Trainer raus

Mit einem herzlichen «Hey ihr Wichser» hat der Musiker Jack Stoiker diesen Sommer sein Publikum begrüsst. Dieses nahm dem Stoiker und seiner Band Knöppel die unübliche Anrede nicht übel, weil «Hey Wichser» Teil seines Programms ist.

Bruno Knellwolf
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Bild: Bruno Knellwolf

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Mit einem herzlichen «Hey ihr Wichser» hat der Musiker Jack Stoiker diesen Sommer sein Publikum begrüsst. Dieses nahm dem Stoiker und seiner Band Knöppel die unübliche Anrede nicht übel, weil «Hey Wichser» Teil seines Programms ist. Schockieren konnte der Exil-St.Galler somit nicht – zumal an diesem Open Air Bad Bonn Kilbi auch noch die Band Pissed Jeans auftrat, welche die Grenzen des guten Geschmacks sowieso schon arg auslotete.

Eine Publikumsbeschimpfung ist heute nicht mehr einfach zu bewerkstelligen. Geschmacklosigkeiten können oft gar nicht mehr provozieren oder werden als reine Effekthascherei enttarnt. Da hatte es der Autor Peter Handke in den 1960ern noch einfacher. Er nannte sein Theaterstück gleich «Publikumsbeschimpfung» und hielt sich gezielt daran. Vier Sprecher beschimpfen im vierten Teil des Stücks das Publikum direkt. Ein deutsches Nachkriegspublikum, das für seine Vergangenheit gescholten wird. Gemeint war das bürgerliche Theater und die etablierte Gesellschaft rundherum. Handke bezeichnete sein Stück als «verbales Rockkonzert» und wurde zur Ikone der künstlerischen Provokation.

Statt im Theater findet man Publikumsbeschimpfungen heute eher in und um Fussballarenen. Der ehemalige Bayern-Präsident Uli Höness beschimpfte an einer Hauptversammlung des Vereins die meckernden Fans: «Wer glaubt ihr eigentlich alle, wer ihr seid?» Und wenn das Publikum den Trainer raus schreit, bezeichnen die Vereinspräsidenten die Zuschauer oft als unverständige Laien. Das kann sich rächen. Dermassen beleidigt, kommt das zahlende Publikum eventuell nicht mehr ins Stadion – ausser man ist der FC Bayern München.