TEXTILBERUFE: Stich um Stich

Fergger, Andreherin, Mustermädchen: Einst gab es viele Textilberufe und wenig Maschinen. Heute ist es umgekehrt.

Diana Hagmann-Bula
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Textilberuf heute: Nathalie Traber arbeitet im Labor und an grossen Maschinen. Sie schliesst soeben die Lehre als Textiltechnologin bei der Veredlungsfirma AG Cilander in Herisau ab. (Bild: Hanspeter Schiess)

Textilberuf heute: Nathalie Traber arbeitet im Labor und an grossen Maschinen. Sie schliesst soeben die Lehre als Textiltechnologin bei der Veredlungsfirma AG Cilander in Herisau ab. (Bild: Hanspeter Schiess)

Diana Hagmann-Bula

diana.hagmann-bula@tagblatt.ch

Jeder hat ein Bild von St. Galler Stickereien. Man denkt sofort an Haute Couture und Glamour, an Prinzessinnen, die in den edlen Stoffen heiraten, an Stars, die damit auf den roten Teppich treten, oder an First Ladys, die so gekleidet zum Staatsbankett aufmarschieren. Taucht man tiefer in die Ostschweizer Textilgeschichte ein, werden die Bilder unklarer, verschwommener. Und manches ging ganz vergessen. Was tat noch einmal ein Fergger? Kurbelte die Andreherin eine Maschine an? Und war das Mustermädchen tatsächlich die beste aller Näherinnen? Natürlich nicht.

Das Mustermädchen arbeitete in der Exportabteilung und klebte Muster in die Musterbücher, aus denen der Kunde schliesslich wählte. Die Andreherin kurbelte nichts an, machte aber den Webstuhl bereit; sie spannte neue Kettfäden ein, verknüpfte sie mit den alten. Und der Fergger hatte seinen Berufsnamen vom gleichlautenden Verb, das so viel wie «bedienen» bedeutete. Er nahm Aufträge von Exportfirmen entgegen und vergab sie an Heimarbeiterinnen.

Die Berufe, unter denen sich heute kaum mehr jemand etwas vorstellen kann, tauchten im 19. Jahrhundert in Inseraten in der «Appenzeller Zeitung» auf. Ostschweizer Betriebe warben darin um Männer und Frauen für die Textilindustrie. Die freischaffende Kuratorin Ursula Karbacher hat solche Anzeigen gesammelt und zeigt sie ab heute im Volkskunde-Museum Stein.

Kinder fädeln ein, der Vater stickt

Einst zählte in Appenzell Ausserrhoden nur die Alpwirtschaft. Doch als der Leintuchhandel St. Gallen reich machte, wollten die Nachbarn nicht mehr nur auf Kühe und Alpen, sondern auch auf Tücher setzen. Sie begannen mit eigenen Maschinen zu verarbeiten, zu veredeln, zu bleichen. Mehrheitlich webte der Mann, Frauen, Kinder, die Älteren füllten die Schiffchen mit Fäden. Doch dann kam die Stickerei auf, mit feineren, eleganteren Dessins. «Die Heimweber suchten sich nun eine Stelle in dieser boomenden Branche. Viele wurden zu Heimstickern. Durch diesen Wandel gingen Berufe verloren, andere kamen hinzu», sagt Karbacher. 1829 wurde im Elsass die erste Handstickmaschine erfunden; das Gerät verbreitete sich rasch.

Ein Sticker war nicht einfach ein Sticker: Es gab den Stüpfel­sticker, der Löcher in den Stoff bohrte. Der Flanelette-Sticker war auf aufgeraute Gewebe spezialisiert. Der Ätzsticker kannte sich mit den St. Galler Spitzen am besten aus. Und Stickerinnen waren an Nähmaschinen ähnlichen Kurbelmaschinen im Einsatz; sie fertigten Vorhänge.

