TRAUERRITUALE: «Wir lassen Sie nicht allein»

Wie trauert man um die Opfer von Katastrophen und Attentaten? Das Verhalten von Politik und Öffentlichkeit haben zwei deutsche Theologen untersucht.

Rolf App
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Blumen und Kerzen auf dem Berliner Breitscheidplatz: So wird an vielen Orten der Welt öffentlich um die Toten erschütternder Katastrophen getrauert. (Bild: Michael Kappeler/EPA)

Blumen und Kerzen auf dem Berliner Breitscheidplatz: So wird an vielen Orten der Welt öffentlich um die Toten erschütternder Katastrophen getrauert. (Bild: Michael Kappeler/EPA)

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@tagblatt.ch

Während die Ermittlungen zum Anschlag am Berliner Breitscheidplatz auf Hochtouren laufen, wird seit dem schockierenden Ereignis auch immer wieder der Toten gedacht. Stellvertretend für sie hat am Dienstagabend der Sohn eines der Opfer am Brandenburger Tor Europas grössten Chanukka-Leuchter entzündet. Seine Mutter war bei der blutigen Lastwagen-Attacke getötet, der Vater schwer verletzt worden.

Zum Anlass am Brandenburger Tor versammelten sich christliche, muslimische und jüdische Vertreter. Das jüdische Lichterfest Chanukka erinnert an die Neuweihe des Tempels in Jerusalem im Jahr 165 vor Christus. Schon vor Weihnachten hatte in Berlin ein polnischer Gedenkgottesdienst stattgefunden. Der Fahrer des Lastwagens kam aus Polen, er hatte mit dem Attentäter gekämpft und war von diesem erschossen worden.

Angela Merkel legt Blumen nieder

Kurz nach dem Anschlag hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Aussenminister Frank-Walter Steinmeier am Ort des Geschehens Blumen niedergelegt. Bundespräsident Joachim Gauck hatte Verletzte besucht und den Angehörigen der Opfer wie der Verletzten versprochen: «Wir werden Sie nicht allein lassen mit Ihrem Schmerz.»

Den Opfern von Katastrophen das Gefühl geben, dass sie nicht allein sind: Diesem Zweck dient jenes öffentliche Gedenken, mit dem sich an der Universität Erfurt die Theologen Benedikt Kranemann und Brigitte Benz beschäftigt haben. «Disaster Rituals»: Ihr Forschungsgegenstand, über den sie im ­Magazin der Deutschen Forschungsgemeinschaft berichten, hat sogar schon einen englischen Namen.

Denn neue Formen des Innehaltens und Abschiednehmens dienen überall auf der Welt der Verarbeitung von Schrecklichem, handle es sich nun – wie etwa im Fall der Tsunami-Katastrophe an Weihnachten 2004 – um eine Naturkatastrophe, oder gehe es um einen Unfall oder um ein Attentat wie in Berlin. «Zugunfälle und Flugzeugabstürze, überbordende Naturgewalten, Amokläufe oder Terroranschläge konfrontieren mit den Grenzen des Machbaren und Kontrollierbaren», stellen die Forscher zunächst fest. Sie werfen auch die Frage auf: Wie trauern Staat und Gesellschaft um die Toten und mit den Hinterbliebenen einer Katastrophe?

Trotzdem: Kirchen haben eine wichtige Funktion

Im engen Gewand einer Religion – oder gar einer Konfession – geht das oft nicht, zumal die Zahl derer stetig wächst, die sich keiner Religionsgemeinschaft mehr zugehörig fühlen. Allerdings spielen die Religionsgemeinschaften doch eine massgebliche Rolle, wie die Szene am Brandenburger Tor zeigt. Nur geht es bei den von ihnen organisierten Anlässen «nicht um einen Gottesdienst für Kirchenmitglieder, sondern um ein Gedenken, in dem sich die Menschen einer pluralen Gesellschaft wiederfinden sollen». Oft werden dabei dann auch ein religiöser und ein staatlicher Akt klar voneinander getrennt. Die Form hängt allerdings stark vom Verhältnis von Staat und Kirche ab. In Skandinavien zum Beispiel mit seiner Tradition der Staatskirchen übernehmen oft die Kirchen die Verantwortung für das öffentliche Trauern ganz.

Die Gesellschaft reagiert aus sich heraus

Bis dieses Trauern stattfinden kann, reagiert eine durch TV und Internet aufgewühlte Gesellschaft aus sich heraus. Sie wählt einfache, bildhafte Symbole. Vor allem in zweierlei Form: In Gestalt von Blumen, und durch Kerzen. Diese Kerzen, stellen Benedikt Kranemann und Brigitte Benz fest, «brennen als Zeichen für die Ums-Leben-Gekommenen. Wie ihr Licht dann interpretiert wird, bleibt dem Einzelnen überlassen: als Zeichen der Erinnerung, als Ausdruck von Präsenz, als Erfahrung von Licht in dunkler Lebenssituation.»

Eine wichtige Rolle kommt im öffentlichen Trauern dem Fernsehen zu. Es überträgt Trauerfeiern und verändert ihre Wahrnehmung zugleich. Denn die Angehörigen zum Beispiel werden nicht gezeigt. Es sei denn, sie engagieren sich so sichtbar wie der junge Mann am Brandenburger Tor.