Traumbüro, fast gratis zu haben

Dank digitaler Vernetzung brauchen viele Menschen für die Arbeit kein fix eingerichtetes Büro mehr. Die Zürcher Autorin und Übersetzerin Katrin Gygax verrät in einem Buch, wo und wie man in der Schweiz mobil arbeiten kann.

Beda Hanimann
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Focus - Badrutts Palace

Focus - Badrutts Palace

Mit den Managern aus den amerikanischen Fernsehserien, die in Büros mit Traumsicht ihre Strategien aushecken, kann es Katrin Gygax locker aufnehmen. Ihr Büro ist die Lobby des «Badrutt's Palace» in St. Moritz: stilvoll eingerichteter Saal mit Polstersesseln und Salontischen, weite Flächen und ruhigere Nischen, vor den Fenstern die Bergwelt des Engadins.

Die Miete beträgt bescheidene zehn Franken. Doch Miete ist eigentlich das falsche Wort. Katrin Gygax ist nicht im «Badrutt's» eingemietet. Sie zahlt zehn Franken für ein Getränk und erkauft sich damit das Recht zu verweilen. Und zu arbeiten. In den zwei Stunden, die eine Cola hinhält, kriegt man einiges hin.

Reisende in Sachen Arbeit

Doch das «Badrutt's» ist nicht Katrin Gygax' einziges Büro. Die freischaffende Reisebuchautorin, Essayistin und Übersetzerin aus Zürich bezeichnet sich als «Expertin für das Arbeiten unterwegs». Und unterwegs arbeiten, das heisst für sie mehr als das schon fast zur Norm gewordene Aufklappen eines Laptops im Zug.

Das unterstreicht das Beispiel «Badrutt's», das belegt auch das Buch «Die Schweiz ist ein Büro», in dem Katrin Gygax ihre Erfahrungen als Reisende in Sachen Arbeit weitergibt. Sie stellt darin sechzig Arbeitsorte ausserhalb der eigenen vier Wände vor. Von der SBB Lounge im Zürcher Hauptbahnhof über das Maison de l'Ecriture unweit des Genfersees, den Sybillen-Saal im Albergo Albrici in Poschiavo, das KKL Luzern und den Bergsteigerfriedhof Zermatt bis zum Bergrestaurant Stauberen.

Sechzig mobile Büros

Ihre Beispiele hat Katrin Gygax nach Kategorien gegliedert: Bibliotheken und Lesesäle, Abstecher, Unterwegs, Gemeinschaftsbüros, Cafés und Hotellobbies, freie Natur. Zu jedem Ort macht sie arbeitstechnische Angaben zu Konzentrationsgrad, Toiletten, Internet, Stromversorgung und Kosten, die sich meist auf das Zugticket und die Konsumation beschränken.

Katrin Gygax ist sich bewusst, dass nicht jeder Arbeitnehmer frei ist in der Wahl des Arbeitsortes, sie nimmt auch keine Wertung über mobil oder standortgebunden vor. «Ich sehe hier keine Polarisierung der Arbeitswelt. Ich kenne Freelancer, die gerne mobil arbeiten, aber auch Festangestellte, die ihren fixen Arbeitsplatz vorziehen», sagt sie. Doch der Trend zum mobilen Arbeiten ist unbestritten – vor allem bei Jungunternehmern. Für diese seien traditionelle Büros oft zu teuer, was sie motiviere, andere Lösungen zu finden. Etwa in Form von Gemeinschaftsbüros. Katrin Gygax hat aber festgestellt, dass auch Arbeitgeber in mobiles Arbeiten investieren.

Mit dem Problem von Konzentration und Ablenkung inmitten fremder Menschen hat Katrin Gygax leben gelernt. Ob die Konzentrationsfähigkeit lernbar sei, wisse sie nicht, was man jedoch lernen könne: mit den eigenen Fähigkeiten möglichst gut umzugehen und die Arbeitsumgebung anzupassen – was ja unterwegs wie im eigenen Büro gelte.

Was der Konzentration oder Inspiration diene, müsse man selber herausfinden. Sie selber hat etwa festgestellt, dass sie allgemeine Hintergrundgeräusche viel einfacher ausblenden könne als die einzelne Stimme eines telefonierenden Nachbarn im Grossraumbüro. Anders als dort könne sie zudem im Zug, in der Hotellobby oder wo auch immer einfach weggehen, wenn nebenan ein penetrant lautes Gespräch geführt werde.

Die Waffe gegen Ablenkung

Gegen solche hat sie eine weitere Geheimwaffe: den geräuschunterdrückenden Kopfhörer – «neben dem GA die beste Investition, seit ich mobil arbeite». Weitere «Travel Kit Essentials» als Ergänzung zum Laptop sind für Katrin Gygax Notizbuch, Taschenmesser, Smartphone USB-Kabel, Ersatzbatterien, Sonnenbrille, Handcrème und «Gewürze zum Aufpeppen der Verpflegung unterwegs – insbesondere Aromat, um das Schweizer Selbstbedienungserlebnis perfekt zu machen». Hat man das in der Tasche, so braucht es zum Arbeiten nur noch einen bequemen Stuhl. «Ein Tisch ist von Vorteil, jedoch je nach Grösse des Laptops nicht zwingend», sagt Katrin Gygax.

Arbeitszeit ist Lebenszeit

Als Plädoyer, Arbeitsleistungen nicht nur in Präsenzstunden zu messen, will Katrin Gygax ihr Buch nicht verstanden wissen. Stattdessen sagt sie: «Es geht darum, das Beste aus seiner Arbeitszeit zu machen. Arbeitszeit ist ja auch Lebenszeit.» Deshalb ist ihr Arbeitsreiseführer voll von Hinweisen auf Sehenswürdigkeiten und Entspannungsmöglichkeiten am jeweiligen Ort. Denn am Ende macht ja doch gerade die wechselnde Kulisse den Reiz des mobilen Büros aus. Dass dabei ein Ineinander von Arbeit und Freizeit entsteht, ist ein Mehrwert – aber auch eine Gefahr. Und bedeutet: Ohne Arbeitsdisziplin geht's auch im mobilen Büro nicht.

Katrin Gygax: Die Schweiz ist ein Büro, Applaus Verlag 2014, 148 S., Fr. 24.–

Das Büro ist dort, wo ich bin: Katrin Gygax macht sechzig Vorschläge für mobile Arbeitsorte, von der Lobby des «Badrutt's Palace» in St. Moritz bis zum Intercity. (Bilder: pd, ky/Gaetan Bally)

Das Büro ist dort, wo ich bin: Katrin Gygax macht sechzig Vorschläge für mobile Arbeitsorte, von der Lobby des «Badrutt's Palace» in St. Moritz bis zum Intercity. (Bilder: pd, ky/Gaetan Bally)