TEXTILMÜLL: «Stil hat nichts mit Konsum zu tun»

Die meisten wünschen sich schöne, langlebige Kleider, die fair und umweltschonend produziert ­wurden. Aber so einfach ist es nicht. Vier Experten sagen, worauf man achten sollte.

Melissa Müller
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Macht Freude: Neues aus zweiter Hand. (Bild: Joos Mind/Getty)

Macht Freude: Neues aus zweiter Hand. (Bild: Joos Mind/Getty)

Melissa Müller

melissa.mueller@tagblatt.ch

Eine norwegische Zeitung schickte drei Modeblogger nach Kambodscha in eine Textilfabrik. Da sahen die Trendsetter, wo die Sachen herkommen, die sie in ihren Blogs anpreisen. Und sie lernten die Näherinnen kennen. Mit den sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen konfrontiert, waren die jungen Hipster so erschüttert, dass sie in Tränen ausbrachen.

Sechs modebegeisterte Studentinnen der HSG wollen die Welt ein bisschen besser machen. Am Mittwoch laden sie in St. Gallen zum sechsten Mal zum Fashion-Anlass «Un-Dress» (siehe Kasten). Dabei geht es um Nachhaltigkeit, um faire Mode. Ein grosses, aktuelles Thema, das viele Fragen aufwirft: Macht die Altkleidersammlung Sinn? Wie können wir Gewohnheiten ändern? Wie können wir uns stilvoll und ökologisch kleiden? Drei Referenten des Anlasses und eine Ladenbesitzerin geben Auskunft.

Alexis Malefakis, wer seine Klamotten in den Altkleidersack steckt, hat das Gefühl, eine karitative Wohltat zu leisten. Was passiert mit den Sachen in Afrika?

Es ist kein Geheimnis, dass die Waren nicht kostenlos an Hilfebedürftige abgegeben werden. Mittlerweile werden in der Schweiz jährlich 50 000 Tonnen Altkleider entsorgt. Diese Menge können die Hilfsorga­nisationen gar nicht bewältigen. Kommerzielle Firmen wie Texaid und Tell-Tex sortieren die Sachen. Die hochklassige Ware wird online oder in Secondhand-Boutiquen in der Schweiz weiterverkauft. Ein Teil des Erlöses fliesst zu Hilfsorganisationen wie der Caritas zurück. Je schlechter und billiger die Kleider, desto weiter weg werden sie gebracht. Die schlechteste Qualität geht nach Afrika. In Tansania etwa ist so ein Absatzmarkt für unsere Konsumabfälle entstanden. Ich habe dort als Ethnologe mit Strassenhändlern geforscht, die ausgediente Schuhe flicken, aufpolieren und weiter verkaufen. Jeder dieser Männer war schon einmal im Gefängnis. Weil der Verkauf auf der Strasse illegal ist, werden die Schuhhändler mit Razzien verfolgt und kriminalisiert. Sie hätten lieber eine sichere Anstellung in einer Fabrik. Der tonnenweise Import billiger Gebrauchtware hat auch negative Folgen für die lokale Produktion von Kleidung und Schuhen. Ethnologe Alexis Malefakis ist Kurator Afrika am Völkerkundemuseum in Zürich.

 

Sebastian Lanz, sogar H & M hat eine nachhaltige Linie lanciert – geht’s hier bloss um Imagepflege?

Ich würde klar Ja sagen. Diese grossen Konzerne sind in erster Linie an Profit interessiert. Hilft ein grünes Deckmäntelchen dabei, legen sie sich eines zu. Wollten sie wirklich etwas ändern, hätten sie die Marktmacht dazu, es zu tun. Die grossen Konzerne verdienen Milliarden mit dem Fast-Fashion-Trend, also billiger Mode, die bald im Müll landet. Also werden sie dies weiter forcieren. Es liegt am Konsumenten, sich dem zu widersetzen und auf nachhaltige Mode zu setzen. Jeder Kassenbon ist ein Abstimmungszettel, mit dem man wählt, was man unterstützen möchte.

Wie geht bewusstes ­Einkaufen?

Die Frage, ob man das Stück wirklich braucht, kommt zuerst. Danach sollte man genau hinschauen. Wo wurde es produziert? Woraus? Gibt es Zertifikate, die eine faire Produktion belegen? Man sollte weniger, dafür Besseres kaufen. Langlebige Basics mit wenigen modischen Teilen kombinieren. Nicht jedem Trend hinterher laufen. Stil hat bekanntlich nichts mit Mode zu tun. Hat man seinen Stil gefunden, kann man diesen mit mo­dischen Akzenten ergänzen. Sebastian Lanz gründete in ­Zürich den Laden ­Rrrevolte. Er verkauft ökologische Mode.

 

Mareike Zimmermann, manche kaufen ihre Kleider auf dem Flohmarkt und in Secondhandshops. Das ist ökologisch sinnvoll, richtig?

Richtig! Wir beruhigen kurzfristig auch unser Gewissen, wenn wir ein Kleidungsstück aus gepflegter zweiter Hand kaufen. Und wir fühlen uns, obwohl es schon einmal getragen wurde, modisch, da es für uns ein ganz neues Kleidungsstück ist und frischen Wind in unsere Garderobe bringt.Aber wir sollten uns nichts vormachen. Selbst «made in Italy» ist kein Garant für eine faire Produktion. Einzelne Bestandteile des Produkts können in einem Billiglohnland hergestellt worden sein.

Welche Teile überstehen glanzvoll mehrere Saisons?

Zu den Klassikern gehört «das kleine Schwarze», das in keinem Kleiderschank einer Frau fehlen darf. Die schmeichelhafte Marlenehose ist ein Must, die klassische und gern verwaschene Jeansjacke geht immer und gibt jedem Look den letzten Pfiff, ein gut sitzender schwarzer Blazer, der allzeit bereite Trenchcoat, die gut eingetragene Lederjacke, schwarze Pumps und natürlich Chucks von Converse. Doch das Allerwichtigste für jede Frau sollte sein, zu einem sicheren Selbstwertgefühl zu finden. Mit sich in ihrer Weiblichkeit im Reinen sein. Denn so fühlt sie sich auch klasse, wenn sie nicht die neuste Mode trägt, sondern ihren indi­viduellen Stil, weil sie weiss, was ihr steht und was nicht. Mareike Zimmermann, Mode­designerin, führt die Secondhand-Boutique «Gold­marie» in St. Gallen.

 

Philipp Ryf, wie lässt sich Mode ethisch und ökologisch vertretbar konsumieren?

Indem man Kleidung trägt, die ohne schädliche Chemikalien und PFC hergestellt wurde. Mode ist zum Einwegprodukt verkommen. Während wir daran arbeiten, die Textilindustrie zu entgiften, befeuern wir aber auch als Konsumenten die Umwelt­zerstörung. Unsere Sucht nach Fast-Fashion und die damit einhergehende Masse an Kleidern, die produziert, benutzt und weggeworfen werden, hält dieses System am Laufen. Deshalb setzt sich Greenpeace für noch tiefere Veränderungen der Modeindustrie ein. Wir verhandeln mit Coop und vielen weiteren Retailern und Marken. Die Kleider von Coop Naturaline aus Biobaumwolle sind aus ökologischer Sicht empfehlenswert – von der Produktion bis zum Recycling. Philipp Ryf ist Kampagnen­leiter bei Greenpeace.