Valencia begrüsst den Frühling

Valencia ist im Ausnahmezustand: «Es gibt zwar eine Wirtschaftskrise, aber die Fallas bleiben die Fallas.» Ausgelassen und fast rund um die Uhr feiern die Stadtbewohner fünf Tage lang ihr Frühlingsfest – die Fallas.

Ramona Riedener
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Die Skulptur auf dem Rathausplatz wird von der Stadt Valencia bezahlt. Die Kosten für die anderen Figuren tragen die Vereine. (Bilder: Ramona Riedener)

Die Skulptur auf dem Rathausplatz wird von der Stadt Valencia bezahlt. Die Kosten für die anderen Figuren tragen die Vereine. (Bilder: Ramona Riedener)

Heute nacht werden sich in Valencia in nur wenigen Minuten über sechs Millionen Euro in Rauch auflösen. Auf den Plätzen und Strassen der Stadt und der Region trennen sich die Valencianos von ihren rund 800 zum Teil haushohen Skulpturen, den Fallas. Die Cremà, die Verbrennung, ist der Höhepunkt des jährlich stattfindenden Frühlingsfestes. Die Valencianos sind nicht etwa traurig, wenn ihre Kunstwerke von den Flammen zerstört werden. Sie trennen sich davon, um wieder Platz zu machen für die Fallas im nächsten Jahr.

359 Tage für die Vorbereitung

Der Rauchgeruch ist kaum aus der Stadt verschwunden, wenn morgen am 20. März Valencias Falleras und Falleros, die Mitglieder der Nachbarvereine, auf Valencianisch Comisiones, mit der Planung der Fallas für das kommende Jahr beginnen werden. Die Vorbereitungen bis zur Plantà, der Aufstellung der Monumente in den Strassen, dauern 359 Tage. Auch die Anfertigung der Trajes, der traditionellen valencianischen Trachten, braucht seine Zeit. Die Comisiones sind für die Finanzierung ihrer Fallas selber verantwortlich. Mit Ausnahme der beiden Fallas auf dem Rathausplatz. Diese Kosten werden von der Stadt getragen. Jede Comision wählt ihre Festköniginnen, eine Fallera Mayor und eine Fallera Infantil. Diese repräsentieren den Verein während des Festes.

Die schönste Falla fürs Museum

Am 16. März müssen jeweils alle Fallas, welche Themen aus Politik, Kultur und Sport wiedergeben, fertig aufgestellt sein. Mit Kranen bauen die Handwerker in schwindelerregender Höhe die Einzelfiguren, die Ninots, zum fertigen Monument zusammen. «Der wichtigste Augenblick ist für mich die Plantà, wenn die Fallas auf dem Platz stehen und zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert werden. Vorher ist alles streng geheim», sagt David Gonzalez Garcia, Präsident der Falla Plaza Dr. Collado. Von jeder Falla wird vorgängig das schönste Ninot in einer Ausstellung präsentiert. Am Abend vor der Fertigstellung wird die schönste Figur ausgewählt. Diese wird von den Flammen verschont und kommt ins Fallamuseum.

Mittags um eins in der Innenstadt: Eine bunte Menschenmenge drängt in Richtung Rathausplatz. Falleros und Falleras in ihren traditionellen Trachten, Vereinsgruppen in beschrifteten Shirts, Familien mit Kleinkindern, Jugendliche mit Fahnen und unzählige Touristen möchten sich einen Platz für die Mascletà ergattern. «Cerveza fría!» schreit ein fliegender Verkäufer durch die Menge. Nein, noch ist es nicht so weit. Das Spektakel beginnt erst in einer Stunde. Vom 1. bis 19. März gibt es täglich beim Rathaus ein Tagfeuerwerk, von den Valencianos Mascletà genannt. «Einfach den Mund offen lassen, damit der Lärm entweichen kann», rät eine Einheimische. Das rhythmische und ohrenbetäubende Böllerkonzert beginnt. Zehn Minuten dauert die Darbietung und endet mit ununterbrochenem Krachen, welches die Erde erbeben lässt. Der Platz ist in dunkle Rauchschwaden gehüllt. Die Menge bricht in tosenden Applaus und begeisterten Jubel aus. Mit ungewohnter Disziplin löst sich die Menschenansammlung wieder auf.

