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TÖDLICHE KRANKHEIT: Ärzte, schwule Aktivisten und unkonventionelle Beamte kämpfen gegen Aids

Aids in der Schweiz: Ein neues Buch erinnert daran, wie die Krankheit in unser Land gekommen ist und wie sie bekämpft wurde. Eine wichtige Rolle spielten die bekannten Anti-Aids-Kampagnen.
Urs Bader
Bilder, Informationsblätter und Logos der international vielbeachteten, aber in der Schweiz oft umstrittenen Anti-Aids-Kampagnen. (Bild: Ralph Ribi)

Bilder, Informationsblätter und Logos der international vielbeachteten, aber in der Schweiz oft umstrittenen Anti-Aids-Kampagnen. (Bild: Ralph Ribi)

Urs Bader

"Der Schrecken, den Aids in den 1980er-Jahren verbreitete, ist längst verblasst. Aids ist für Presse und junge Leute kein grosses Thema mehr." Dies schreibt Nadine Jürgensen im eben erschienenen Buch "Positiv. Aids in der Schweiz". Sie schränkt aber ein: "Doch auch wenn HIV aus den Schlagzeilen verschwunden ist: Die Neuansteckungen bleiben. 2016 wurden in der Schweiz 542 neue HIV-Diagnosen gestellt." Tatsächlich verbreitete das Kürzel HIV damals Angst und Schrecken. Wer sich mit dem Virus infizierte, erkrankte an Aids, einem Bündel von Krankheiten – und starb. Es gab keine Rettung. Betroffen waren zunächst vor allem homosexuelle Männer, dann auch Fixer und Heterosexuelle. Das Virus wird unter anderem beim ungeschützten Geschlechtsverkehr übertragen.

