Übers Brüggli zum Buch

Verse, Fingerspiele, Kniereiter gehören zum bewährten Repertoire an Spielen für Kleinkinder. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben – allerdings nicht mehr so selbstverständlich wie früher. Weil sie die Lust an Wörtern wecken und Brücken zum Buch bauen, helfen Leseanimatorinnen, sie neu zu entdecken. Bettina Kugler

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Spielen mit Sprache: Leseanimatorinnen führen über das mündliche Erzählen, über Verse und Fingerspiele zur Bücherlust. Und sie geben Eltern Tips zum frühen Buchstart. (Bild: ky/Caro/Frank Sorge)

Spielen mit Sprache: Leseanimatorinnen führen über das mündliche Erzählen, über Verse und Fingerspiele zur Bücherlust. Und sie geben Eltern Tips zum frühen Buchstart. (Bild: ky/Caro/Frank Sorge)

Brumm schlummert noch in seinem Koffer. Gleich wird er durch lautstarkes Trommeln herausgelockt. Er reckt sich ein bisschen und grüsst freundlich in die Runde; wer mag, darf ihm die Tatze schütteln. Schnell hat Leseanimatorin Monika Enderli die Neugier der kleinen Krabbler auf der Spieldecke geweckt; auch die grösseren Geschwisterkinder sitzen mäuschenstill und sind gespannt, was kommen wird. Eine Zeitlang können sich die Mamis zurücklehnen. Und kurz darauf mit Händen und Füssen, mit Fingerspitzengefühl oder im Galopp mitmachen, ihre Kinder zum Lachen und Brabbeln bringen.

Kri-kra-krach . . . in den Bach

Monika Enderli ist an diesem Nachmittag Gast der Krabbelgruppe in St. Margrethen. Auf Einladung der Dorfbibliothek hat sie Bücher für die Kleinsten mitgebracht, darunter die Geschichte vom gefrässigen Küken Karlchen. Und Brumm, den Bären aus dem Koffer. Vor allem aber «oral poetry», mündliche Literatur: Versli, Fingerspiele, Kniereiter mit dem Kind auf dem Schoss. Welcher Zwerg unter drei fällt nicht gern, kri-kra-krach, rein in den Bach, weil «'s holzig Brüggli» unter ihm zusammenbricht? Und kann so schnell dann nicht mehr mit dem vergnügten Kichern aufhören?

Lernen mit Schmusefaktor

In Zeiten, als es für Kinder im Krabbelalter weniger Spielzeug, dafür mehr Zeit gab – vor allem die Grosseltern hatten sie, und sie wohnten noch unter einem Dach mit der jungen Familie –, waren Verse und Fingerspiele höchst beliebt. Ihren pädagogischen Sinn haben Reime und Schnabelwetzer, Lautmalereien und Abzählverse aber neben Teletubbies und Bilderbuch-Apps keineswegs eingebüsst. Noch weniger ihren Unterhaltungswert, den Schmusefaktor des körperbetonten Spiels.

Wer ein Kind auf dem Schoss hat, ihm etwas erzählt und vorspielt, wendet sich ihm mit voller Aufmerksamkeit zu: eine Erfahrung, die Kinder heute immer seltener machen. Wir sind gewohnt, nebenbei schnell einen Blick auf das Smartphone zu werfen; im Hintergrund läuft das Radio, das Telefon läutet. Und die Kleinen haben reichlich Material zur Beschäftigung – kistenweise. «Kaum etwas fördert Kinder jedoch so gut wie Zuwendung, direkte Kommunikation», sagt Monika Enderli.

Das Buch, ein Greifling

Wie viele Bibliothekarinnen, Spielgruppenleiterinnen und Kindergärtnerinnen hat sie sich beim Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM) in Zürich zur Leseanimatorin ausbilden lassen. Im Mittelpunkt des Lehrgangs steht die Literaturvermittlung im Früh- und Vorschulbereich. Erzählstunden in Bibliotheken und Elternbildungen sollen die Lust am Buch wecken, bereits in einem Alter, da das Buch zunächst einmal ein «Greifling» ist: ein durch Farbe, Form und Bilder interessanter Gegenstand, den das Kind mit allen Sinnen wahrnimmt. Was auch heissen kann, dass es am Anfang hineinbeisst.

Leseförderung beginnt lange vor der Einschulung – und lange bevor ein Kind selbst Buchstaben und Wörter entziffern kann. «Positive Erfahrungen rund um Bücher», wie sie das SIKJM fördern möchte, beschränken sich nicht auf das gedruckte Wort. Vielmehr regen auch mündliches Erzählen, Hörspiele, Bilder-, Wimmel- und Spielbücher mit Klappen oder Pop-up-Elementen dazu an, gemeinsam ins Staunen, ins Spiel, ins Gespräch zu kommen.

Diese Erkenntnis hat zu einem Bewusstseinswandel bei den öffentlichen Bibliotheken geführt: Krabbelzonen und einladend gestaltete Kleinkinderbereiche gehören unterdessen fast überall zum Standard. Dass Lesen ein Genuss ist, soll dort greifbar werden. Schliesslich spielt Genuss auch für erwachsene Leser eine wichtige Rolle. «Früher war es üblich, dass Kinder erst ab der ersten Klasse Bücher ausleihen durften», sagt Barbara Jakob, Projektleiterin Literale Förderung am SIKJM. «Im Sinne der Chancengleichheit wollen wir heute so viele Kinder wie möglich schon vor dem ersten Schultag erreichen.»

Ins Gespräch kommen

Dafür hat das Institut gemeinsam mit Bibliomedia Schweiz das Projekt «Buchstart» ins Leben gerufen. Im ersten Lebensjahr ihres Kindes erhalten Eltern, meist im Rahmen einer Informationsveranstaltung ihrer Bibliothek, ein kostenloses Buchpaket mit Lesestoff für die Kleinsten. «Wichtig ist uns dabei, mit den Eltern ins Gespräch zu kommen, sie zum «Bücheln» mit ihren Kindern zu motivieren – und sie in der Bibliothek willkommen zu heissen», betont Barbara Jakob. Zudem werden neben Bilderbuch-Klassikern auch ausgewählte Neuerscheinungen vorgestellt und Tips für ein gutes Leseklima gegeben.

Bibliothek: Auch für Kleinkinder

Wie stark sich die Bibliotheken unterdessen um ihre jüngste Kundschaft bemühen, kann Leseanimatorin Monika Enderli bestätigen. Mit dem Programm «Hopp, Hopp, Hopp – Versli im Galopp» ist sie in der Region St. Gallen unterwegs; ergänzend dazu gibt es Märchen- und Erzählstunden für ältere Kinder in verschiedenen Sprachen, etwa in der St. Galler Freihandbibliothek. «Oft findet der Anlass vormittags statt, wenn es ruhig in der Bibliothek ist und die Mütter Zeit haben», erzählt sie. «Es macht auch nichts, wenn die Kinder einmal davonkrabbeln oder durch andere interessante Dinge abgelenkt sind. Das gehört einfach dazu.» Der soziale Aspekt solcher Treffpunkte sei nicht zu unterschätzen; viele junge Mütter seien froh, mit Gleichgesinnten Kontakte knüpfen und sich austauschen zu können.

Zum einen wird dabei mündliches Kulturgut gepflegt, andererseits Kindern eine Brücke zum Buch gebaut. Die sie mit spürbarer Lust ausprobieren – nicht nur, wenn sie kracht.

Monika Enderli Leseanimatorin in der Region St. Gallen (Bild: Quelle)

Monika Enderli Leseanimatorin in der Region St. Gallen (Bild: Quelle)

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