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Trudi Gerster, die Unermüdliche

Sie musste im Mittelpunkt stehen und wollte nicht alt werden. Doch vor allem war Trudi Gerster bis zu ihrem Tod vor drei Jahren eine berührende Märchenerzählerin, deren Leben jetzt ein Buch erzählt.
Rolf App
Strahlende Anfänge: Trudi Gerster mit etwa 24 Jahren, als sie beim Stadttheater St. Gallen unter Vertrag steht. (Bild aus: Franziska Schläpfer: Trudi Gerster)

Strahlende Anfänge: Trudi Gerster mit etwa 24 Jahren, als sie beim Stadttheater St. Gallen unter Vertrag steht. (Bild aus: Franziska Schläpfer: Trudi Gerster)

Eine besonders enge Beziehung hat Franziska Schläpfer von Haus aus nicht zu ihr gehabt. «Ich selber habe nie Trudi Gerster gehört, meine Kinder auch nicht», sagt sie. Doch erwies sich diese Distanz als ganz gute Voraussetzungen für jene Biographie, für die sie der Verlag angefragt hat, und aus der sie am 16. November in St. Gallen lesen wird.

Genügend Material war da: «Trudi Gerster hat alles aufbewahrt, bis hin zu den Bussenzetteln.» Die nicht allzu selten waren. Die Familie hat ihr Zugang zu diesem Schatz an Aufzeichnungen gewährt, der Sohn und die Enkel sind zur Verfügung gestanden für Gespräche. Entstanden ist ein Lebensbild, in dem es Licht und Schatten gibt, aber dessen Faszination man sich nicht entziehen kann.

Doch die Tochter hat ihren eigenen Kopf

Denn fasziniert hat Trudi Gerster ganze Generationen in ihrem langen Leben, das am 6. September 1919 in St. Gallen seinen Anfang nimmt und am 27. April 2013 in Basel zu Ende geht – bis fast zuletzt ist sie aktiv gewesen. Ihr Talent entdeckt die Tochter eines Schriftsetzers und Korrektors und einer Stickerin, die dank der vom Vater mitbegründeten Büchergilde Gutenberg schon früh eine leidenschaftliche Bücherleserin wird, 1939 an der Landesausstellung in Zürich. Die Mutter sähe es zwar gerne, sie würde Schneiderin, der Vater denkt an eine Heirat. Doch die Tochter hat ihren eigenen Kopf.

Als einziges Arbeiterkind besucht sie das Gymnasium, da hat das Theatervirus sie schon gepackt. Sie spielt und singt in Aufführungen mit, nimmt Sprechstunden in Zürich, ein deutscher Regisseur offeriert ihr einen Elevenvertrag in Berlin. Doch der Vater, ein guter Bekannter des Flüchtlingsretters Paul Grüninger, sagt: «Nein, zu den Nazis gehst du nicht.» Stattdessen fesselt sie an der Landesausstellung im Kinderparadies täglich Hunderte von Zuhörern, und entdeckt ihre Bestimmung – noch ohne freilich darum zu wissen. Sie wird Schauspielerin, bekommt als «jugendliche Naive» einen Vertrag am Stadttheater St. Gallen, zu dessen Ensemble sie von 1941 an fünf Spielzeiten angehört. 1946 heiratet sie. Mit Walter Jenny, ihrem Mann, zieht sie nach Basel. Vier Jahre später kommt eine Tochter, 1952 ein Sohn zur Welt. Bald erkennt sie, dass ihre Schauspiel-Tournéen und die Kinder nicht unter den Hut zu bringen sind. Dafür tut sich ein anderes Leben auf: jenes der Märchenerzählerin.

«Es muss in der richtigen Stimmung grunzen»

Trudi Gerster schlüpft mit Haut und Haar in ihre Figuren. Leicht ist das nicht. «Die Kinder finden ihre Mutter oft als Tier», beschreibt Franziska Schläpfer die Szene. «Sie übt stundenlang: blökt, knurrt, gackert, quakt, zischt und wiehert, faucht und schnurrt.» Grunzen sei einfach, sagt sie. «Aber nicht jedes Säuli ist gleich; es muss einen Charakter haben, es muss in der richtigen Stimmung grunzen.»

Das ist jene Kunst, die Trudi Gerster perfektioniert. Alt werden will sie nicht, noch 2009 ist sie mit neunzig mit der «Märlikarawane» rund um den Alpstein unterwegs. Unablässig kauft sie Antifaltencrème. Als ein Notarzt sie nach dem Alter fragt, antwortet sie: «Das geht Sie nichts an!»

Tonträger, Bücher, Radiosendungen, Fernsehauftritte, Märchenstunden hier und dort: Trudi Gerster ist überall, und stets will sie im Mittelpunkt stehen. «Bei jedem Familientreffen ging es um Erfolg», erzählt die Tochter Esther Jenny-Keshava, «alles drehte sich um sie und ihre Karriere.»

Als Rudolf Lutz Orgel spielen wollte

Auch Veranstalter bekommen ihre Egozentrik zu spüren. Franziska Schläpfer erzählt im Buch vom Organisten Rudolf Lutz, der an einen Märchenabend mit Orgel-Improvisationen denkt – und am Ende froh sein kann, dass er doch noch ein paar Töne spielen darf. Lutz realisiert: «Sie braucht gar keine Orgel, sie ist eine Orgel.» Und beschreibt Trudi Gerster als «begnadete Erzählerin», die «wie eine Solosängerin jeden Affekt darstellen konnte».

Im Mittelpunkt steht sie auch im Basler Grossen Rat, in dem sie hartnäckig den Naturschutz verficht. Unablässig schreibt sie Zeitungspolemiken und Leserbriefe. Die Basler Theaterdirektoren und -regisseure haben es nicht leicht mit ihr. Auch der Polizei ist sie wohl bekannt, denn ihre Fahr- und Parkierkünste sind legendär. Einmal landet sie beinahe im Gefängnis, weil sie ihren Döschwo auf einem Fussgängerstreifen abgestellt hat. Sie behauptet, Nachtbuben hätten das Auto verstellt. Worauf der Richter meint: «Sie sind zwar eine bekannte Märlitante, aber suchen Sie sich einen anderen Adressaten für diese Geschichte.»

Franziska Schläpfer: Trudi Gerster – Ein facettenreiches Leben, Stämpfli 2016, 176 S., Fr. 39.– Franziska Schläpfer liest am 16. November, um 19.30 Uhr, in der Diözesanen Musikschule St. Gallen. Anmeldung: Buchhandlung zur Rose, Telefon 071 230 04 04.

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