Tod auf der Baustelle

Am 30. August 1965 ereignete sich die grösste Tragödie in der Schweizer Baugeschichte. Zwei Millionen Kubikmeter Eis begruben an einem heissen Sommertag 88 Bauarbeiter.

Bruno Knellwolf
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Erfolglose Bergung. (Bild: ky)

Erfolglose Bergung. (Bild: ky)

Die Unterkünfte der Bauarbeiter lagen zuhinterst im Walliser Saastal auf beinahe 2200 Metern über Meer. Gebaut wurde am Staudamm von Mattmark, an dem, wie zu dieser Zeit üblich, hauptsächlich italienische Gastarbeiter Hand anlegten.

Manchen von diesen schien in diesem Sommer vor 50 Jahren der über der Baustelle thronende Allalingletscher arg bedrohlich. Im Buch «Mattmark nie vergessen» wird der Bauarbeiter Beppe zitiert, der gesagt haben soll: «Wenn der Gletscher kommt, sind wir alle tot.» Bedenken, die auch andere teilten, die genau im Abbruchgebiet des Allalingletschers arbeiten mussten.

Noch kurz vor dem Schichtwechsel hielten sich viele Bauarbeiter an diesem heissen Nachmittag des 30. Augusts in ihren Baracken auf. «Es war heiss, vom Gletscher über uns lösten sich mehrmals Eisblöcke, die krachend hinter der Barackensiedlung niederfielen», berichtet ein italienischer Augenzeuge. 600 Meter über den Unterkünften war die Zunge des Gletschers abgebrochen, zwei Millionen Kubikmeter Eis und Geröll krachten Sekunden später auf die Behausungen und begruben deren Bewohner, die keine Chance hatten. Bis zu fünfzig Meter hoch türmten sich die Eiskegel, 88 Menschen starben, fünf verletzten sich.

56 Italiener

56 der Toten stammten aus Italien, 23 aus der Schweiz, vier aus Spanien und fünf aus anderen Nationen. Dementsprechend gross waren Schock und Trauer nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Italien. Die Schweiz erlebte eigentliche Boomjahre und die Hochkonjunktur führte zur höchsten Zuwanderung der Geschichte. Zwei Monate vor dem grössten Unfall der Baugeschichte im Saastal hatten die Zürcher Demokraten eine erste Initiative gegen die Überfremdung eingereicht, im selben Jahr wurden für die fremdenfeindliche Schwarzenbach-Initiative Unterschriften gesammelt.

Die Fremden machten einigen Angst, mit der Tragödie rückten sie aber vielen erst ins Bewusstsein. In einer diese Woche erschienenen Studie der Universität Genf zur Mattmark-Tragödie steht denn auch: «Zum ersten Mal erhielten Migranten den Status menschlicher Wesen, die Mitgefühl und Wiedergutmachung verdienen.» Zuvor hatten viele die «Tschinggen» nur als billige Arbeitskräfte gesehen, die so schnell wie möglich wieder verschwinden sollten. In Italien wurden die Arbeitsbedingungen der Landsleute und die aufkeimende Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz in Zusammenhang mit der Tragödie gestellt.

Die Verantwortlichen der Baustelle, die sich die Frage gefallen lassen mussten, warum die Baracken in der Falllinie des Gletschers aufgestellt worden waren, wurden sieben Jahre später vom Gericht freigesprochen. Ein Urteil das Empörung auslöste, weil viele Gutachten gezeigt hatten, dass die Gefahr durchaus bekannt war.

Bis 30 Tote pro Jahr

Heute hätten sich die Arbeitsbedingungen in der Schweiz verbessert, schreibt Rita Schiavi von der Gewerkschaft Unia. Doch diese Errungenschaften müssten ständig kontrolliert werden, wolle man solche Tragödien wie bei Mattmark verhindern. Noch heute sterben jedes Jahr auf Schweizer Baustellen zwischen 20 und 30 Menschen, schreibt die Unia.

Zwei Millionen Kubikmeter Eis und Geröll lagen vor fünfzig Jahren auf den Baracken der Bauarbeiter des Staudamms Mattmark. (Bild: ky)

Zwei Millionen Kubikmeter Eis und Geröll lagen vor fünfzig Jahren auf den Baracken der Bauarbeiter des Staudamms Mattmark. (Bild: ky)