TIERMEDIZIN: Aqua-Jogging für Joya

Manche Tierhalter scheuen keine Kosten, damit ihr Liebling ein möglichst langes Leben hat. Das führt so weit, dass Tierarzt Martin Hofstetter in manchen Situationen Stopp sagen muss.

Melissa Müller
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Caroline Schmuck (links) redet Joya gut zu, während Tierarzt Martin Hofstetter das erlahmte Hinterbein untersucht. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Caroline Schmuck (links) redet Joya gut zu, während Tierarzt Martin Hofstetter das erlahmte Hinterbein untersucht. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Melissa Müller

melissa.mueller@tagblatt.ch

Caroline Schmuck erschrak, als sie ihre Hündin Joya nach den Feiertagen aus dem Tierheim abholte. Die Retriever-Hundedame konnte nicht mehr gehen, sackte auf den Hinterbeinen zusammen. Jetzt stehen Frauchen und Hund in der Herisauer Kleintierklinik ARC von Martin Hofstetter. Der Doktor hebt die Patientin auf den Behandlungstisch. Während er ein Hinterbein abtastet, hält die Besitzerin den Hundekopf. «Sie hat eine altersbedingte Muskeldegeneration», diagnostiziert Hofstetter und injiziert zur Blutentnahme eine Nadel. Joya lässt das seelenruhig über sich ­ergehen. Sie ist Stammgast in der Tierklinik. Vor zwei Jahren war ihr ein bösartiger Tumor am Bein gewachsen; nach einer Operation und Strahlen­therapie war sie wieder zu Kräften gekommen. «Joya hat ein Herz aus Gold», sagt die 38-jährige Besitzerin. Natürlich könne man sich fragen, wie viel Sinn solche Behandlungen bei einer 13-jährigen Hündin machen. «Aber sie ist quietschfidel, lebensfroh und sie frisst immer noch sehr gern.»

Vor zwölf Jahren wollte Caroline Schmuck eine Katze im Tierheim holen. Doch als sie Joya sah, war es um sie geschehen. Sie päppelte die verstörte junge Hündin auf. Heute lässt sie nichts unversucht, um Joyas Leben zu verlängern. «Ein Leben lässt sich nicht mit Geld aufwiegen. Es ist mir ­jeden Rappen wert.» Einmal die Woche geht sie mit Joya ins Aqua-Jogging, um die Beinmuskulatur zu stärken. «Das ist ein Jungbrunnen für Joya», sagt Caroline Schmuck.

Viele Haustiere in der Schweiz werden medizinisch inzwischen ebenso gut betreut wie Menschen. Veterinärmediziner Martin Hofstetter verurteilt die kostspielige Tierliebe nicht. Schliesslich lebt er davon. Wenn sich Kunden aber verzweifelt an das Leben ihres todkranken Tiers klammern, sagt der 43-Jährige auch einmal Stopp. «Nein» sagte er zu einer alleinstehenden älteren Dame, die ihren Schäferhund um jeden Preis am Leben halten wollte. Er hatte dem Hund, der unter Knochenkrebs litt, bereits ein Bein amputiert. Eineinhalb Jahre später brach die Krankheit erneut aus, ein weiterer Eingriff ergab aus medizinischer Sicht keinen Sinn. Trotzdem verlangte die Kundin, dass er dem Hund ein weiteres Bein amputiert. «Das konnte ich nicht vertreten. Sonst hätte ich nicht mehr ruhig schlafen können.» Es gebe zwar Rollstühle für zweibeinige Hunde, «aber bei einem 45 Kilo schweren Schäferhund ist das nicht zu händeln.»

Martin Hofstetter ist seit ­ 14 Jahren tierchirurgisch tätig. Er bedient zwei Parteien: den Kunden, der die Rechnung bezahlt, und das Tier. «Man steht in einem Dreiecksverhältnis. Das ist der schwierige Part.» Immer wieder sieht er sich mit ethischen Fragen konfrontiert – wenn Halter sich weigern, von ihrem todkranken Tier Abschied zu nehmen. «In der Humanmedizin müssen Menschen unter Umständen lange dahinvegetieren. Wir haben die Möglichkeit, ein krankes Tier einzuschläfern.»

