Und morgen wird ganz Zürich darüber reden

Friedrich Glauser ist ein neugieriger junger Mann und wird wegen Dada beinahe ins Irrenhaus abgeschoben. Hugo Ball erklärt, was Dada ist, und lobt die Gastfreundschaft der Schweiz: In neu oder wieder erschienenen Büchern wird die Dada-Zeit lebendig, deren Dauer kurz war, die aber lange nachwirkte.

Rolf App
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Hannes Binder/Friedrich Glauser: Dada (Bild: Limmat-Verlag)

Hannes Binder/Friedrich Glauser: Dada (Bild: Limmat-Verlag)

Die schönste Einführung in die Dada-Bewegung ist auch die kürzeste. Als junger Mann ist Friedrich Glauser in die Zürcher Dada-Kreise geraten, hat Hugo Ball und Tristan Tzara kennen gelernt – und ist mit Ball und Emmy Hennings ins Tessin geflüchtet. Sein Vater will den abtrünnigen Chemiestudenten ins Irrenhaus verfrachten, das gilt es zu verhindern.

Lenin wohnt fast nebenan

Mit viel Sinn für Menschen und Stimmungen hat Glauser 1931 auf nur gerade sechzig Seiten seine Erinnerungen an diese Zeit des Aufbruchs niedergeschrieben, Hannes Binder hat dazu die Illustrationen entworfen. Plastisch treten einige der eigenwilligsten Figuren der Zeit hervor, aufmerksam beobachtet von einem jungen Mann, der später seine eigenen Wege gehen wird.

Aus der Taufe gehoben wird Dada im Februar 1916 an der Zürcher Münstergasse, im Cabaret Voltaire. Nicht weit entfernt liegt die Spiegelgasse, und hier wohnt zur ungefähr selben Zeit zusammen mit seiner Frau ein Russe namens Wladimir Uljanow, der sich später Lenin nennen wird.

Ein buntes Völkergemisch

Hat Lenin die Dadaisten gekannt, vielleicht sogar in ihrem Lokal verkehrt? Das ist die Frage, der Dominique Noguez in ihrem jetzt zum Jubiläum der Dada-Bewegung erneut herausgegebenen Buch «Lenin Dada» geradezu akribisch nachspürt. Was dabei sichtbar wird, das ist ein Zürich, das in der Kriegszeit zum Schmelztiegel der Völker wird. Gerade die Russen stellen ein auffälliges Kontingent. Lieber als in Bern wohnt auch Lenin in Zürich, weil es dort lebhafter zugeht als in der behäbigen Landeshauptstadt.

Doch was war das überhaupt, «Dada»? Wie ist diese beispiellose Explosion menschlicher Phantasie möglich geworden? Was waren das für Menschen, die den Aufbruch in ganz neue Formen der Kunst gesucht und gewagt haben? Auf diese Fragen gibt Martin Mittelmeier in «Dada – Eine Jahrhundertgeschichte» die gründlichste Antwort. Er beschreibt Akteure und Schauplätze, zieht Verbindungslinien und beleuchtet Hintergründe. Dada, stellt Mittelmeier fest, ist rasch vorbei – aber es wirkt bis heute nach.

Dada zum Schmökern

Einige Bücher werfen einen Blick in das, was Dada war. In handlicher Form wühlt «Dada zum Vergnügen» in der reichen Hinterlassenschaft von Hans Arp, Hugo Ball, Emmy Hennings Walter Mehring, Richard Huelsenbeck, Kurt Schwitters und anderen mehr. Man kann es bequem in die Tasche nehmen und damit herumschlendern, zum Beispiel in Zürichs Altstadt. Umfassender kommt «Dada total» daher, es gruppiert Texte und Bilder nach den Orten, an denen Dada Wurzeln geschlagen hat.

Ein Schmuckstück schliesslich stellt der Dada-Almanach dar, der sich Lautgedichten, Textbildern und Manifesten widmet, und auch Kurzbiographien der wichtigsten Dadaisten enthält. Was will Dada? Auch die Manifeste enthält dieser schön gemachte Almanach. Als Erster erklärt Hugo Ball in Zürich auf dem ersten Dada-Abend im Juli 1916, was man darunter zu verstehen habe. «Dada ist eine neue Kunstrichtung», sagt er. «Das kann man daran erkennen, dass bisher niemand etwas davon wusste und morgen ganz Zürich davon reden wird.»

Ein Wort aus dem Lexikon

Der Name stamme aus dem Lexikon, fährt Hugo Ball fort. «Im Französischen bedeutet es Steckenpferd. Im Deutschen: Addio, steigt mir bitte den Rücken runter, auf Wiedersehen ein ander Mal! Im Rumänischen: <Ja wahrhaftig, Sie haben Recht, so ist es.>» Doch was ist Dada?

Er lese Verse, «die nichts weniger vorhaben als: auf die Sprache zu verzichten», erklärt Ball noch. «Ich will keine Worte, die andere erfunden haben. Alle Worte haben andere erfunden. Ich will meinen eigenen Unfug.»

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