Obwohl Fabrik um Fabrik entstand, arbeiteten immer mehr Sticker wieder zu Hause – um die Tage in stickigen, lauten Grossräumen zu umgehen. Ab 1890 verschlechterte sich jedoch der Lohn der Selbstständigen, die Schulden häuften sich. Es brauchte jede Hand, auch die der Kinder. Weil sie klein und wendig waren, eigneten sie sich besonders zum Einfädeln. Eine langweilige und doch so wichtige Aufgabe. Damit der Vater morgens gleich loslegen konnte, mussten die Kleinen um fünf Uhr aus dem Bett und bereiteten die Nadeln vor. Ab 1877 verbot ein Gesetz Kinderarbeit in der Fabrik, für daheim bestanden aber keine Regeln. 1884, die Erlösung: Die Fädelmaschine verrichtete fortan die mühselige Fleissarbeit.

Nur noch ein Beruf

Der Agrarkanton Ausserrhoden hatte sich zum Industriekanton entwickelt. Jeder sechste Haushalt verfügte über eine Handstickmaschine. 1912 folgte die nächste technische Meisterleistung: Saurer präsentierte den Stick­automaten. «Mit der fortschreitenden Industrialisierung wurden immer mehr alte Textilberufe hinfällig», sagt Karbacher. Dafür waren vermehrt Techniker, Mechaniker, Monteure nötig. Leute, die dann weiterwussten, wenn die Apparate plötzlich defekt waren und still standen.

Am Ende des 20. Jahrhunderts existierten noch rund 30 Textilberufe. Darunter der Senger, der mit kleiner Flamme hervorstehende Fasern abbrannte. Oder die Nachseherin, die Gewebe auf Unkorrektheiten kon­trollierte. Tätigkeiten, die heute allesamt verschwunden und in einem einzigen Beruf verschmolzen sind: dem Textiltechnologen. Wer eine Lehre im Textilbereich erwägt, denkt zuerst wohl an die Schneiderin. «Genau das ist der Textiltechnologe nicht. Es handelt sich um einen Industrieberuf. Grosse Anlagen, grosse Hallen, oft laut, oft warm, aber spannend», sagt Michael Berger, Leiter Bildung und Nachwuchsförderung beim Schweizerischen Textilverband Swiss Textiles. Die Organisation wirbt denn auch mit dem Slogan: «Eine Ausbildung in einer der innovativsten Branchen.» Berger spricht von einem Beruf, der viel mehr zu bieten hat als St. Galler Spitzen. Textiltechnologen würden nicht nur mit Baumwolle und Seide arbeiten, sondern auch mit High-Tech-Stoffen. «Sie stellen Filter für Mikrofone in Smartphones her, Bezüge für Flugzeugsitze. Oder Stützstrümpfe, das hat nichts mit Glamour zu tun.»

Für eine von fünf Fachrichtungen kann sich der Nachwuchs entscheiden: Design, Mechatronik, Seil- und Hebetechnik, Verarbeitung, Veredlung. Die 22-jährige Nathalie Traber aus Waldstatt hat sich für den letzten Bereich entschieden. Sie färbt bei der Herisauer Veredlungsfirma AG Cilander Stoffe, prüft sie auf ihre Reissfestigkeit oder behandelt sie chemisch und macht sie etwa bügelleicht. «Ursprünglich wollte ich Schneiderin lernen, doch die Berufsberatung hat mir die breitere Grundausbildung zur Textiltechnologin empfohlen», sagt sie, die soeben ihre dreijährige Lehre abschliesst. Traber mag es besonders, im Labor zu stehen, zu experimentieren, bis eine Farbe dem Kundenwunsch entspricht. Dafür brauche es Geschicklichkeit. «Ein Tropfen zu viel, schon ist das Resultat ein ganz anderes.» Gute Mathekenntnisse seien nötig, «um die Rezepturen umzurechnen». Und Geduld. «Manchmal muss ich eine Farbe mehrmals ausfärben, bis sie mit der Vorlage übereinstimmt.»

Für die Tochterfirma im Ausland arbeiten?

In den letzten Jahren haben viele Textilfirmen Arbeitsplätze ins Ausland verlagert. Haben die Lernenden Angst, nach der Ausbildung keine Stelle in der Schweiz zu finden? Michael Berger von Swiss Textiles verneint: «Die Aussichten hierzulande sind hervorragend. Textilunternehmen mit Tochterfirmen anderswo ermöglichen aber auch, im Ausland zu arbeiten. Gerade jungen Berufsleuten kommt das manchmal gelegen.»