Sonder sowie der IT-Firma Abraxas Informatik AG haben Soziologen der Fachhochschule St. Gallen um Stefan Paulus deshalb ­einen Vereinbarkeits-Simulator entwickelt. Denn oft wissen Menschen gar nicht, wie es um ihre Work-Life-Balance steht, wie gut sie die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Privatleben hinkriegen. Mit dem Vereinbarkeits-­Simulator soll der Nutzer erkennen, was seine Belastungen und Wünsche sind. Der Simulator zeigt den Nutzern Konflikte, Unzufriedenheiten und messbare Belastungen, vor allem Zeitbelastungen. Danach spuckt der Simulator einen Plan aus, wie man vom Ist-Zustand zu einem erwünschten Soll-Zustand kommt. Die Nutzer zeigen den Plan zuerst ihrer Familie, um dort eine Vereinbarung zu treffen. Danach ist der Zeitpunkt gekommen, um mit dem Chef darüber zu reden. Vielleicht um ein neues Arbeitsorganisationsmodell zu gestalten. Sollte weder mit der Familie noch mit den Vorgesetzten eine Einigung erzielt werden, muss der Nutzer damit noch einmal den Simulator füttern und einen erneuten Versuch machen.

«Zufriedene Mitarbeiter sind länger leistungsfähig, während psychische Erkrankungen wegen Stress die Kosten erhöhen. Diese werden bald häufiger sein als Herz-Kreislauf-Erkrankungen», sagt Paulus. Es gebe gute Beispiele von Firmen, welche eine Entschleunigung antrieben. Solche, die ihren Mail-Server am Freitag abstellen. Oder Firmen, die Leute büssen, wenn sie freitags eine E-Mail schreiben. Es müsse nachhaltige Arbeitsmodelle geben, welche ermöglichten, dass Menschen im Gleichgewicht bleiben.

Auch Flexibilisierung birgt Gefahren

Allerdings hätten betriebliche Massnahmen für die Work-Life-Balance oft den Fokus nur auf der Erwerbsarbeit. Vorgeschlagen werden Teilzeit-, Job-Sharing- Modelle und Arbeitsort- und Zeit-Flexibilisierung. Genau diese Massnahmen bergen gemäss Paulus aber Gefahren, das Gegenteil des Bezweckten zu bewirken. «Die Leute sind überfordert, müssen vieles gleichzeitig machen. Die Arbeitszeit-Flexibilisierung und Teilzeit kann auch zu neuem Stress führen.» Ein Gleichgewicht könne nur hergestellt werden, wenn man das Leben mit Erwerbsarbeit und Privatem als Ganzes betrachte, sagt Paulus.

Hilfe durch Simulator

Der Vereinbarkeitssimulator der FHS St. Gallen ist ein Selbsttest am Computer. Die Simulation verläuft dabei in drei Schritten und richtet sich in erster Linie an Menschen, die kleine oder jüngere Kinder zu betreuen haben und diese Betreuung mit der Erwerbsarbeit in Einklang bringen wollen. Eigentlich sind insgesamt 41 Fragen zu beantworten. Im ersten Schritt fragt der Simulator nach der Lebens­lage des Nutzers. Frage 28 lautet zum Beispiel: «Ich fühle mich machtlos, meine Arbeitssituation zu verändern.» In Abstufungen ist dann zu beantworten, ob das zutrifft oder nicht. Nach dieser Frage ist die Erfassung der Lebenslage abgeschlossen und es folgt die Auswertung, in der vom Simulator Unzufriedenheiten und Belastungen aufgezeigt werden. Im zweiten Schritt werden mögliche Lösungen dargestellt, Ideen und Hilfsmassnahmen festgelegt, damit die Unzufriedenheiten und Belastungen reduziert werden können. Im ersten Teil geht es um mögliche Vereinbarungen im zweiten um die ­Planung der Zeitverwendung. Im dritten Abschnitt schlägt der Vereinbarkeitssimulator konkrete Massnahmen vor, mit denen vorhandene Belastungen oder Unzufriedenheiten verändert werden können. Im dritten Schritt erarbeitet der Simulator mit dem Nutzer eine Planung mit Massnahmen: Vereinbarungen, Zeitverwendung und betriebliche Hilfen wie Teilzeit oder Weiterbildungen.

Resultatblatt des Simulators (Bild: .)

Resultatblatt des Simulators (Bild: .)

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