Unheimliche Nähe zwischen Schwestern

Die Amerikanerin Janice Steinberg erzählt von einer Zeit, als im Quartier Boyle Height, Los Angeles «nichts als koschere Bäckereien und Delikatessenläden zu sehen und der würzige Duft aus Gurken- und Heringsfässern zu riechen waren, die vor den Läden jüdischer Händler standen».

Bernadette Conrad
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Janice Steinberg: Die Blechmenagerie, Eichborn 2014, 478 S., Fr. 29.90

Janice Steinberg: Die Blechmenagerie, Eichborn 2014, 478 S., Fr. 29.90

Die Amerikanerin Janice Steinberg erzählt von einer Zeit, als im Quartier Boyle Height, Los Angeles «nichts als koschere Bäckereien und Delikatessenläden zu sehen und der würzige Duft aus Gurken- und Heringsfässern zu riechen waren, die vor den Läden jüdischer Händler standen». Von der Zeit, als jedes Kind Grosseltern hatte, die von «irgendwo da drüben» kamen.

Politisches Erweckungserlebnis

Die Zwillingsschwestern Barbara und Elaine sind so verschieden wie Tag und Nacht. Während die schüchterne Elaine in der Welt der Schule und Bücher aufblüht, ist Barbara die Furchtlose, die Grenzen überschreiten will. Die Spannung zwischen Verbundenheit, unterschiedlichen Persönlichkeiten und Rivalitäten bildet den Fokus des Buches. Es geht um eine Nähe, die so gross ist, dass die Entwicklung zu sich selbst bedeuten kann, die andere verraten zu müssen.

Ein Schlüsselerlebnis wird für die Heranwachsenden der Besuch von Mutters Cousine Molly, einer politischen Aktivistin. Sie kämpft für die Gewerkschaften und organisiert einen Streik der Näherinnen. Während Elaine, die mit Molly während der Besuch ein Zimmer teilt, ihr politisches Erweckungserlebnis hat, sieht sich Barbara abgestossen von der «Näherin, die schlechtsitzende Kleider trägt». Durch Molly erfährt Elaine von der Vergangenheit der Familie in Rumänien, aus dem die Mutter geflohen ist.

An einem abenteuerlichen Tag versucht ein fremder Mann, Elaine über die Tante auszufragen, woraufhin die 12jährige die Tante warnt. Molly erzählt, wie Elaines Mutter – ihrerseits 12jährig – von zu Hause ausriss und mit einer Gruppe «fusgeyer» Rumänien durchquerte.

Spannung bis zum Schluss

Neben Erschütterung und Mitgefühl erlebt Elaine noch etwas anderes: Sie wird später eine Welt wie Molly bewohnen wollen, «dies geräumige Reich, in dem (…) man leidenschaftlich über ein besseres Leben diskutierte und dafür kämpfte», wie Edith Beleites übersetzt.

Das Roman ist aus der Ich-Perspektive der 85jährigen Elaine geschrieben, die beim Aufräumen auf Unterlagen stösst, die ihr Informationen über die vor vielen Jahrzehnten verschwundene Zwillingsschwester geben: eine Perspektive des Rückblicks, in dem die Geschlossenheit des jüdischen Lebens immer wieder kontrastiert wird mit Erlebnissen, die diesen Lebensstil in Frage stellen. Als die Zwillingsschwestern ihre ersten festen Freunde haben, zeichnet sich in Europa die Schreckensherrschaft der Nazis ab.

Die Spannung steigert sich in diesem Roman bis zum überraschenden Schluss. Er bietet den zeitumspannenden Blick, der von den 1930er-Jahren bis ins Heute hin- und herschweift, und die neuen Bilder eines Amerika, die direkt einem jüdischen Schtetl entliehen zu sein scheinen.

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