Eines der Plakatsujets der neuen Love Live - Stop Aids Kampagne des Bundesamtes für Gesundheit BAG. Das BAG lanciert zusammen mit der Aids-Hilfe Schweiz am 2. Mai 2006 eine neue Kampagne, die nackte Menschen beim Sport zeigt. (Bild: Keystone)
Plakat für die "Stop Aids"-Kampagne vom Bundesamt fuer Gesundheit aus dem Jahr 1997. Gestaltet von der Basler Werbeagentur CR Basel. (Bild: Keystone)
Liebesspiele mit einem Kondom, dargestellt durch Piktogramme, eröffnen die Kampagne von 2004. Die schwarzen Botschaften auf gelbem Grund erinnern an die Praxis des "Safer Sex". (Bild: Keystone)
Undatiertes Plakat für die "Stop Aids"-Kampagne vom Bundesamt für Gesundheit. (Bild: Keystone)
Handout eines Plakates der Stop Aids Kampagne (das abgebildete Sujet "Tarzan" wird erst ab Herbst 2008 eingesetzt). Die LOVE LIFE STOP AIDS-Kampagne 2008 des Bundesamts für Gesundheit BAG und der Aids-Hilfe Schweiz AHS startete am 31. März 2008 mit der ersten Kommunikationswelle. Die Plakatsujets zeigen Paare beim Sex im Urlaub, auf Geschäftsreisen oder auch an Parties. Im Auftrag des BAG führte das Kantonsspital St.Gallen die sogenannte CHAT-Studie (SCHweizer AIDS-Transmission) durch und informierte 2007 über die Resultate. Dabei zeigte sich, dass Personen, die eigentlich eine gute Schutzstrategie haben, in bestimmten Situationen auf das Präservativ verzichteten und sich deshalb mit HIV infiziert haben. (Bild: Keystone)
Das Plakat der Aids-Präventionskampagne von 2003, welches den Schweizer Bischöfen zu weit ging. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat ein Plakat der neuen Stopp-Aids-Kampagne zurückgezogen. Die Schweizer Bischöfe hatten protestiert, das Plakat mache die Haltung der katholischen Kirche lächerlich. (Bild: Keystone)
Die neue "LOVE LIFE"-Kampagne wird 2014 vorgestellt. (Bild: Keystone)
Am 14. November 2016 lanciert das Bundesamt für Gesundheit seine neue Kampagne, die den Partnerwechsel thematisiert. Das Motto lautet: "Partner wechselt. Safer Sex bleibt." (Bild: Keystone)
Plakat für die "Stop Aids"-Kampagne vom Bundesamt für Gesundheit aus dem Jahr 1994. Gestaltet von der Basler Werbeagentur CR Basel. (Bild: Keystone)
Plakat für die "Stop Aids"-Kampagne vom Bundesamt für Gesundheit aus dem Jahr 1990. Gestaltet von der Basler Werbeagentur CR Basel. (Bild: Keystone)
Plakat der Aids-Hilfe Schweiz aus dem Jahr 1985. Die Marke "Hot-Rubber" wird lanciert. (Bild: Keystone)
Eines der Plakatsujets der neuen Love Live - Stop Aids Kampagne des Bundesamtes fuer Gesundheit BAG. Das BAG lanciert zusammen mit der Aids-Hilfe Schweiz am 2. Mai 2006 eine neue Kampagne, die nackte Menschen beim Sport zeigt. (Bild: Keystone)
Kampagnen-Plakat der Aids-Hilfe Schweiz. Das Bild zeigt eine typische Schweizer Familienfeier. Vom Urgrossvater bis zum Urenkel sind alle fürs Erinnerungsfoto dabei. Nur der Text schreckt auf: "Aids. Unsichtbar. Unter uns." Mit diesem Sujet will die Aids-Hilfe Schweiz darauf aufmerksam machen, dass in der Schweiz über 20'000 Menschen mit HIV und Aids leben. (Bild: Keystone)
Thematisiert wird die sexuelle Vergangenheit: Auf Plakaten sind Paare in Schlaf- oder Badezimmern abgebildet, umgeben von früheren Partnerinnen und Partnern, wie am 16. April 2007 vom BAG bekannt gegeben wurde. (Bild: Keystone)
Vorderseite der deutschen Version einer von der Aids-Hilfe Schweiz produzierten Postkarte zur Euro 2008. Gut einen Monat vor dem Beginn der EURO 08 hat die Aids-Hilfe Schweiz fuenf Regeln fuer die Kunden von Prostituierten waehrend der Fussball-Europameisterschaft lanciert. Damit soll in Erinnerung gerufen werden, dass es auch beim Sex für Geld ein Fairplay brauche und ohne Kondome nichts laufe. Mit den fünf Regeln wird einerseits dazu aufgerufen, Höflichkeit und Respekt in jeder Situation zu bewahren und Hemmungen nicht mit Hilfe von Alkohol abzubauen. Auf der anderen Seite seien Freier aber auch angehalten, vereinbarte Preise zu bezahlen und auch andere Abmachungen nicht zu missachten. (Bild: Keystone)
Handout eines Plakates der neuesten Stop Aids Kampagne mit dem Sujet "Space". Die LOVE LIFE STOP AIDS-Kampagne 2008 des Bundesamts für Gesundheit BAG und der Aids-Hilfe Schweiz AHS startete am Montag, 31. März 2008 mit der ersten Kommunikationswelle. Die Plakatsujets zeigen Paare beim Sex im Urlaub, auf Geschäftsreisen oder auch an Parties. Im Auftrag des BAG führte das Kantonsspital St.Gallen die sogenannte CHAT-Studie (SCHweizer AIDS-Transmission) durch und informierte 2007 über die Resultate. Dabei zeigte sich, dass Personen, die eigentlich eine gute Schutzstrategie haben, in bestimmten Situationen auf das Präservativ verzichteten und sich deshalb mit HIV infiziert haben. (Bild: Keystone)
Handout eines Plakates der neuesten Stop Aids Kampagne mit dem Sujet "Cave". Die LOVE LIFE STOP AIDS-Kampagne 2008 des Bundesamts für Gesundheit BAG und der Aids-Hilfe Schweiz AHS startete am Montag, 31. März 2008 mit der ersten Kommunikationswelle. Die Plakatsujets zeigen Paare beim Sex im Urlaub, auf Geschäftsreisen oder auch an Parties. Im Auftrag des BAG fuehrte das Kantonsspital St.Gallen die sogenannte CHAT-Studie (SCHweizer AIDS-Transmission) durch und informierte 2007 über die Resultate. Dabei zeigte sich, dass Personen, die eigentlich eine gute Schutzstrategie haben, in bestimmten Situationen auf das Präservativ verzichteten und sich deshalb mit HIV infiziert haben. (Bild: Keystone)
Handout eines Plakates der neuesten Stop Aids Kampagne mit dem Sujet "Water". Die LOVE LIFE STOP AIDS-Kampagne 2008 des Bundesamts für Gesundheit BAG und der Aids-Hilfe Schweiz AHS startete am 31. März 2008 mit der ersten Kommunikationswelle. Die Plakatsujets zeigen Paare beim Sex im Urlaub, auf Geschäftsreisen oder auch an Parties. Im Auftrag des BAG führte das Kantonsspital St.Gallen die sogenannte CHAT-Studie (SCHweizer AIDS-Transmission) durch und informierte 2007 über die Resultate. Dabei zeigte sich, dass Personen, die eigentlich eine gute Schutzstrategie haben, in bestimmten Situationen auf das Präservativ verzichteten und sich deshalb mit HIV infiziert haben. (Bild: Keystone)
Der Schweizer Skifahrer Didier Cuche blickt von einem Plakat der AIDS-Hilfe Schweiz. Die Aids-Hilfe Schweiz erhält prominente Unterstützung in ihrem Engagement für Menschen mit HIV. Didier Cuche, Stephan Eicher, Marc Forster, Stephanie Glaser und Sandra Studer stehen in der neuen Kampagne für Solidarität mit HIV-Positiven ein. (Bild: Keystone)
Plakat für die "Stop Aids"-Kampagne vom Bundesamt fuer Gesundheit aus dem Jahr 1989. Gestaltet von der Basler Werbeagentur CR Basel. (Bild: Keystone)
Plakate der neuen Love Life Kampagne hängen während einer Medienkonferenz an einem Fenster, am 16. März 2015, in Bern. (Bild: Keystone)
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Anti-Aids-Kampagnen in der Schweiz

