Überlebender aus den Tropen

Der Efeu ist in der einheimischen Flora eine Erscheinung, die nicht so recht zu den anderen Pflanzen bei uns passt. Die Liane mit immergrünen Blättern und Luftwurzeln als Haftorgane blüht und trägt Beeren zur Unzeit.

Bruno Knellwolf
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Gerne bauen Vögel, wie hier der Zaunkönig, ihre Nester im dichten Efeu. Sein Immergrün bildet ein gutes Versteck. (Bild: Frank Hecker)

Gerne bauen Vögel, wie hier der Zaunkönig, ihre Nester im dichten Efeu. Sein Immergrün bildet ein gutes Versteck. (Bild: Frank Hecker)

An Urwald erinnert uns diese Pflanze, die bei uns an Fassaden klebt, Bäume umrankt, den Gartenboden bedeckt und an Mauern hochklettert. Der Efeu wirkt wild und archaisch. Tatsächlich stammt dieses immergrüne Klettergehölz aus den Subtropen und Tropen. «Deshalb passt diese Gattung nicht so richtig in unser Klima», sagt Hanspeter Schumacher, Leiter des Botanischen Gartens in St. Gallen, in dem ab Ende Mai eine Efeu-Ausstellung gezeigt wird. Am liebsten hätte dieses Klettergehölz ein subtropisches Klima wie auf den Kanarischen Inseln.

Nur in tieferen Lagen

Deshalb findet man den Efeu bei uns nicht in höheren Lagen, bei 1000 Metern über Meer ist Schluss. Die Pflanze hat sich aus dem Erdzeitalter Tertiär, vor etwa 65 Millionen Jahren, hinübergerettet, wie Schumacher erklärt. Damals fand die Gebirgsbildung statt, Vulkane brodelten und das Mittelländische Meer brach ein. Der dem subtropischen Klima angepasste Efeu passte sich über all diese Zeit unseren Bedingungen an und wächst heute als Wild- und Kulturpflanze. Wildarten findet man in einem Verbreitungsgebiet von den Kanarischen Inseln bis nach Japan (siehe Karte). In den USA wird der Efeu als Eindringling, als invasive Pflanze bekämpft.

Sein Ursprung aus Zeiten, in denen bei uns Dinosaurier lebten, ist wohl ein Grund für einige Besonderheiten dieser Liane, die zur Familie der (sub-)tropischen Araliengewächse gehört. Der Efeu blüht nämlich im Oktober und trägt die Früchte im Frühling. Die Beeren im Frühling und der Nektar im Herbst sind willkommene Nahrung für Vögel und Insekten – in Zeiten, in denen andere Pflanzen wenig bieten.

Klettern mit Luftwurzeln

Eine weitere Besonderheit der Pflanze ist, dass sie mit Hilfe von Luftwurzeln klettert. So steigt sie bis in eine Höhe von zwanzig Metern, was für eine immergrüne Pflanze speziell ist. «Andere immergrüne Pflanzen wie der Buchs bleiben niedrig», sagt Schumacher. Die Luftwurzeln der Efeu-Arten sind im Gegensatz zu jenen anderer tropischer Gehölze klein und haben nicht die Fähigkeit zum Dickenwachstum. Sie sind einzig dazu da, die dünnen Sprossachsen an Bäumen und Wänden auf dem Weg zum Licht festzuhalten. Die gleichen Luftwurzeln können sich, wenn sie in den Boden gelangen, auch zu richtigen Nährwurzeln wandeln, die in die Dicke wachsen.

Weil die Luftwurzeln sonst kein Dickenwachstum haben, sind sie auch für die Fassaden, an denen sie hinaufwachsen, nicht gefährlich. Die Wurzeln haben keine Sprengkraft im Gemäuer. Das zeigt: Der Efeu ist weder ein Schmarotzer noch ein Baumwürger. Er kann nicht durch windende Sprosse einen Baum abwürgen. Allerdings kann der Efeu durch sein mit dem Wachstum immer grösser werdendes Gewicht für einen schwachen Baum zum Problem werden. «Bis zu drei Tonnen schwer kann der Efeu werden», sagt Schumacher. Kommt dann noch Schnee drauf, kann das dem Baum zu viel werden.

Jugend- und Altersform

Ungewöhnlich ist auch, dass der Efeu eine Jugend- und eine Altersform hat, die sich deutlich unterscheiden. «Das gibt es sonst nicht bei einheimischen Gehölzen», zu denen der Efeu trotz seines Ursprungs gehört. Nur die Jugendform klettert. Mit der Geschlechtsreife der Pflanze, die je nach Standort nach zehn bis fünfzig Jahren eintritt, ändert sich die Wuchsform. Blühende Zweige bilden keine Luftwurzeln mehr und hören folglich auf zu klettern. Sie werden zu Büschen, die Beeren tragen. Diese Efeu-Beeren wie auch die Blätter sind für den Menschen giftig und verursachen wegen des Wirkstoffs Saponins Hederin Bauch- und Kopfschmerzen. Vögel vertragen die Beeren der immergrünen Pflanze bestens und verdauen diese, abgesehen von den Samen, die sie wieder ausscheiden. Als «Darmwanderer» tragen sie so zur Weiterverbreitung bei.

Der Mensch nutzt die Wirkstoffe zur Herstellung von krampflösenden Medikamenten. Trotzdem gilt der Efeu in der Symbolik als ein Zeichen für das Düstere. Allerdings auch für ein Symbol der Treue. Denn hat sich der Efeu mal breitgemacht, wird man diesen nicht so schnell wieder los.

Sonderausstellung im Botanischen Garten St. Gallen: «Immergrün und hoch hinaus – der Efeu», vom 29. Mai bis 4. Oktober.