Tiergeschichten inmitten des Alltags

Eine Kolumne von Jasmin Hutter? Keine Angst: Es gibt definitiv keine Parolen à la Frauen an den Herd! Und auch keine über Rabenmütter. Denn höchstwahrscheinlich bin auch ich eine Rabenmutter. Raben haben eine spezielle Fähigkeit, komplexe Handlungen zu planen, und lernen ungeahnt schnell.

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EICHBERG, ST. GALLEN: Die ehemalige SVP-Politikerin Jasmin Hutter posiert für ein Porträt. KOPFBILD © Benjamin Manser / TAGBLATT [25.3.2015] (Bild: Jasmin Hutter)

EICHBERG, ST. GALLEN: Die ehemalige SVP-Politikerin Jasmin Hutter posiert für ein Porträt. KOPFBILD © Benjamin Manser / TAGBLATT [25.3.2015] (Bild: Jasmin Hutter)

Eine Kolumne von Jasmin Hutter? Keine Angst: Es gibt definitiv keine Parolen à la Frauen an den Herd! Und auch keine über Rabenmütter. Denn höchstwahrscheinlich bin auch ich eine Rabenmutter. Raben haben eine spezielle Fähigkeit, komplexe Handlungen zu planen, und lernen ungeahnt schnell. Wer möchte da nicht eine Rabenmutter sein?

Bleiben wir doch gleich in der Tierwelt. Denn diese ist für mich um einiges interessanter als die Menschenwelt. Viel zu durchschauend sind wir Artgenossen, zu vorverurteilend und auch noch nachtragend. Wie schön ist es doch, um Tiere herum zu sein, die sich jeden Morgen freuen, mich zu sehen. Die essen, was aufgetischt wird, ohne ein kindliches «wäh, han i nöd gärn», und wiegen sich satt und zufrieden selbst in den Schlaf.

Das letzte Mal staunte ich Bauklötze bei der Geburt von Klein Martin. Unserem Lämmli. Das Mama-Schaf hat sich entschieden, Klein Martin in der Nacht alleine und ohne Wehklagen zu gebären. Der Morgen dämmerte – ich schaute aus dem Fenster –, und was steht da in der grünen saftigen Wiese? Klein Martin, bereits auf allen vier wackligen Beinen stehend, wunderwitzig herumschauend. Was gibt es für einen schöneren Tagesanfang, als neues Leben zu erleben? Wie deprimierend müssen einige Menschenaugen sein, die schon frühmorgens in den Fernseher schauen?

Klar, nicht jedem sei eine Lämmligeburt gegönnt. Doch braucht es gar nicht viel, um den Tag schön beginnen zu können. Wie wär's einfach mit einem bewussten Blick nach draussen? Ob sich die Blätter wohl schon verfärbt haben? Ob des Nachbars Hund bereits Nachbars Katze erschnüffelt hat? Ob die Kindergärtner wohl ihren obligaten Kindergarten-Weg-Wurm entdeckt haben? Ob die fernen Bergspitzen wohl eine Schneehaube bekommen haben? Jeden Morgen gibt es Neues zu entdecken. Ob wir dies wahrnehmen wollen, liegt ganz bei uns. Ein Versuch lohnt sich allemal. Die Online-Nachrichten sind auch in fünf Minuten noch aktuell, die Whatsapp-Mitteilung lässt sich auch später noch beantworten. Nehmen wir uns ein Beispiel an unseren Tieren. Sie legen sich an die Sonne, denn sie nehmen die Wärme wahr. Sie schnuppern am Gras, denn sie schmecken die Frische. Sie dösen vor sich hin, denn sie spüren die Müdigkeit.

Sich selbst zu spüren ist wohl des Menschen schwierigstes Unterfangen. Auch ich bin keine «Gspürsch-mi-fühlsch- mi-Tante». Doch gelingt es mir, so ganz abseits des Politikerlebens, Grautöne in ihren verschiedensten Schattierungen wahrzunehmen. Nicht zuletzt dank des kindlichen Auges. Apropos Kind: Da kommt mir spontan eine Episode in den Sinn. Ich war mit meinem Sohn beim Augenarzt. Da wir eine halbe Stunde zu vertreiben hatten, gingen wir nach draussen. Dummerweise gerade vor den Eingang eines Kleidergeschäftes. Und was sehe ich da? Eine wunderschöne Jacke, die geradezu auf mich wartet. Ich probiere sie . . . und lege sie wieder zurück. Am Abend beim Nachtessen erzähle ich voller Stolz meinem Mann, dass ich eine nach mir schreiende Jacke einfach wieder zurückgelegt habe. Sein grummelnder Kommentar zeigt mir, dass dies wohl nicht gerade die spannendsten News sind. Da legt mir mein sechsjähriger Sohn die Hand auf die Schultern und sagt: «Warum, Mama, hast Du die Jacke nicht gekauft? Geht es Dir auch gut, oder bist Du doch ein wenig krank?» Nein, mein lieber Sohn. Mama hat nur auch einmal gemerkt, dass nicht jede schöne Jacke ein neues Zuhause in ihrem Schrank braucht. Und wir in der Augenarztpause besser in die Natur gegangen wären. Und so vielleicht eine Raupe im Gras entdecken hätten können.