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URTEIL: Gericht verlässt «Highway des Grauens»

Das Bezirksgericht Lenzburg schliesst einen der aufsehenerregendsten Schweizer Mordprozesse ab. Dem Gericht gelingt mit dem Urteil im Fall Rupperswil eine Besonderheit: Alle Parteien kommentieren das Urteil mit Erleichterung.
Andreas Maurer, Mario Fuchs
«Gutes Urteil»: Staatsanwältin Barbara Loppacher. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (16. März 2018))

«Gutes Urteil»: Staatsanwältin Barbara Loppacher. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (16. März 2018))

Andreas Maurer, Mario Fuchs

Gerichtspräsident Daniel Aeschbach haut mit seinem Holzhammer viermal auf den Resonanzkörper. Die Urteilsverkündigung ist eröffnet. Der Richter gibt mit seinen Hammerschlägen, die aus einer vermeintlich längst vergangenen Zeit stammen, den Takt einer emotionalen Woche vor. Zum Soundtrack gehört das Rauschen der Laptop-Tastaturen, das die 65 Journalisten bei jedem markanten Satz anschwellen lassen. Bei manchen Aussagen des Vierfachmörders geht ein Raunen durch die Zuschauerreihen. Dazwischen rascheln die Taschentücher, mit denen Tränen getrocknet werden.

Richter Aeschbach zählt die neun Anklagepunkte auf, welche die unfassbare Tat zumindest juristisch fassbar machen: von Mord bis Brandstiftung. In allen Punkten wird er für schuldig erklärt. Das Gericht verhängt die härteste Strafe des Gesetzbuches, eine lebenslängliche Freiheitsstrafe, und die zweithärteste mögliche Massnahme, eine ordentliche Verwahrung. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass Thomas N. im Gefängnis sterben wird. Eine lebenslängliche Freiheitsstrafe dauert 20 Jahre. Nach 15 Jahren ist bei guter Führung eine bedingte Entlassung möglich, wobei die zwei bisherigen Haftjahre angerechnet werden. Doch dann beginnt für N. die Verwahrung. Er wird nur entlassen, wenn Psychiater ihn nicht mehr als Gefahr für die Gesellschaft einstufen.

Opfer wurden «geschächtet»

Gerichtspräsident Aeschbach beschreibt, wie die Tat ihren Lauf nahm: «Es war, wie wenn sich N. in ein Fahrzeug setzte, bei dem er zuvor die Bremsen entfernt hatte, und dann den Autopiloten einschaltete. Er fuhr auf den Highway des Grauens und beschleunigte langsam von null auf tausend.» Ein Adjektiv genügt nicht zur Beschreibung. Er habe kaltblütig getötet, primitiv und krass egoistisch, mitleidlos und empathiefrei. Aeschbach kommentiert die vier Tötungen durch Kehlenschnitte: «Die Opfer wurden regelrecht geschächtet.» Der Gerichtspräsident lässt die Momente nach der Tat Revue passieren: «Er ging duschen und anschliessend mit seiner Mutter und den Hunden spazieren. Am Abend ging er mit Freunden in den Ausgang.»

Die Tat war drei Tage vor Weihnachten. In N. habe es in dieser Zeit wieder «gerattert», sagt Aeschbach. Der Täter habe die nächste Tat geplant. Er habe sie sogar optimieren wollen und sich deshalb Seile für die Fesselung besorgt. Einer der Brüder hatte sich von den Kabelbindern befreien können. Dann schnitt ihm N. die Kehle durch. Das Gericht sieht wie die Gutachter Anzeichen einer Serientäterschaft und stuft auch die Vorbereitungshandlungen für ähnliche Verbrechen als strafbar ein.

