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Unkraut? Gibt's für Kinder nicht

Kathrin Hälg gärtnert als «Gartenkind»-Kursleiterin in Gossau Woche für Woche mit Kindern im Primarschulalter. Ein reiner Ziergarten wäre nichts für sie. Auch ihre Töchter, fünf und acht Jahre alt, sammeln gern essbare Wildblumen.
Bettina Kugler
Keine Angst vor Gemüse – denn selbst gezogen schmeckt es besser. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Keine Angst vor Gemüse – denn selbst gezogen schmeckt es besser. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Zwei Plastikliegestühle und ein Aschenbecher. Mehr stand nicht auf der grossen Terrasse des Zweifamilienhauses in Gossau, als Kathrin Hälg mit ihrem Mann und den zwei Kindern vor ein paar Jahren einzog. Inzwischen wächst und wuchert es allenthalben in Töpfen, in hängenden Balkonkästen und Hochbeeten, sogar in ausrangierten rot-weiss getupften Mädchengummistiefeln, die am Geländer befestigt sind. Gartenkräuter, essbare Blumen, Erdbeeren gedeihen hier, Rüebli, Krautstiel, 19 verschiedene Sorten Tomaten. «Die sind meine erweiterte Familie.» Kathrin Hälg lacht.

Sie ist ein «Naturwurm»

Die insgesamt 20 Buben und Mädchen in zwei Gruppen, mit denen sie einmal wöchentlich im Garten des Schulhauses Lindenberg sät und auspflanzt, pflegt und erntet, wissen längst, dass es Tomaten nicht nur in «rot und rund» gibt. Dass es ein Weilchen braucht, bis aus den winzigen Samen pralle, am Stock gereifte Früchte geworden sind. Und dass unter Normalbedingungen nicht alles jederzeit zu haben ist, wie wir es aus dem Coop oder der Migros gewohnt sind. Natürlich ist der feine Zitronenmelissentee, den Kathrin Hälg draussen in der Morgensonne serviert, aus eigener Ernte zubereitet. Die Hochbeete bieten sie und ihr Mann Magnus als Komplettsystem an, ebenso wie selbstgezüchtete Kompostierwürmer. «Naturwurm» heisst die kleine Firma, die sie dafür gegründet haben und nebenbei betreiben. In den acht Jahren zuvor lebten sie auf einem Bauernhof bei Herisau, «sehr naturnah», wie Kathrin Hälg sagt. Etwas davon wollten sie mitnehmen auf den grossen Balkon in Gossau. Die Plastikstühle kamen weg; jetzt ist genug Platz für Gemüse. «Für mich ist es wichtig, mit dem, was wächst, etwas anfangen zu können. Ein Garten bedeutet viel Arbeit; allein fürs Auge würde ich das nicht machen wollen.» An Sommertagen wie diesem braucht sie nur schon zum Giessen auf der Terrasse gut eine Stunde. Doch auch das Auge kann sich weiden am frischen Grün, das knackigen Genuss verheisst. Unten im Hof sind weitere Beete; hinter dem Zaun neben dem Garagenvorplatz gackern Hühner.

Sensibel für Umweltthemen

Aufgewachsen ist Kathrin Hälg ohne Garten; «doch wir waren viel draussen in der Natur; mein Vater brachte uns Pflanzen näher; wir lernten, Bäume und Blumen zu bestimmen. So entwickelte sich bei mir schon in der Schule ein Interesse für Umweltthemen, zum Beispiel das Waldsterben.» Das fehle Kindern heute zunehmend, auch wenn sie im ländlichen Raum gross werden. «Sie kennen kaum Pflanzen und Wildtiere. Und sie sind auch sehr verplant. Dass etwas viel Zeit und Geduld braucht, ist für viele eine gute Erfahrung.»

«Gartenkind» wächst rasant

Wann immer möglich, nutzt Kathrin Hälg die Zeit im Schulgarten, um die Kinder aufmerksam zu machen auf alles, was zwischen den Beeten herumkrabbelt und -fliegt. Schon als Kind sammelte die gelernte Heilpraktikerin gern Blumen und kochte Hexensuppe. Das machen heute ihre Töchter genauso. Sie beissen in alles, was essbar ist. Und mögen Gemüse. Auf «Gartenkind», in Zürich von Pascal Pauli ins Leben gerufen, wurde Kathrin Hälg aufmerksam durch ein Inserat im «A-Bulletin», dem Magazin der Alternativen. Sie nahm an einer Weiterbildung teil und gibt nun im dritten Jahr Gartenkurse. Schweizweit sind es unterdessen 68 Gruppen, vor allem in den Kantonen Zürich, Aargau, Bern und St. Gallen. Das Angebot breitet sich rasant aus, nutzt brachliegende Schul- und Schrebergärten und rettet den einen oder anderen vor dem Verschwinden.

Die Kinder freuen sich über alles, was wächst; sie machen keinen Unterschied zwischen schönen und nützlichen Pflanzen, zwischen brauchbaren und «Unkraut». «Oft tut es ihnen leid, etwas herauszureissen. Da bin ich nicht so streng. Aber ich sage ihnen schon, welche Pflanzen sich leicht ausbreiten und dann die anderen stören.» Doch Kathrin Hälg hält sich zurück, wenn sie hört, wie manche Erwachsene oder Grosseltern sagen: «Also, hier müsste aber mal gründlich gejätet werden.»

«Die Bohnen isst das Mami»

Bei «Gartenkind» geht es nicht in erster Linie darum, die grössten Kartoffeln zu ernten – auch wenn das besser als jede Schatzsuche ist. Sondern darum, die Kinder mit Grundlagen des Gärtnerns vertraut zu machen. Ihre Lust aufs Arbeiten im Freien bei jedem Wetter zu wecken, am besten zusammen mit anderen Kindern. Den Bezug zur Natur, zum Wachsen und Gedeihen im Jahreslauf zu stärken. Jedes Kind bekommt ein Stück Beet für sich, andere werden gemeinsam bepflanzt – und wenn bei einem die Ernte allzu kümmerlich ausfällt, teilen sie kameradschaftlich. Oder Kathrin Hälg gibt etwas von ihrem Gemüse ab. «Bei den Bohnen sagen sie sowieso meist: Die muss das Mami essen.» Auf Chemie verzichtet Kathrin Hälg konsequent, auch im eigenen Garten. «Wenn es mit den Schnecken überhand nimmt, sagt mein Mann schon mal: Nimm doch Schneckenkorn. Aber da gehe ich lieber abends noch einmal raus und sammle sie ein.» Die Hühner unten im Hof nehmen sie gern.

Kathrin Hälg zeigt den Kindern, wie sie ihre Beete gut pflegen – und teilt ab und zu die Ernte mit ihnen. Zeit zum Spielen und zum Beobachten von Insekten gibt es auch. (Bilder: Michel Canonica)

Kathrin Hälg zeigt den Kindern, wie sie ihre Beete gut pflegen – und teilt ab und zu die Ernte mit ihnen. Zeit zum Spielen und zum Beobachten von Insekten gibt es auch. (Bilder: Michel Canonica)

Bild: BETTINA KUGLER

Bild: BETTINA KUGLER

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