Manchmal tun ihm aber auch die Besitzer leid. Hofstetter erinnert sich an eine Witwe. Als ihr Mann starb, blieb ihr nur noch der Hund – «wie ein Bindeglied zum Verstorbenen». In solchen Situationen seien Leute bereit, viel zu investieren. Fängt man mal an, ein Tier zu therapieren, kann das schnell 10 000 Franken kosten. «Die Behandlung meines teuersten Hundes belief sich auf 40 000 Franken.»

Kostspielige Tierliebe

Einige Zeitgenossen haben kein Verständnis für den hohen Stellenwert der Haustiere. In seinem Studium verbrachte Hofstetter einmal die Kaffeepause mit einem Studenten der Human­medizin. «Du studierst ja nur Tiermedizin», meinte der. «Da flickst du dann ein paar Tierchen zusammen. Die Leute würden das Geld besser in die Dritte Welt schicken.» Hofstetter meinte dazu: «Aha, und du fährst einen BMW, statt dein Geld zu spenden?» Manche geben ihr Vermögen für Reisen und Kleidung aus, andere für ihr Haustier. «Wichtig ist, sich vor einem Eingriff über Risiken, Erfolgsaussichten und Kosten zu informieren.»

Hofstetter argumentiert auch damit, dass ein Tier «der beste Therapeut» sei. «Jemand, bei dem man sich ausheulen kann.» Es sei erwiesen, dass Tiere die Gesundheitskosten in Spitälern senken. «Sie sind ein Lebens­antrieb, helfen gegen die Vereinsamung.» Tumorpatienten wollten schneller heim zu ihrem Hund als Patienten ohne Tier. Hund und Katz sollten auch zu Spitalbesuchen zugelassen werden, findet der Tierarzt: «Tier­besuche lösen bei den Patienten Glücksgefühle aus.»

Jede Rasse ist für bestimmte Krankheiten anfällig. «Wer sich einen Hund anschafft, sollte sich darüber informieren», rät Hof­stetter. Chihuahuas können ­einen Wasserkopf bekommen, geistig zurückbleiben und epileptische Anfälle erleiden. Spitz und Chow-Chow haben fast keine Mimik, da ihre Gesichtshaut zu dick ist. «Das macht es schwierig, den Hund zu lesen.» Beim Cavalier King Charles Spaniel habe das Kleinhirn infolge der Züchtung zu wenig Platz in der Schädel­höhle.

Katzen als Ersatzteillager

Der Chef der Tierklinik operiert Gelenke, Bandscheiben­vorfälle oder Weichteilveränderungen. Die Amerikaner gehen noch ­einen Schritt weiter. Sie führen Organtransplantationen durch. Um einer Katze eine Niere zu transplantieren, braucht man eine Niere eines gesunden, geimpften Tieres, dem man das Organ entnehmen kann. Ein Unfalltier, das eines natürlichen Todes gestorben ist, komme nicht in Frage. In den USA gebe es Extra-Zuchten mit gesunden Katzen, die für solche Zwecke verwendet werden – quasi als lebende Ersatzteillager. «Bei uns verbietet das Gesetz einen Eingriff an einem gesunden Tier, der nicht im Sinne des Tiers ist. Ausser bei einer Kastration.»

Inzwischen ist Joyas Physiotherapie im Wasserbecken fertig. Therapeutin und Besitzerin trocknen die Hündin ab. Der Doktor empfiehlt eine Hormontherapie. «Da verlieren wir keine Zeit?», fragt Caroline Schmuck besorgt. Der Hund ihrer Nachbarn ist 19-jährig geworden. «Das ist auch mein Ziel.» Aber natürlich sei ihr bewusst, dass ­irgendwann die Stunde des Abschieds da ist. «Ich werde es ­wissen, wenn ich Joya tief in die Augen schaue. Ich vertraue darauf, dass sie es mir sagt.»