Blumen für die Stadtpatronin

Aus den Gassen ertönt Blasmusik – Pasodoble. Es riecht nach Churros, einem süssen, frittierten Hefeteiggebäck, vermischt mit dem Schwefelgeruch der Knallfrösche, die die Kinder überall abfeuern. Auf den Plätzen haben sich verschiedene Gruppen versammelt. Frauen in üppigen Kleidern und speziellen Frisuren, Männer in farbenfrohen Westen und Kniebundhosen, süss gekleidete Kinder in blumengeschmückten Wägen und Blasorchester in schmucken Uniformen bereiten sich auf die Ofrenda de las Flores vor. «Espere, por favor!», ruft eine ältere Frau und behebt eine nicht sichtbare Unregelmässigkeit am Spitzenschleier einer Jüngeren. Dann stellt sich die Gruppe für die Prozession auf.

An zwei Tagen von nachmittags bis weit nach Mitternacht defilieren die Fallas Comisiones durch die Strassen Valencias, um ihrer Stadtpatronin, der Jungfrau der Schutzbedürftigen, auf dem Plaza de Virgen Blumen zu überbringen. An den Strassenrändern jubeln und applaudieren die Zuschauer den Gruppen zu. Die Ankunft auf dem Platz ist für viele Prozessionsteilnehmer ein sehr bewegter und feierlicher Augenblick. Bei der Übergabe der roten und weissen Nelken fliessen nicht selten Tränen der Rührung. Die Blumen werden von Vestidores (Ankleider) in präziser Genauigkeit auf das über 15 Meter hohe Holzgerüst der Schutzpatronin gebunden. Bereits nach dem ersten Tag der Ofrenda ist das Gerüst, welches das Kleid der Virgen darstellt, über die Hälfte mit Nelken bedeckt. Der Platz gleicht einem Blumenmeer.

Nachts um ein Uhr: Die Haupttrasse wird abgesperrt. Im ausgetrockneten Flussbett der Turia wird ein Feuerwerk dargeboten, ein Castello, wie die Valencianos sagen. In dieser Nacht, der Nit de Foc, der Nacht des Feuers, versammelt sich die ruhelose Stadtbevölkerung, um sich das schönste, längste und zugleich letzte Feuerwerk des Festes anzuschauen. Die Licht- und Farbdarbietung stimmt die Festteilnehmer auf den letzten Tag der Fallas ein. Die Valencianos lieben Feuerwerke. Sie gehören für sie zu jedem Fest. Deshalb geben sie Millionen von Euro dafür aus, und die zahlreichen Pyrotechniker haben rund ums Jahr Arbeit.

Der Tag des Heiligen Josef

Heute ist der 19. März, der Tag von San José, des Heiligen Josef, des Ziehvaters von Jesus. Er gilt in Spanien als Schutzpatron der Zimmerleute. Auf diesen Hintergrund stützt sich der Ursprung der Fallas. Früher, als es noch kein elektrisches Licht gab, haben die Zimmerleute in ihren Werkstätten Öllampen an Holzgestellen angebracht, um während der Wintermonate Licht zu haben. Im Frühling haben sie das Holz auf der Strasse verbrannt. Dieser Brauch entwickelte sich weiter, und aus Holz und Lumpen wurden puppenähnliche Gestalten angefertigt. Die Verbrennung wurde auf den 19. März gelegt.

Es dämmert bereits in Valencia. Von weitem hört man eigenartige Klänge. Ein orientalisch wirkender Feuerumzug bewegt sich durch die Calle Colón. Gespenstische Gestalten, Jongleure, Drachenmenschen und feuerspuckende Wagen ziehen an den Zuschauern vorbei. Wieder zischt und knallt es. Die Cabalgata del Foc, wie der Feuerumzug genannt wird, erinnert an die Vergangenheit, an die Spuren, die die Mauren in der Hafenstadt Valencia hinterlassen haben.

In den Strassen bei den Fallas haben sich die Vereine und Zuschauer zur Cremà versammelt. Ein letztes Gruppenbild vor ihrer Falla, ein Pasodoble der Musikkapelle, Feuerwehrleute, die aus allen Teilen Spaniens einbezogen worden sind, nehmen ihre Position ein. Die Knallkörper explodieren, begleitet von einem funkensprühenden Feuerwerk. Innerhalb einer Minute steht die Figur in Flammen. Die Fallas 2014 gehören danach der Vergangenheit an.

Tradition von Jugend auf: Das Frühlingsfest in Valencia.

Tradition von Jugend auf: Das Frühlingsfest in Valencia.