Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Temporärer Sündenerlass

Susanne Frank ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe. Sie findet, das Thema Abtreibung dürfe weder vor noch nach dem Jahr der Barmherzigkeit unter dem Aspekt der «Sünde» betrachtet werden.
Brigitte Schmid-Gugler
Die Gynäkologin Susanne Frank wehrt sich gegen die Haltung der katholischen Kirche, die Abtreibung als Todsünde einstuft. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Gynäkologin Susanne Frank wehrt sich gegen die Haltung der katholischen Kirche, die Abtreibung als Todsünde einstuft. (Bild: Hanspeter Schiess)

Schon bald ist es vorbei mit dem Erlass der schweren Sünde. Dann müssen halt die weiblichen katholischen Schafe wieder selber schauen, wie sie mit ihrer grossen «Schuld», die sie auf sich geladen haben, fertig werden. Noch bis zum 20. November des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit – so hat es Papst Franziskus entschieden – dürfen katholische Priester Frauen von ihrer Todsünde, ein Kind abgetrieben zu haben, lossprechen. Voraussetzung ist natürlich, dass diese ihr «Vergehen» beichten und «reuigen Herzens dafür um Vergebung bitten». Darunter fallen auch jene Frauen, die etwa aufgrund einer Vergewaltigung schwanger geworden sind. Auch sie nämlich sind im Sinne des Gebots «Du sollst nicht töten» des Teufels, wenn sie abtreiben.

«Grotesk, es passt nicht in unsere – in keine Zeit», findet Susanne Frank. Sie führt in St. Gallen eine eigene Praxis für Gynäkologie und Geburtshilfe. «Es gibt so vieles, was in der Kirche realitätsfremd ist. Eine geschiedene Person darf die Kommunion nicht mehr empfangen – wenn man bedenkt, wie viele Paare geschieden sind!»

Tolerante Verhältnisse

Doch es gibt – zumindest bei uns – ein Gesetz, das sich, gerade was die Abtreibung betrifft, nicht nach der Kirche und deren Vorgaben richtet. Seit 2002 kennt die Schweiz die Fristenregelung. «Das ist noch gar nicht so lange her. Doch mit diesem Gesetz ist die Sache hierzulande gut geregelt. Unsere Berufsgruppe ist zuständig für die professionelle Umsetzung. Jede Frau darf bis zur zwölften Woche selber entscheiden, ob sie ein Kind austragen will oder nicht.»

Schnell vergessen geht, dass es eine Debatte von Jahrzehnten war, bis dieses Gesetz zustande kam. Boykottiert gerade auch von katholisch-konservativen Kreisen. Davor mussten die Frauen und auch Ärzte und Ärztinnen in die Illegalität abtauchen. «Und es gab viel Scharlatanerie. Für die Frauen bedeutete ein illegaler Abbruch oft ein grosses gesundheitliches Risiko. Und bis heute gibt es Länder, in denen Ärztinnen und Ärzte um ihr Leben fürchten müssen, wenn sie Abtreibungen vornehmen», sagt Susanne Frank.

Als Fachärztin sei es ihre Aufgabe, erst einmal genau hinzuhören und sich ein Bild zu machen über die Situation einer Frau, die ihre Schwangerschaft unterbrechen will. «Meine Funktion ist es, sie zu begleiten. Ich muss spüren, ob es stimmt für die Person. Manchmal ist es einfach nur die grosse Verzweiflung, möglicherweise aus finanziellen Gründen. In solchen Fällen kann ich auf das Angebot der Beratungsstelle für Familienplanung hinweisen, eine hilfreiche Institution, die langfristige Lösungen aufzeigen kann.» Trotz der toleranten Zwölfwochenfrist sei der Zeitdruck da. Wenn sie spüre, dass es bei dem Wunsch der Frau, einen Abbruch vorzunehmen, um eine Kurzschlusshandlung gehe, versuche sie, innert nützlicher Frist noch ein paar Tage Bedenkzeit herauszuholen: «Mit einer Freundin reden, einen Termin bei der Beratungsstelle abmachen, das kann Klarheit schaffen. Dann gibt es Fälle, bei denen es nichts mehr zu diskutieren gibt, weil die Situation eine absolute Katastrophe ist.» Man dürfe nicht vergessen, dass jede Frau, die mit dem Wunsch komme, abzutreiben, wirklich verzweifelt sei. Keine einzige lasse das nonchalant vornehmen. «Moralisch und mental bedeutet es eine enorme Belastung. Viele tun sich unheimlich schwer damit. Sie machen sich Vorwürfe. Fühlen sich mit Blick auf das entsprechende religiöse Gebot schuldig. Ich hatte auch schon Patientinnen, die des Glaubens wegen in eine grosse Konfliktsituation gerieten und das Kind deshalb austragen wollten. Solche Frauen wissen genau, dass sie in ihrem katholischen Umfeld Probleme bekämen, wenn jemand vom Abbruch erfahren würde.»

