Tödliches Virus aus der Wüste

Die Atemwegserkrankung Mers grassiert in Südkorea, auch in Deutschland ist ein Todesopfer zu beklagen. Seit drei Jahren ist der gefährliche Erreger bekannt, der mit dem Sars-Virus verwandt ist und aus Saudi-Arabien stammt.

Bruno Knellwolf
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Das gefährliche Mers-Virus ist auf Dromedaren in Saudi-Arabien verbreitet. (Bild: fotolia)

Das gefährliche Mers-Virus ist auf Dromedaren in Saudi-Arabien verbreitet. (Bild: fotolia)

Mehr als 11 000 Menschen haben wegen des Ebola-Virus ihr Leben verloren. 27 000 Menschen sind angesteckt worden. Viel zu viele sagen Kritiker und klagen die Weltgesundheitsorganisation WHO an, zu träge und chaotisch auf die Epidemie in Westafrika reagiert zu haben. Diese hat nun Versäumnisse während der ersten Monate der Ebola-Krise zugegeben und Besserung für nächste Epidemien versprochen. Helfen soll ein Notfonds mit 100 Millionen Dollar, der bei Ausbrüchen gefährlicher Erreger schnelle medizinische Massnahmen ermöglichen soll.

Viren sind überall

Denn ist wie bei Ebola die grösste Gefahr einigermassen gebannt, wartet schon das nächste Virus: Mers, das «Middle East Respiratory Syndrom», dessen Symptome Fieber, Atemprobleme, Lungenentzündungen und Nierenversagen sein können. «Middle East» verrät, wo das Epizentrum der Viren-Erkrankung liegt. In Saudi-Arabien ist das Virus vor drei Jahren entdeckt worden. Angst macht nun, dass erstmals ein grösserer Ausbruch ausserhalb des arabischen Landes, nämlich in Südkorea, bereits zwanzig Menschenleben gefordert hat. Gestern hat das Gesundheitsministerium in Seoul acht Neuinfektionen bekanntgegeben, somit sind insgesamt 162 Fälle erfasst worden.

Bereits vor zwölf Tagen ist ein Mers-infizierter Mann in Deutschland gestorben. Allerdings wurde gestern bekannt, dass neben Mers auch ein altes Lungenleiden zum Tod beigetragen habe. Das gefährliche Virus hatte sich der 65-Jährige in seinen Ferien in den Vereinigten Arabischen Emiraten aufgelesen. Dass der tödliche Erreger aus Arabien stammt, hat nach Pietro Vernazza, Leiter der Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen, einen simplen Grund: «Vermutlich ist das Virus bei Dromedaren verbreitet. Man fand auch epidemiologische Hinweise, wonach die Krankheit nach Kontakt mit Dromedaren oder deren Milch ausbrach», sagt der Viren-Experte. Zoonose heisst das, wenn ein Erreger vom Tier auf den Menschen springt. Bei Ebola vom Affen, bei Mers also vom Dromedar.

Verwandt ist das Mers-Virus aber nicht mit dem Ebola-Virus, sondern mit dem Sars-Erreger, welcher die Welt vor einigen Jahren in Angst und Schrecken versetzt hat. Auch damals trugen die Menschen Atemmasken, um eine Ansteckung mit dem tödlichen Virus zu verhindern.

Unterschied zu Sars

Denn auch bei Mers geht die Übertragung über die Atemwege. «Der Unterschied zu Sars ist, dass wir den Auslöser des Virus kennen. Die Erkrankung hat nun zwar schon über einige Jahre zu Einzelfällen ausserhalb der arabischen Halbinsel geführt, wie jetzt gehäuft in Südkorea. Aber wir wissen, wie wir das Virus nachweisen und dessen Übertragung verhindern können», sagt Vernazza. Wie erklärt der Infektiologe auch: «Erkrankte Personen haben ihr Ansteckungsmaximum nach Beginn der Symptome. Deswegen gelingt – im Gegensatz zur Grippe, wo das Maximum vor dem Symptombeginn liegt – die Kontrolle eines Ausbruches durch die Isolation der infizierten Personen», sagt Vernazza. Mit Hygienemassnahmen wie Händewaschen und der Eindämmung einer Tröpfchenübertragung durch Masken, kann die Übertragung verhindert werden.

Auch das deutsche Robert-Koch-Institut schreibt, Mers sei mit der Krankheit Sars, die weltweit Epidemien auslöste, nicht zu vergleichen. Zwar handle es sich um die gleiche Familie der Corona-Viren. Sars sei jedoch viel einfacher übertragbar. Bei Mers sei eine Ansteckung nur bei sehr engem Kontakt zu einer infizierten Person möglich.

In jedem Alter möglich

Grippeviren sind in der Regel eher für ältere Menschen tödlich. Das Mers-Virus sei aber auch für jüngere Menschen gefährlich, sagt Vernazza. Das habe man schon bei der Sars-Epidemie beobachtet. In jedem Alter ist eine Ansteckung über die Luft und die Atemwege möglich. Die aktuelle Mers-Statistik zeigt denn auch, dass zwischen 30 und 69 alle in etwa gleich betroffen sind, daraus die 40- bis 59-Jährigen am meisten. Deutlich wird in der Erhebung auch, dass mehr Männer als Frauen an Mers erkranken. Aus Deutschland sind bis heute drei Mers-Fälle bekannt. In der Schweiz ist kein Mers-Opfer zu beklagen. Das müsse nie geschehen, könne aber auch schon heute der Fall sein, sagt Pietro Vernazza.

Im Kampf gegen das Ebola-Virus wird weltweit heftig nach einem Impf-Wirkstoff gesucht. Forscher testen die Impfung zur Zeit an verschiedenen Orten. «Im Moment kann man die Mers-Erkrankung durch Isolationsmassnahmen noch sehr gut unter Kontrolle halten», sagt der St. Galler Viren-Spezialist. «Da drängt sich die Impfung nicht so sehr auf. Trotzdem wird aber eine Mers-Impfung entwickelt.»

Pietro Vernazza Leiter Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen (Bild: Ralph Ribi)

Pietro Vernazza Leiter Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen (Bild: Ralph Ribi)