Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

TECHNOLOGIE: China entwickelt sich um Überwachungsstaat mit orwellschen Dimensionen

In China tragen Polizisten jetzt intelligente Sonnenbrillen. Verkehrssünder werden durch Erkennungssysteme angeprangert. Das Land entwickelt sich zum Labor eines computergestützten Polizeistaats.
Adrian Lobe
Chinesische Polizisten haben durch Überwachung mittels Datenbrillen Kriminelle gefasst. (Bild: AFP)

Chinesische Polizisten haben durch Überwachung mittels Datenbrillen Kriminelle gefasst. (Bild: AFP)

Stellen Sie sich vor, Sie steigen an einem Bahnhof aus. Plötzlich kommt ein Polizist mit einer Datenbrille auf Sie zu und sagt: «Stehenbleiben! Der Abgleich Ihres biometrischen Profils hat ergeben, dass Sie auf einer roten Liste stehen. Wir müssen Sie leider festnehmen.» Was nach düsterem Science-Fiction-Szenario klingt, ist in China Realität.

Wie das «Wall Street Journal» unter Berufung auf lokale Medien berichtet, testet die Polizei in der Metropole Zhengzhou in der Provinz Henan im Rahmen eines Pilotprojekts Datenbrillen, die mit einer diskreten Kamera ausgestattet sind und mithilfe von Gesichtserkennungsalgorithmen Verdächtige in der Masse ausfindig machen. Die als Sonnenbrillen getarnten Datenbrillen der Firma LLVision Technology Co. fallen zunächst nicht auf. Doch sie sind hocheffektiv: Laut der Herstellerfirma sollen die umgerechnet 636 Dollar teuren High-Tech-Brillen Individuen aus einer Datenbank von 10'000 Tatverdächtigen innert einer Zehntelsseknunde erkennen können.

Emotions-Analyse im Klassenzimmer

Die zu Cyborgs aufgerüsteten «Robocobs» sehen den Personenverkehr wie in einer Computersimulation: Um jede Person legt sich ein Rechteck, das Personen ins Visier nimmt und Informationen anzeigt. Findet der Algorithmus einen Treffer in der Datenbank, schlägt das System automatisch Alarm. Laut der englischsprachigen Ausgabe der «People’s Daily», dem Parteiorgan der Kommunistischen Partei Chinas, sind der Polizei mit dem System bereits sieben Kriminelle und 26 unter falscher Identität reisende Personen ins Netz gegangen.

Die Datenbrillen sind Teil des umfassenden staatlichen Überwachungsprogramms. Unterstützt werden die Polizisten von einem flächendeckenden Überwachungsnetz aus 170 Millionen Überwachungskameras. Laut den Marktforschern von IHS Markit werden bis zum Jahr 2020 in China 626 Millionen Kameraaugen die Bürger im öffentlichen Raum auf Schritt und Tritt verfolgen.

Die Dystopie eines Orwell’schen Überwachungsstaats scheint immer mehr Wirklichkeit zu werden. In Städten wie Shenzhen und Fuzhou wurden Gesichtserkennungssysteme installiert, die Verkehrssünder, die bei Rot über die Strasse gehen oder zu schnell fahren, identifizieren und auf einem riesigen Bildschirm öffentlich an den Pranger stellen. In Studentenwohnheimen müssen sich Studenten mit ihrem Gesicht ausweisen. Und in Klassenzimmern werden «Face-Reader» getestet, welche die Emotionen analysieren und feststellen, ob die Schüler gelangweilt sind.

Journalist startet Selbstversuch

Wie dicht dieses Überwachungsnetz gespannt ist, zeigt ein Selbstversuch des BBC-Reporters John Sudworth. Im Rahmen seiner Recherche reiste er in die chinesische Stadt Guiyang im Südwesten des Landes. In der Drei-Millionen-Metropole ist jeder Bürger mit einem Porträtfoto in einer Bilddatenbank gespeichert. Sudworth wollte herausfinden, wie viel Zeit die Sicherheitsbehörden benötigen, bis sie eine verdächtige Person festnehmen nehmen können. Um die Reaktionszeit auf den Prüfstand zu stellen, startete er in Kooperation mit den Behörden ein kontrolliertes Experiment: Er lud ein biometrisches Passfoto von sich in die Datenbank hoch, das in dem System als verdächtig gemeldet wurde, und begab sich daraufhin ins Stadtzentrum. Es dauerte nicht lange, da wurde Sudworths Konterfei von einem Gesichtserkennungssystem an einem Bahnhof identifiziert. Das Kontrollzentrum schlug sofort Alarm. Kurz darauf war der Reporter von Sicherheitsbeamten umzingelt.

Küchenmesser werden mit Käuferdaten gekoppelt

Vor allem die überwiegend von Uiguren und Han bewohnte Provinz Xinjiang, in der es in der Vergangenheit häufiger zu ethnischen und religiösen Spannungen gekommen war, wird von der Zentralregierung in Peking zu einem Labor für neue Überwachungstechnologien ausgebaut. Mit Gesichtserkennung ausgerüstete Videokameras überwachen rund um die Uhr Strassen, öffentliche Plätze und Einkaufspassagen. Sogar auf Märkten müssen Bürger Sicherheitskontrollen durchlaufen und zuweilen ihre Handydaten vorzeigen.

Wie das «Wall Street Journal» in einer Dokumentation berichtet, werden sogar Küchenmesser beim Verkauf mit einem auslesbaren QR-Code versehen und an die persönliche ID gekoppelt, damit etwaige Gewalthandlungen auf die Person zurückzuführen sind. Händler sind gesetzlich verpflichtet, potenziellen Waffen einen solchen Code per Lasertechnologie einzugravieren.
Nichts anderes als ein QR-Code sind die biometrischen Daten von Menschen, die von den Gesichtserkennungssystemen überall identifiziert werden können. Das Beispiel China macht deutlich, wohin eine schrankenlose Überwachung führen kann – und wie wichtig es ist, der Technik Grenzen zu setzen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.