Über das Schwein namens Mensch

Brigitte Schmid-Gugler
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Die Schauspielerin Julia Häusermann vom Theater Hora als gekreuzigter und weinender Jesus in der Produktion «Die 120 Tage von Sodom». (Bild: Toni Suter/T+T Fotografie)

Die Schauspielerin Julia Häusermann vom Theater Hora als gekreuzigter und weinender Jesus in der Produktion «Die 120 Tage von Sodom». (Bild: Toni Suter/T+T Fotografie)

Premiere Im Schiffbau Zürich brachte der international tätige Theatermacher Milo Rau sein neuestes Projekt «Die 120 Tage von Sodom» heraus. Man braucht starke Nerven und ein bisschen Humor.

Brigitte Schmid-Gugler

brigitte.schmid

@tagblatt.ch

Sind wir alle Monster? Wenn wir dabei zusehen, wie sich der Schauspieler Robert Hunger-Bühler auf den Rücken legt und den jungen Mann mit Trisomie 21, der breitbeinig über ihm steht, dazu auffordert, seinen Hosenschlitz zu öffnen und ihm in den Mund zu pinkeln? Werden wir zu voyeuristischen Mittätern, wenn wir auf der auf eine Leinwand projizierten Nahaufnahme zugucken, wie der Strahl das Gesicht, den offenen Mund trifft? Auch wenn wir natürlich wissen, dass mit dem vermeintlichen Urin genauso in die Trickkiste der Special Effects gegriffen wird wie kurz vorher, als junge Menschen brutal abgeschlachtet wurden – und das Publikum die ebenfalls gefilmten Nahaufnahmen mitverfolgt: Augen raus; Zunge und Finger abschnippeln mit der Gartenschere, erdrosseln, Bauch aufschlitzen, Fötus herausreissen, kreuzigen. Schreie, Blut und Kot.

Dem ganz realen Wahnsinn in die Augen schauen

Theatermann Milo Rau fordert uns einiges ab in seinem Projekt «Die 120 Tage von Sodom». Er gibt sich überzeugt, dass es wenig nachhaltig ist, sich in politischer Korrektheit und wohligen Sesseln über die menschlichen Abgründe zu unterhalten. Er will mit ganz realen, lebendigen und verletzlichen Figuren zeigen, was ist, was geschah und gerade jetzt vielerorts auf der Welt geschieht.

Alles eingefädelt hatte ja das Schauspielhaus mit gleich zwei Produktionen um die Schriften des Marquis de Sade. Eben erst hatte auf der Pfauenbühne in der Regie des lettischen Regisseurs Alvis Hermanis das Stück «Madame de Sade» von Yukio Mishima Premiere.

In der Box des Schiffbaus stellt Theaterstar Milo Rau nun das Haus am Pfauen als putzig-barocke Guckkastenbühne in den Raum. Sie ist gleichzeitig das Schloss mit Balkon, von wo aus die Herren der besseren Gesellschaft die von ihnen ausgedachten Schweinereien beobachten – wenn sie nicht gerade selber mitmachen. Die Vorlage zu dem Theaterprojekt bietet Paolo Pasolinis zensurierter und schliesslich verbotener Film «Salò oder Die 120 Tage von Sodom». Pasolini seinerseits bezog sich auf die perversen Gewaltphantasien bei de Sade und übersetzte sie weiter in den Faschismus und die Gräueltaten in den Konzentrationslagern der Nazis.

Die jungen Menschen, die im Film den sadistischen Spielen ihrer Peiniger ausgeliefert sind, werden bei Milo Rau vom Ensemble des Theaters Hora gespielt. Die meisten Mitglieder dieser mehrfach preisgekrönten Truppe, der einzigen professionellen in der Schweiz mit behinderten Menschen, leiden an einer Form des Down-Syndroms.

Milo Rau als unverbesser­licher Optimist

In Tableaux-vivants-ähnlichen Settings werden – gemeinsam mit vier Mitgliedern des Schauspielhausensembles – fünf Filmstills nachgestellt. Immer wieder wird der Verlauf aufgebrochen; die alle mit ihrem eigenen Vor- oder Nachnamen agierenden Darstellenden «fallen» dann ins Private, sie fragen oder werden befragt zu ihren persönlichen Träumen, Wünschen; aber auch zu ihrem Gefühl den Figuren gegenüber, die sie gerade spielen müssen: «Wie ist das, wenn man vergewaltigt wird?»

Milo Rau, daran besteht kein Zweifel, ist ein Mensch, dem man vertraut und der die künstlerische Messlatte dort ansetzt, wo seine existenzielle Lehre der Tat einem ungebrochenen Optimismus geschuldet ist. Keinen Augenblick wirkt das kaum Erträgliche peinlich oder würdelos. Doch fragt man sich auch ständig, ob diese zwischen Abscheu und Belustigung changierende Inszenierung einen virtuellen oder physischen Darkroom weniger gebären wird auf diesem Planeten. Grandios sind die Horas – besonders auch dann, wenn sie in längeren Monologen wie Statisten dasitzen müssen und dabei schon mal herzhaft gähnen.

Schiffbau Zürich bis Mitte März

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