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Unten ohne

Kleinkinder Ständiges Wickeln und teure Windeleinkäufe nehmen die meisten Eltern nach der Geburt ihres Nachwuchses als notwendiges Übel hin. Doch es geht auch ohne. Schon Säuglinge kommen ohne Windel aus, wenn man ihre Signale erkennt, sagen zumindest die Anhänger der Windelfrei-Theorie. Katja Fischer De Santi
Dorothea Enns mit ihren Kinder Robin (1) und Camilla (3): Statt Windeln gibt es bei ihnen zu Hause das Töpfchen – von Anfang an. (Bild: Michel Canonica)

Dorothea Enns mit ihren Kinder Robin (1) und Camilla (3): Statt Windeln gibt es bei ihnen zu Hause das Töpfchen – von Anfang an. (Bild: Michel Canonica)

«Nein, es funktioniert nicht immer», sagt Dorothea Enns routiniert. Die zweifache Mutter aus St. Gallen ist sich die Fragerei gewohnt. Wo immer sie mit ihren Kindern auftaucht, wird sie zum Gesprächsthema. Dann, wenn sie ihrem einjährigen Sohn am Rande des Spielplatzes die Hose runter- zieht und ihn in der Hockeposition Bisi machen lässt. Denn Windeln trägt Robin tagsüber nicht mehr seit er vier Monate alt ist.

Ab dem ersten Tag ohne

Er und seine dreijährige Schwester Camilla sind aber keine Superkinder und Mutter Dorothea Enns auch keine Supermama, die ihre Kinder aufs Trockenwerden drillt. Jedes Baby könne ab dem Tag seiner Geburt windelfrei sein, ist Enns überzeugt. Schon Säuglinge würden klare Zeichen geben, bevor sie Darm oder Blase entleerten. Sie zappeln, wimmern, unterbrechen abrupt das Trinken/Essen oder verziehen das Gesichtchen. «Man muss die Zeichen nur zu deuten lernen – und sofort reagieren, indem man mit dem Kind auf die Toilette geht oder es bittet, einen kurzen Moment zu warten.»

Wenn nicht, würden die Kleinkinder die Zeichen einstellen, und sich daran gewöhnen, ihr Geschäft in die Windel zu machen, sagt auch Rita Messmer. Die Therapeutin und Autorin spricht in diesem Zusammenhang von der «sensiblen Phase». Sie war die erste, die 1996 in ihrem Buch «Ihr Baby kann's» die Windelfrei-Theorie verbreitete. «Babies wollen nicht in die Windeln machen; es ist für sie unangenehm, im eigenen Dreck zu liegen», schrieb Messmer. Bestätigt werde dies durch die Beobachtung vieler Eltern, dass das Baby erst dann uriniere, wenn sie die Windeln geöffnet hätten.

Tochter verweigerte Windeln

Darauf gekommen ist die dreifache Mutter, weil sich ihre älteste Tochter nach ein paar Monaten nur noch unter wildem Geschrei wickeln lies. Sie hielt sie daraufhin über das Häfi – und siehe da, es funktionierte.

Rita Messmer war erfreut und erstaunt. Heisst es doch unter Kinderärzten, dass Kinder frühestens ab zwei Jahren ihre Blasen kontrollieren könnten. Sie begann zu recherchieren. Und stellte fest, «dass 70 Prozent der Erdbevölkerung ihren Kleinkindern keine Windeln anziehen». Frauen in Afrika oder Asien würden ihre Säuglinge mit Tüchern am Körper tragen und sie für den Stuhlgang kurz von sich weg halten. Denn, so ist die Therapeutin überzeugt, «Babies haben von Geburt aus das Bedürfnis, sich und ihre Mutter sauber zu halten». Schliesslich würden auch Tierkinder ihr Nest nicht beschmutzen.