Die neue, lange nicht behandelbare Krankheit – es war damals oft von einer "Homosexuellen-Seuche", einer "neuen Pest" oder gar einer "Strafe Gottes" für einen unmoralischen Lebenswandel die Rede – forderte die Gesellschaft vielfach heraus. Die Verunsicherung, die herrschte, ist heute kaum mehr nachvollziehbar. Im Juni 1985 gründeten 14 Schwulenorganisationen die Aids-Hilfe Schweiz. Präsident wurde André Ratti, ein schweizweit bekannter Fernsehmoderator. Am Bildschirm outete er sich, wie im Buch zitiert wird: "Ich bin selber homosexuell, 50, und seit April weiss ich, dass ich Aids habe." Er starb am 25. Oktober des folgenden Jahres.

Für die ganze Gesellschaft eine Herausforderung

In einem Interview, das ich im Dezember 1985 mit Ratti führte, skizzierte er die Herausforderungen so: "Die speziellen Merkmale der Krankheit Aids haben zur Folge, dass wir es mit grosser Angst, Unsicherheit und Verdrängung zu tun haben, nicht nur bei den Homosexuellen, sondern auch ganz allgemein. Aids hat mit Sexualität, vor allem mit Homosexualität zu tun, die Krankheit führt zum Tod." Aids zwinge die Gesellschaft, sich mit diesen beiden Themen auseinanderzusetzen, mit beiden tue sie sich aber schwer. "Trotz des seit bald zwanzig Jahren scheinbar liberalen Umgangs mit Sexualität sind wir nach wie vor eine schlecht aufgeklärte Gesellschaft. Den Tod andererseits haben wir aus unserem Alltag verdrängt." Diese Situation erschwere es, die Leute überhaupt zu erreichen, erschwere das sachliche Gespräch. Jede Massnahme müsse sehr gut überlegt sein, damit sich die Verhältnisse für die Betroffenen nicht noch verschlechterten.