In der Metzgerei geübt

Abtreibung ist und bleibt ein Reizthema. Es heisst im katholischen Verständnis, einen Menschen zu töten. «Für mich hat es keine Bedeutung, ich kann das gut trennen. Diese Frauen sind in einer extremen Notsituation. Oft stehen sie voll in der Ausbildung. Sie hadern, trauern, weinen und sagen, sie hätten nie gedacht, dass ihnen so etwas passiert. Verzweiflung pur manchmal auch bei Frauen, deren Familienplanung bereits abgeschlossen ist.

Es gebe, sagt Susanne Frank, seit der Einführung des Gesetzes tendenziell weniger Abtreibungen. Ohne Zweifel würden Aufklärungskampagnen in den Schulen zu diesem positiven Trend beitragen. Aber auch Eltern handelten ihren Kindern gegenüber toleranter. Oft würden Mütter ihre 16jährigen Teenager begleiten, die sich die Pille verschreiben lassen wollen. Auch das lehnt die katholische Kirche ab. «Es gibt heute noch Fachärzte, die Verhütung rigoros ablehnen, weder die Pille danach abgeben noch die Kupferspirale einsetzen, weil sie eine befruchtete Eizelle am Einnisten hindern beziehungsweise zerstören können. Diese Leute gab es schon in der Ausbildung. Extrem dogmatisch. Aber eher selten. Am Spital fand ich es unfair, weil sie die Abgaben und Eingriffe einfach auf die toleranteren Kollegen und Kolleginnen abschoben.»

Mit den Fragen eines Schwangerschaftsabbruches habe sie sich lange Jahre ihres Berufslebens als Ärztin nicht beschäftigen müssen. «Doch wenn man Gynäkologin ist, wird man früher oder später damit konfrontiert. Und: Verboten oder nicht – gemacht wird es sowieso. Unbedingt notwendig war und ist die Legalisierung zum Schutz der Frauen.» Es stehe niemandem zu, über eine Frau zu urteilen, die ein Kind abgetrieben habe.

Susanne Frank stammt selber aus einem katholischen Umfeld. Ihre Eltern führen eine Metzgerei, der einzige Bruder ist dort als Nachfolger eingestiegen. Ihr Wunsch, einen medizinischen Beruf zu erlernen, habe schon im Alter von 13 Jahren festgestanden. «Ich musste mich einer Behandlung im Spital unterziehen und wollte im Operationssaal einfach nicht einschlafen. So sehr faszinierte mich der Geruch. Was andere abstiess, zog mich an. Für mich wäre eine Welt zusammengebrochen, wenn ich es nicht geschafft hätte.» Die Mutter von zwei Kindern studierte in Fribourg und Bern und machte im Spital Grabs ihr Facharzt-diplom als Gynäkologin. Schon in der Primar- und Kantizeit half sie in der Metzgerei. Während des Studiums legte ihr der Vater auf ihren Wunsch Schweinenieren und andere Organe beiseite, an denen sie üben konnte, während auf der nächsten Werkbank die Metzger am Wursten waren.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.