Vegan zu mehr Touristen

In Italien wird der Tourismus mit speziellen Projekten angekurbelt: Mit Selfie Areas und Vegan-friendly-Geschäften wollen zwei ligurische Städte Gäste anlocken. Während die Cinqueterre in der Touristenflut fast versinken.

Sarah Coppola-Weber
Merken
Drucken
Teilen

Vorbei sind die Zeiten, als man mit dem Selbstauslöser Ferienerinnerungen verewigte und innert zehn Sekunden auf die Bildfläche hechten musste. Heute schiesst man mit dem Handy ein Selfie. In Sarzana, einem beschaulichen mittelalterlichen Städtchen am südlichsten Zipfel Liguriens, hat der Bürgermeister Alessio Cavara diesen Trend aufgenommen und im historischen Ortskern vier Punkte als «Selfie Area» gekennzeichnet. Seither nennt sich Sarzana die erste Selfie-Stadt Italiens. Das Projekt ist an einen Wettbewerb geknüpft, bei dem die Benutzer ihre Selfies unter Angabe von Name, Alter und Herkunft unter «Sarzanaselfiearea» auf Facebook, Twitter oder Instagram posten. Noch diesen Monat prämiert eine Jury die besten drei Bilder. Die Aktion, heisst es, soll vor allem jüngere Besucher auf die Schönheiten der Stadt aufmerksam machen. Städte-Promotion mit Selfies haben in Italien schliesslich schon Michelle Obama, Will Smith und Beyoncé erfolgreich betrieben.

Eine vegane Gemeinde

Eine weitere neumodische Tourismus-Idee stammt aus Finale Ligure, das zwischen Savona und Imperia an der Blumenriviera liegt: Dort sind Veganer willkommen. Eine ganze Reihe Pizzerien, Restaurants und Geschäfte haben mindestens ein Produkt im Angebot, das keine tierischen Produkte enthält. «Es geht uns in erster Linie darum, Offenheit für andere Lebensstile zu schaffen», erklärt Bürgermeister Ugo Frascherelli. Sensibilisierung und Akzeptanz würden hoch im Kurs stehen, und da die Italiener, die sich vegetarisch oder vegan ernähren, bereits sieben Prozent der Bevölkerung ausmachen, habe man sich mit dem Projekt «Vegan-friendly» zu diesem Lebensstil bekannt. «Es geht uns nicht darum, den Leuten vorzuschreiben, was sie zu essen haben», betont Frascherelli, der nach eigenen Angaben «Allesesser» ist. Das Projekt habe schon erste Wellen geschlagen, nicht nur durch das hohe mediale Interesse mit positiver Auswirkung auf den Tourismus, sondern auch mit der Teilnahme von zwei weiteren italienischen Gemeinden, die sich nun als «vegan-friendly» bezeichnen: Casale Monferrato im Piemont und Pietra Ligure, die Nachbargemeinde von Finale.

Bezahlen trotz Bauarbeiten

Eine der beliebtesten Feriendestinationen Liguriens hat indes keinen Bedarf an originellen Ideen, um den Tourismus anzukurbeln. Die Cinqueterre werden nach wie vor von Menschenmassen überrollt. Täglich besuchen Tausende Reisende die fünf Dörfchen zwischen Genua und La Spezia, wo das Sprachengewirr in den Gassen zum Alltag gehört wie die Fähnchen zu den Führern. Die Touristen werden mit dem Zug oder zu Fuss durch die fünf Dörfer geschleust. Für das Bahnticket, das mit dem Eintritt zu den Verbindungswanderwegen zwischen den fotogenen Ortschaften gekoppelt ist, müssen die Gäste zwölf Euro pro Tag hinlegen. Auch dann, wenn vier von fünf Wegen wegen Unterhaltsarbeiten geschlossen sind.

Doch wie es scheint, würden die Touristen wohl noch tiefer ins Portemonnaie greifen, nur um die Wege an der felsigen Küste über dem Meer zu nutzen. «Klar sind unsere Gäste enttäuscht darüber, dass die legendäre Via dell'Amore nur zur Hälfte begehbar ist und auch andere Passagen geschlossen sind, aber ich unterbreite ihnen Alternativen, und sie kehren trotzdem zufrieden vom Ausflug zurück», erzählt die Liechtensteinerin Ruth Spalt, die seit 34 Jahren in den Cinqueterre lebt und als Empfangsdame des Hotels Porto Roca in Monterosso arbeitet.

Schiffspassagiere füllen Züge

Doch nicht nur geschlossene Wegstrecken verursachen lange Gesichter bei den Touristen – auch überfüllte Züge sind an der Tagesordnung: Mit ein Grund sind die Kreuzfahrtschiffe, die seit zwei Jahren in La Spezia haltmachen und deren Passagiere die Cinqueterre ebenfalls besuchen. «Die Tagestouristen überfüllen die Dörfchen, lassen dabei praktisch kein Geld, dafür Abfall liegen und verunreinigen so die Landschaft», sagt Annette Barg, Betreiberin des Campings Pian Di Picche in Levanto. Man sei sich einig, dass die Kapazitätsgrenze im einzigartigen Unesco-Gebiet erreicht sei.

Ob sich daran bald etwas ändern wird, steht in den Sternen. Lösungsvorschläge wie die Einführung einer Zulassungsbeschränkung für Gruppen sind zwar aufgegleist, die Verwirklichung von Projekten dauert aber oft lange. Das zeigt sich ebenfalls bei den Wartungsarbeiten an den Wanderwegen nach Unwettern. Wird deswegen die Landschaft mit den schönen Terrassengärten, Rebstöcken und Trockenmauern dereinst im Meer versinken, wie dies für das ebenfalls touristische Venedig schon seit Jahren vorhergesagt wird? Das fragen sich viele. Eines ist klar: Die Cinqueterre haben das gegenteilige Problem als andere Gegenden. Man kann nur hoffen, dass sich die Menschenmassen verteilen werden – und das Bewusstsein für sanften Tourismus wächst.