Unter Druck

Energie aus der Tiefe: Wunderbar. Doch die Technologien sind unter Druck: Über das erschütterte Geothermieprojekt in St.Gallen wird morgen entschieden, und die Grüne Partei fordert ein generelles Fracking-Verbot für die Erdgasförderung. Das Fracking sei zu Unrecht in Verruf geraten, finden hingegen Energie-Experten.

Bruno Knellwolf
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Gasgewinnung durch Fracking bei Montoursville in Pennsylvania. (Bild: getty/Robert Nickelsberg)

Gasgewinnung durch Fracking bei Montoursville in Pennsylvania. (Bild: getty/Robert Nickelsberg)

Morgen wird die Öffentlichkeit erfahren, wie es mit dem St. Galler Geothermieprojekt weitergeht, vergangene Woche haben die Grünen ein Verbot des Frackings gefordert. Die mit so vielen Hoffnungen verknüpfte Energiegewinnung aus der Tiefe ist, wie andere Formen der Energieerzeugung, angeschossen.

Verdoppelter Energiebedarf

Dabei sind die Zahlen beeindruckend, die der Geothermie-Experte Peter Burri an einer Fachveranstaltung der St. Galler Stiftung Risiko-Dialog liefert: In den nächsten 40 Jahren wird sich der weltweite Energiebedarf verdoppeln – sogar dann, wenn sich das aktuelle Wachstum halbiert. Wollte man die zusätzlich benötigte Energie decken, müsste die nächsten 40 Jahre täglich ein neues Kernkraftwerk gebaut werden.

Da stellt sich die Frage, woher diese Kraft künftig kommen soll. Eine Antwort gefunden hat man in den USA. Der Energiehunger wird dort zurzeit gestillt mit der Förderung von unkonventionellem Erdgas in der Tiefe: kurz mit Fracking.

Ressourcen im Muttergestein

Um was geht es? Das Muttergestein rund 4000 Meter unter der Erde ist reich an organischem Material. Das wandelt sich über Jahrmillionen zu Öl und Gas, wandert dann im Untergrund, bleibt irgendwo stecken oder geht an die Oberfläche. Ein kleiner Teil wird durch die oben liegende Tonschicht gestoppt, bleibt in Fallen und bildet darin konventionelle Lager von Öl und Gas. Dieses kann dort konventionell gefördert werden. Der viel grössere Teil des Rohstoffs bleibt aber im Muttergestein zurück. «Etwa 50 bis 80 Prozent des Gases», erklärt Burri.

Und dieses Gas im tiefen Muttergestein muss mit unkonventionellen Methoden gewonnen werden, mit Fracking. «Könnte man nur schon 10 bis 20 Prozent des Gases im Muttergestein fördern, hätte man mehr Reserven als in den konventionellen Lagern.» Mit dieser Erkenntnis haben die Amerikaner ihre Energiewende geschafft. Mit Fracking wird landauf, landab so viel Gas gefördert, dass die USA die Abhängigkeit von den Ländern des Nahen Ostens verloren haben. Im Jahr 2010 wurden in den USA dafür 40 000 Bohrungen durchgeführt.

Sechs Risikofaktoren

Diese Fracking-Euphorie wird in Europa nicht geteilt: Hier werden die Risiken diskutiert. Genannt werden zum ersten Risse durch das Fracking bis an die Oberfläche, zweitens grosser Wasserverbrauch fürs Fracking, drittens der Einsatz giftiger chemischer Zusatzmittel, viertens mögliche Erdbeben, fünftens Entweichen von Methan und sechstens grosser Landbedarf.

Darüber, dass es keine Energiegewinnung ohne Nachteile und Risiken gibt, sind sich die Experten einig. Uneinig sind sie sich aber über die Grösse des Risikos. Peter Burri betont, dass es in den USA früher inakzeptable Probleme beim Fracking gegeben habe. Wie bei jeder Technik gehe aber auch beim Fracking der Fortschritt weiter, was auch der Geologe Werner Leu, Geschäftsführer der Firma Geoform, so sieht. Die beiden schätzen die Risiken folgendermassen ein. Erstens: Risse bis an die Oberfläche wegen des Frackings seien schon physikalisch beinahe unmöglich, und es gebe weltweit keinen dokumentierten Fall. Die Unfälle in den USA, die zu Verunreinigungen geführt hätten, seien durch menschliches Versagen erzeugt worden.

