Therapie auf dem Gleis

Heilung In Indonesien fehlt vielen Kranken das Geld, um sich von einem Arzt behandeln zu lassen. Pseudo-medizinische Behandlungen sind deshalb verbreitet – etwa die Elektrotherapie auf Bahnschienen. Daniel Lagger

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Ausserhalb von Jakarta warten kranke Menschen auf den nahenden Zug und auf Heilung. (Bild: Daniel Lagger)

Ausserhalb von Jakarta warten kranke Menschen auf den nahenden Zug und auf Heilung. (Bild: Daniel Lagger)

Sri Mulyati ignoriert das rot-weisse Warnschild. Langsam spaziert sie zu den Bahngleisen ausserhalb von Jakarta, der pulsierenden Hauptstadt Indonesiens. Sie legt sich hin und streckt ihren Körper über die Schienen. Mit Dutzenden anderen Heilungsuchenden liegt sie aufgereiht entlang der Strecke. Die 50jährige Diabetikerin hatte zuvor viele Ärzte aufgesucht, aber sie kann es sich nicht leisten, die verschriebenen Medikamente zu kaufen.

Also bleibt nur diese eine Option übrig, ist Mulyati überzeugt: die Elektrotherapie auf dem Gleis. «Ich werde weitermachen, bis ich völlig geheilt bin», sagt sie. Ein leichtes Zucken ist sichtbar, sobald ein nahender Personenzug eine «Extra-Portion» Stromstösse durch ihren Körper jagt.

Kein Geld für den Arzt

Dutzende Menschen liegen im Stadtteil Rawa Buaya jeden Morgen und vor Einbruch der Dämmerung auf den Bahngeleisen. Sie sind auf der Suche nach Heilung von verschiedenen Krankheiten wie Rheuma und Rückenschmerzen. Der geringe elektrische Strom, der durch die Schienen und dann durch ihren Körper fliesst, soll es richten. Die Frauen und Männer, jung und alt, berühren mit ihren Köpfen und Füssen die Schienen; so bildet sich ein Stromkreis. Einige der Bewohner behaupten, dass die heilende Wirkung der Eisenbahn-Therapie erwiesen sei.

Die Nutzung dieser aussergewöhnlichen Methode zeigt, wie es um das Gesundheitswesen in Indonesien steht. Täglich sterben viele Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, an Krankheiten wie Tuberkulose oder Malaria.

In letzter Sekunde weggerollt

Pseudo-medizinische Behandlungen sind deshalb in vielen Teilen Asiens weit verbreitet und beliebt – wie zum Beispiel das Berühren magischer Steine oder das Essen des Mistes von heiligen Kühen. Hunderte, manchmal Tausende Menschen werden von diesen Methoden angezogen und versuchen sich damit. Die Einheimischen erzählen, dass sogar Gelähmte, die sich auf den Gleisen das Leben nehmen wollten, sich plötzlich wieder bewegen konnten – als ein Zug sich näherte, rollten sie sich in letzter Sekunde vom der Schiene weg.

Lily Sulistyowati, Leiterin des Zentrums für Gesundheitsförderung am Gesundheitsministerium in Jakarta, vertritt vehement die Meinung, dass eine solche Therapie Krankheiten nicht heilen kann und es dafür auch keine Beweise gibt. «In unserer Gesellschaft gibt es sehr viele Menschen, die an Gerüchte glauben und gerne neue Dinge ausprobieren, in der Hoffnung, dass sie funktionieren. Dabei existieren in dieser Region Community-Kliniken, wo die Menschen verschiedene Behandlungen für ihre Beschwerden erhalten.» Nur verschweigt Sulistyowati, dass den meisten Kranken für eine Behandlung in Community-Kliniken ebenfalls das Geld fehlt.

Tote wegen Massenpanik

Etwa die Hälfte der 230 Millionen Einwohner in Indonesien leben von weniger als drei Dollar pro Tag. Gemäss Untersuchungen der Weltbank haben die teuren medizinischen Behandlungen und Medikamente dazu geführt, dass viele Indonesierinnen und Indonesier zu alternativen Heilkliniken, zu Schamanen oder Privatpersonen gehen, um sich heilen zu lassen.

So strömten zum Beispiel im Jahr 2010 Tausende zum Haus von Muhammad Ponari, einem Buben. Nachdem er von einem Blitz getroffen worden war, habe er einen Stein gefunden, der magische Kräfte besitze, hiess es damals. Kaum kursierte diese Geschichte, standen beim Haus des 9-Jährigen so viele Menschen an, um den Stein zu berühren, dass es zu einer Massenpanik kam. Drei Menschen starben dabei.

«Ich kenne den Fahrplan»

Phänomene wie das Stein-Berühren und die Elektrotherapie auf dem Gleis sind symptomatisch für die schlechte Gesundheitsversorgung der ärmeren Bevölkerungsschicht in dem asiatischen Land. Zahlreiche Menschen, welche sich zur Behandlung auf den Bahnschienen entschlossen, haben bereits eine lange Zeit gelitten.

Auf die Frage, ob sie nicht Angst davor habe, von einem Zug erfasst zu werden, antwortete eine der Frauen vor Ort: «Nein, ich kenne den Fahrplan der Züge gut. Und ich werde weiterhin hierher kommen, weil es für mich keine Alternative gibt.»