Das Gericht ist gespalten

Dass das fünfköpfige Gericht bei der Freiheitsstrafe die Höchststrafe wählt, ist nicht überraschend. Verteidigerin Renate Senn forderte 18 statt 20 Jahre und machte strafmildernd geltend, dass Behörden und Medien ihren Klienten vorverurteilt hätten und «ihm die Opfer in die Karten gespielt» hätten. Sie hätten sich einfach manipulieren lassen. Dieses Argument sorgte diese Woche für den Gipfel der Empörung. Sogar das Gericht tadelt sie dafür: «Es erscheint bizarr-grotesk, die Schuld den Opfern oder der Polizei zuzuschieben.» Die grosse juristische Frage, welche noch weitere Instanzen beschäftigen könnte, ist jene nach der Verwahrung. Gemäss Präsident Aeschbach ist das Bezirksgericht diesbezüglich gespalten. Voraussetzung für eine lebenslängliche Verwahrung ist, dass zwei Gutachter den Täter als untherapierbar einstufen. Die Psychiater diagnostizierten bei N. eine Kernpädophilie und eine zwanghafte oder narzisstische Persönlichkeitsstörung. Damit erklären sie den sexuellen Übergriff auf den Buben, N.s Hauptmotiv. Danach habe er die Familie getötet, um die Tat zu vertuschen. Das sei typisch für einen Narzissten: Um sich selber vor einem Gesichtsverlust zu bewahren, tötet er vier Menschen.

Interessantes Argument der Staatsanwältin

Staatsanwältin Barbara Loppacher hingegen sieht keinen direkten Zusammenhang zwischen der Diagnose und den Tötungen. So hat sie N. kurzerhand für untherapierbar erklärt und eine lebenslängliche Verwahrung gefordert. Präsident Aeschbach sagt, das Gericht habe das Argument der Staatsanwältin einstimmig als interessant eingestuft. Doch eine Mehrheit habe es nicht statthaft gefunden, dass sie Rosinen herauspicke. Sie hätte ihre Erklärung den Gutachtern vorlegen müssen, was sie aber wohl bewusst nicht getan habe.

Aeschbach beendet die Urteilsverkündung mit vier Hammerschlägen. An den ersten Prozesstagen war die Pause dazwischen kurz. Für das Finale hält er zwischen jedem Schlag inne. Danach geht das Geratter los. Vor den Mikrofonen entsteht Gedränge. Eine Journalistin von «20 Minuten» hat einen Platz in der ersten Reihe besetzt, doch sie wird weggeschubst. «Wie Hühner», ruft sie. Staatsanwältin Barbara Loppacher tritt vor die Medien: «Unser Ziel war eine lebenslängliche Freiheitsstrafe. Das ist gelungen.» Dass sie mit ihrem Antrag für eine lebenslängliche Verwahrung nicht durchgekommen ist, scheint sie zu akzeptieren: «Der Täter bleibt sicher längere Zeit, wo er jetzt ist. Ich denke, das ist gut so. Ich bin überzeugt, dass dieser Mann sehr, sehr gefährlich ist, und ich glaube nicht, dass die ambulante Massnahme daran etwas ändern wird.»

Verteidigerin sieht «hartes Urteil»

Auch Verteidigerin Senn gewinnt dem «harten Urteil» Positives ab. Die Verwahrung sei zwar «schwer nachzuvollziehen». Doch ihr Klient sei «sehr glücklich», endlich eine Therapie zu erhalten. Ob sie das Urteil anficht, liess sie offen. Sie könnte fordern, dass therapeutische Massnahmen genügen. Das Gericht entschied sich dagegen, da dabei ein Therapieerfolg in unter fünf Jahren realistisch sein müsste. Dies sei nicht der Fall.

Die Opferanwälte äusserten sich erleichtert. Zum Beispiel Markus Leimbacher: «Für die Opferfamilien war wichtig, dass das Gericht einen Weg findet, damit der Täter nie mehr freikommt. Das dürfte mit der ordentlichen Verwahrung sichergestellt sein.» Die Anwälte dankten sogar den Medien für die «sorgfältige Berichterstattung». Dabei waren es die Opfer, die beim Prozess zu kurz kamen. Der Täter stand im Zentrum. Zu jedem Hammerschlag wurde seine Reaktion notiert.

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