Auf Wasser verzichten

Zweitens: der grosse Wasserverbrauch. Auch das sei ein Problem, das in alten Bohrfeldern akut gewesen sei. Heute werde das Wasser meist rezykliert. Burri erzählt von Fracking-Bohrfeldern in Pennsylvania, in denen 99 Prozent des Wassers wiederverwertet würden. Zudem des öfteren gar kein Wasser mehr verwendet. Der Druck für die gewünschten Risse im Gestein werde mit dem Einpressen von CO2 erreicht.

Drittens: das Einpressen von Chemikalien. Leu erklärt, dass bei jeder Bohrung, nicht nur beim Fracking, Zusätze nötig seien. «Wasser allein genügt nicht.» Dies, weil sich die Klüfte ansonsten wieder schlössen. Heute würden allerdings Substanzen gebraucht, die sogar in der Lebensmittelindustrie verwendet würden. Der Teil toxischer Substanzen gehe zurück. Häufig werde heute zudem die gebrauchte Flüssigkeit mit UV-Licht sterilisiert, so dass keine Bakterien in den Untergrund gelängen.

Abgedämpfte Erschütterungen

Viertens: die Seismizität (Erdbebenwahrscheinlichkeit). Da denke man an die Geothermie-Bilder aus Basel und St. Gallen. Doch gebe es kein einziges Beispiel eines Schadenbebens im Zusammenhang mit 1,5 Millionen Fracks. Selbstverständlich gebe es Erschütterungen durch Fracking, doch die Wechselfolge von Ton und Gestein wirke wie ein Puffer. Fünftens: das Entweichen von Methan. Das sei nur ein Problem bei unsorgfältigem Operating. Sechstens: der grosse Landbedarf: Der Landbedarf für Fracking werde laufend kleiner wegen der Cluster-Bohrungen. Das heisst, es werden am gleichen Bohrplatz zehn Bohrungen gemacht, um Gas zu gewinnen.

Umweltschäden sind möglich

Problematischer sehen das Dietrich Borchardt, Professor am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Magdeburg, und Jürg Hertz, Amtschef des Thurgauer Amtes für Umwelt. Immer müsse man mit dem schlechtesten Szenario rechnen, also auch mit menschlichem Versagen. Beispielsweise mit einem Lastwagenunfall auf der Baustelle, einem Leck im Bohrloch, Chemikalien auf dem Bohrplatz.

Zu berücksichtigen sei auch, dass die Bohrplätze in der Landschaft wanderten, um neue Lager anzuzapfen. Damit ergebe sich eine erhöhte industrielle Aktivität über ein ganze Region. «Das ist eine neue Dimension», sagt Borchardt. «Aber ein grundsätzliches Verbot wird in keiner wissenschaftlichen Studie gefordert.» Borchardt hält es für sinnvoll, das Fracking in bestimmten sensiblen Gebieten wie Natur- und Trinkwasserreservaten zu untersagen. Zudem sei das Monitoring wichtig, laufende Tests der eingesetzten Zusätze, Mindestabstände der Fracking-Zone zu wasserführenden Schichten, und zukünftig müsse auf den Einsatz giftiger Zusatzstoffe verzichtet werden.

Thurgauer Abwehr

Für den Thurgauer Umweltamt-Chef Jürg Hertz ist die Entsorgung des zurückfliessenden Wassers das grösste Problem: «Das ist bis heute nicht befriedigend gelöst.» Die Risikoabwägung zeige ihm, dass das Risiko grösser sei als der Nutzen. Fracking sei nach heutigem Stand abzulehnen, die technische Entwicklung sei aber zu verfolgen, der Gewässerschutz gerade im Bodenseeraum habe aber Priorität. So prallen die Meinungen aufeinander, und eine Bemerkung einer Soziologin zeigt, wie schwierig es neue Technologien haben. «Die meisten Menschen akzeptieren nur die Informationen, die ihre eigenen Werte, ihr Weltbild, bestätigen.»

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