TIERFUTTER: Das Tier frisst menschlicher

Ob bio, getreidefrei oder mit hohem Fleischanteil: Herrchen und Frauchen können ihre Tiere mit Variationen verwöhnen, deren Trends immer mehr Ähnlichkeit mit denen der Menschennahrung haben.

Federico Gagliano
Drucken
Teilen
Die Tierfutterindustrie entwickelt immer gesündere Produkte. Bild: (Bild: Dominik Wunderli)

Die Tierfutterindustrie entwickelt immer gesündere Produkte. Bild: (Bild: Dominik Wunderli)

Federico Gagliano

focus@tagblatt.ch

Für Haustiere werden oft keine Kosten gescheut – besonders bei deren Ernährung. Der Pet-Food-Markt wird von zwei Riesen dominiert: Nestlé und Mars. Zusammen machen sie fast 50 Prozent des gesamten Tie­rfuttermarkts aus – ein Markt, der sich inzwischen weltweit jährlich auf fast 70 Milliarden Franken beläuft und weiter an Popularität gewinnt. Immer mehr Haustier­besitzer legen dabei Wert auf Transparenz und Qualität bei den Zutaten.

«Die Tiernahrungsindustrie folgt den Trends der humanen Ernährung und des Lebensmittelhandels», heisst es bei der Fressnapf Schweiz AG. Gefragt sei gesunde, artgerechte und natür­liche Tiernahrung, die den Bedürfnissen des Haustieres entspreche. Doch woher kommt dieser Trend? «Die Wertschätzung des Haustiers als Familienmitglied steigt», heisst es bei der Firma Fressnapf weiter. «Haustiere sind mit grossen Emotionen verbunden, fast vergleichbar mit einem Kleinkind.»

Der Hund ersetzt das Kind

Das Phänomen ist bekannt und wurde mehrfach untersucht: In kinder­losen Haushalten übernehmen Hunde und Katzen die Rolle der Kinder. Man spricht sogar von Ersatzkindern, deren Bedürfnisse sogar vor die eigenen gestellt werden.

Die steigende Wertschätzung des Haustiers als Familienmitglied hat zwei Folgen: Erstens wird die Branche dadurch krisensicherer, zweitens steigt die Nachfrage nach Premium­nahrung. Dar­unter versteht man Lebensmittel aus hochwertigen Zutaten, die ohne zusätzliche Füllstoffe von minderer Qualität auskommen. Daraus resultiert laut Fressnapf, dass das Haustier ein besseres Sättigungsgefühl entwickle, mit allen Nähr- und Mineralstoffen versorgt sei und somit weniger Futter brauche.

Bei Tief- oder Mittelpreis­nahrung sei oft nicht klar definiert, welche Proteine sich darin befänden und wie viel Füllmaterial beigegeben werde, erklärt Tierarzt Flavio Regli, der nebenbei einen Tierfutter-Onlineshop führt. Das sei problematisch, da beispielsweise bei Katzenfutter darauf hingewiesen werde, dass viel frisches Gemüse neben dem Fleischanteil drin sei. «Das mag auf den ersten Blick imponieren, weil man glaubt, das sei ein gesundes Futter. Katzen sind aber Fleischfresser, die auf einen sehr hohen Fleischanteil angewiesen sind.»

Man soll aber deshalb nicht nur auf Premiumnahrung setzen. Die meisten Tiere haben keine Probleme damit. «Vor allem Rassetiere kämpfen oft mit Futterunverträglichkeiten, ja sogar mit Futterallergien, die sich vor allem mit anhaltendem Durchfall und Juckreiz äussern», erklärt Regli. Grundsätzlich rät er: «Die vorgesehene Tagesration sollte unbedingt eingehalten und nicht überschritten werden. Falls möglich, ist es ratsam, die Futtermenge auf zwei bis drei Portionen pro Tag zu verteilen, damit es keine übermässige Füllung des Magens gibt. Menschen essen ja meistens auch nicht nur einmal pro Tag.»

Das Büsi füttern wie einen Wolf

Ein weiterer Trend, der immer mehr Anhänger findet, geht in eine natürlichere Richtung: die Barf-Methode. Sie folgt aber keiner humanen Vorgabe, sondern geht auf die Nahrungs­auswahl des Wolfes zurück. Der Name kann missverstanden werden: Obwohl «barf» übersetzt «sich übergeben» bedeutet, stand die Abkürzung ursprünglich für «Born-Again Raw Feeders» (wiedergeborene Rohfütterer). Inzwischen versteht man darunter «Bones and Raw Foods» (Knochen und rohes Futter). Bei der Barf-Fütterung bekommt Hund oder Katze rohes Fleisch, Innereien und Knochen in einem bestimmten Verhältnis, das mit gegartem oder püriertem Gemüse oder Obst gemischt wird. Für die optimale Versorgung ist eine Ergänzung mit Mineralstoffen, Vitaminen und Ölen notwendig. Wichtig ist, dass die Rationen sorgfältig zusammengestellt werden, um Mängeln vorzubeugen. Die Zusammenstellung der Zutaten könne den Bedürfnissen des Tiers angepasst und auf Rasse, Alter und Allergien ab­gestimmt werden.

In den USA wird momentan unter anderem fleissig an der Vergrösserung des Barf-Sortiments gearbeitet. Der Tierfuttermarkt wird massgeblich von den Vereinigten Staaten gesteuert, da dort der grösste Umsatz gemacht wird. Rund 30 Milliarden Franken der jährlichen 70 Milliarden werden allein in den USA verdient. Zum Vergleich: Grossbritannien, auf Platz 2 der umsatzstärksten Tierfuttermärkte, nimmt 5,6 Milliarden Franken jährlich ein. Und die Schweiz belegt mit 0,52 Milliarden Franken Platz 22. Die USA sind auch der Ort, an dem sich Wissenschafter, Futterproduzenten und Marktforscher an Pet-Food-Konferenzen treffen, um die Industrie voranzutreiben. Fressnapf meldet, dass weitere Schwerpunkte der Tierfutterforschung bei der Verbesserung der Produkte im Tiefpreissegment und bei der Entwicklung von Tierfutter zur Verlängerung der Lebenserwartung liegen.

Aktuelle Nachrichten