In der Praxis anstrengend

Rita Messmer glaubt, dass Reinlichkeit eine natürliche Sache sei wie Essen und Trinken. «Sie ist von Geburt weg angelegt.»

So weit die Theorie. In der Praxis braucht es vor allem viel Geduld, noch mehr Zeit und wasserdichte Unterlagen. Denn ganz so «mühelos» wie Messmer die Windelfrei-Technik beschreibt, sei sie nicht, sagt Dorothea Enns. Säuglinge machen bis zu 20mal am Tag Pipi. Und auch wenn es besser klappt und die Gänge zum Klo oder Töpfchen weniger werden, müsse mit Rückfällen gerechnet werden. «Vor allem bei Entwicklungsschüben ändern sich die Anzeichen oder fallen für einige Tage ganz weg.»

Diese Tage seien chaotisch und auch mal frustrierend, sagt Enns. Die Tage jedoch, wo man auf sein Kind stolz sei und die Kommunikation wunderbar klappe, würden bei weitem überwiegen. «Und für die schlechten Tage gibt es ja noch immer Windeln», gibt sich Enns pragmatisch. Auch nachts sind für sie Windeln praktikabler als aufzustehen. «Eine ausgeschlafene Mutter bringt Robin mehr als eine windelfreie Nacht.» Die gelernte Kinderkrankenschwester betont, dass sie weder besonders alternativ noch eine überengagierte Vollzeitmutter sei. «Windelfrei hat mich begeistert, weil es sofort funktioniert hat und weil Windeln in meinen Augen ein ökologischer und finanzieller Unsinn sind.» Anfangs habe sie jedoch viele Zweifel gehabt. Sich nicht ohne Windeln in den Supermarkt getraut, nicht gewusst, ob es mit der Fremdbetreuung klappt. Zudem habe sie sich allein gefühlt, zuweilen gar stigmatisiert. «Es hat mich erschreckt, wie ablehnend, ja bösartig gewisse Leute reagierten.» Auch Rita Messmer erzählt, dass es sie immer wieder erstaunt, mit welcher Vehemenz das Windeltragen verteidigt werde. «Gerade so als würde eine heilige Kuh geschlachtet.»

Ärzte sind skeptisch

Erziehungsexperten und Ärzte halten dann auch gegen den Trend. Babies im ersten Lebensjahr seien nur sehr begrenzt lernfähig, schreibt etwa der US-Erziehungsexperte Benjamin Spock in einem seiner Ratgeber. Der Säugling werde durch das Toilettentraining zwar konditioniert, wie dies auch bei der Brust geschieht. «Aber das Kind ist sich der Darmbewegung nicht bewusst. Es kooperiert nicht willentlich», schreibt Spock.

Reife wird nicht beschleunigt

Auch Anita Müller, Leitende Ärztin der Kinderklinik am Kantonsspital Münsterlingen, ist skeptisch. Die Anwendung sei extrem aufwendig und zudem sei es unwahrscheinlich, dass dadurch die Reife des Kindes beschleunigt werde. Kleinkinder könnten frühestens ab eineinhalb Jahren ihre Bedürfnisse einordnen. Zudem warnt Müller vor der Stigmatisierung, wenn Eltern ihren Kindern keine Windeln anziehen würden. Rein medizinisch hält es die Ärztin jedoch für unbedenklich.

Bei der Mütter- und Väterberatung St. Gallen ist man positiv eingestellt. Es spreche nichts dagegen, diese Methode anzuwenden, sagt Maya Hofmann. Dass Mütter und Väter dabei lernen, bereits die leisen Signale ihres Kindes zu beachten, sei ein grosser Pluspunkt. «Eltern, die ihre Kinder ohne Windeln aufziehen, reagieren sehr sensibel auf die Bedürfnisse ihres Babys.» Allein daran ist nichts Falsches.

Infos zu den monatlichen Treffen in der Ostschweiz sowie Tips und Coachings unter www.topffit.ch

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