Wie die Schweiz mit dieser Lage umgegangen ist, davon handelt das neue Buch. Es vergegenwärtigt, wie initiative Ärzte, schwule Aktivisten, unkonventionelle Beamte und kluge Werber gegen Aids angetreten sind. Und es berichten von Aids in irgendeiner Form betroffene Leute über ihre Erfahrungen, unter ihnen zwei Seelsorger. Das Ganze ist ein spannendes, oft irritierendes Stück Kultur- und Sittengeschichte der Schweiz. Carlos Hanimann beschreibt, wie stark die Medizin durch Aids gefordert war. Allmählich stieg die Zahl der Fälle auch in der Schweiz, und die Medizin war noch immer hilflos. Der Arzt Ruedi Lüthy, der sich am Universitätsspital Zürich von Anfang an gegen Aids engagierte, sagt zu seiner damaligen Verfassung: "Das hat bei mir zu einer enormen persönlichen Krise geführt. Ich verstand meine Rolle als Arzt plötzlich nicht mehr. Diagnostizieren und therapieren – das war nicht möglich. Ich musste mir eingestehen, dass wir nichts tun konnten. Wir waren hilflos." Es gab weder ein Heilmittel noch eine Impfung gegen Aids. Die Wende kam erst 1996. "Nach Jahren der Frustration hatten Ärzte und Wissenschafter endlich das Mittel, die Infektion in den Griff zu bekommen", schreibt Barbara Reye. Mit dem HI-Virus Infizierte müssen die Medikamente aber regelmässig und lebenslang einnehmen, sonst bricht die Krankheit aus.

Die eindringlichen Anti-Aids-Kampagnen

Angesichts der Hilflosigkeit der Medizin musste vordringlich die Ausbreitung von Aids eingedämmt werden. Der Gebrauch von Kondomen spielte dabei eine zentrale Rolle. Roger Staub, ein homosexueller Anti-Aids-Aktivist der ersten Stunde, der dann auch für das Bundesamt für Gesundheit (BAG) arbeitete, stellte einmal fest: "Es waren die Homosexuellen, die als Erste litten. Und es waren die Homosexuellen, die als Erste handelten." Sie stellten Informationsbroschüren her und gründeten die Aids-Hilfe Schweiz. Auch das BAG sprang über seinen Schatten und verschickte Anfang 1986 an alle Haushalte eine Broschüre. Doch als man feststellte, dass der Wissensstand bald wieder abnahm, entschied das BAG, eigene Aidskampagnen zu lancieren, zusammen mit der AHS. Das war der Anfang von "Stop Aids" mit dem Kondom-O, das bis heute in den stets wieder aktualisierten Kampagnen vorkommt, die im Buch auch gezeigt werden. Einzelne Slogans wurden so populär wie Polo Hofers vom BAG initiierter Ohrwurm "Im Minimum en Gummi drum". Die Kampagnen sind oft kritisiert worden, wegen ihrer expliziten Botschaften und Darstellungen, ihrer Kosten oder ganz grundsätzlich als ungehöriges Engagement des Staates. Dass sie aber bis heute nicht entbehrlich sind, belegen die vielen Neuansteckungen, aber auch die nach wie vor sich zeigende Stigmatisierung von Betroffenen.

Positiv. Aids in der Schweiz, hrsg. v. Constantin Seibt, Echtzeit, 144 S., Fr. 37.–

HIV und Aids

HIV ist die Abkürzung für das zu den Retroviren gehörende Human Immunodeficiency Virus, was auf Deutsch "Menschliches Immunschwäche-Virus" bedeutet. Übertragen wird das HI-Virus unter anderem durch ungeschützten Geschlechtsverkehr sowie Spritzen- und Nadeltausch bei Drogenkonsum. Bei fortschreitender ­Immunschwäche nach einer Infizierung treten am Ende charakteristische Infektionskrankheiten oder Tumore auf. Dieses letzte Stadium der HIV-Infektion wird Aids genannt, Acquired Immune Deficiency Syndrome, auf Deutsch "Erworbenes Immunschwächesyndrom". (ub)

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