TANZTHEATER: Rasender Cäsarenwahn

«Caligula» hat am Mittwoch in der Lokremise St. Gallen Premiere gefeiert. Bildgewaltig und in peitschender Geschwindigkeit erzählt es von den letzten Stunden des tyrannischen römischen Kaisers.

Nina Rudnicki
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Das alte Rom in einem bildstarken Tanzstück: Szene aus «Caligula» in der Lokremise. (Bild: Ian Whalen)

Das alte Rom in einem bildstarken Tanzstück: Szene aus «Caligula» in der Lokremise. (Bild: Ian Whalen)

Nina Rudnicki

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

Rechts und links der Bühne stehen bewegungslos maskierte Gestalten. Ihre Körper sind mit schwarzen Gewändern verhüllt. Auf einem Podest liegen schwarze Rosen. Kirchenglocken sind zu hören, und die Szene liegt in rotem Licht. Leidenschaft, Blut und Bedrohung sind spürbar. Diese Stimmung wird sich durch das ganze Tanzstück «Caligula» ziehen. Es beginnt mit einem Knall und einer Lichtexplosion, welche die beklemmende Starre zerreissen. Caligula (Alberto Terribile) und dessen Frau Caesonia (Stefanie Fischer) nehmen als weisse Lichtwesen den Tanz auf. Die Armee der Patrizier erwacht. Kreischende Musik treibt sie über die Bühne. Rasch ergreift die Masse Caesonia, während Caligula sich mit seinem Geliebten Lepidus (Lorian Mader) einem dominanten Liebesspiel hingibt.

In «Caligula» erzählt der Choreograf Ronald Savkovic die letzten Stunden des gleichnamigen römischen Kaisers, vor dessen Ermordung. Am Mittwoch hatte das Stück der Tanzkompanie des Theaters St. Gallen in der Lokremise seine Uraufführung.

Seltene Momente der Zärtlichkeit

Das Wort Cäsarenwahn wurde für Caligula erfunden. Er war berüchtigt für seine ausufernde Gewalt, ungerechte Prozesse und grausame Hinrichtungen. Nach vier Jahren an der Macht wurde Caligula infolge einer Verschwörung umgebracht. Dieser häufig in Literatur und Kunst rezipierte Stoff bedient auch bei Savkovics Inszenierung jedes Klischee eines tyrannischen Herrschers: Sex, Gewalt, Willkür, Launenhaftigkeit und Grausamkeit beherrschen die Bühne. Savkovic lässt Caligula vergewaltigen und Kehlen durchschneiden. Dazwischen liegen einige wenige zärtliche und menschliche Momente, etwa wenn Caligula sich der Vertrautheit zwischen ihm und Caesonia hingibt.

«Caligula» ist nicht nur bild-, sondern vielmehr sinnesgewaltig. Tanz, Musik, Kostüme, Bühnenbild und Licht greifen ineinander. Die monochromen Kostüme von Aleksandar Noshpal bestehen aus etlichen Details. Ketten, Reissverschlüsse, Knöpfe und Tücher schmücken die Körper der Tänzerinnen und Tänzer. Im Laufe des Stückes legen sie Schicht um Schicht ab, bis sie fast hüllenlos sind. Das Bühnenbild von Armand Vilaf besteht nebst dem Podest aus zwei grossen Vorhängen, die sich quer durch den Raum ziehen lassen und auf denen manchmal nur tanzende Schatten zu sehen sind. Schwarze Rosen werden je nach Stimmung durch Lilien ersetzt. Das Licht zaubert mal in rotem, mal in blauem Schein oder im Blitzlichtgewitter düstere bis hoffnungsvolle Stimmungen herbei.

Ein Highlight ist auch die Musik von Miroslav Bako. Zu hören sind Tropfen, Stimmen, Stöhnen, Grillen, liebliches Klavier, klassische Musik, Techno, harte Bässe, verwirrende Geräusche. Immer peitscht die Musik das Geschehen vorwärts.

Kurzfristig Rolle übernommen

70 Minuten dauert «Caligula», das die Kompanie zu Höchstleistungen antreibt. Alberto Terribile scheint die Rolle des Caligula auf den Leib geschneidert. Beeindruckend auch Stefanie Fischer, welche erst vor zwei Wochen kurzfristig den Part der Caesonia übernommen hat. Die Armee der Patrizier tanzt die rasende Choreografie exakt und synchron. Genial ist die Rolle von Callistus (Emily Pak), eine der treibenden Kräfte der Verschwörung gegen Caligula. Unauffällig, filigran und bedrohlich zugleich nähert sie sich dem Kaiser und wird zu dessen grösster Bedrohung. Hervor sticht auch Chaerea (Hoang Anh Ta Hong), etwa wenn er zum Nunchaku greift, zwei durch eine Kette verbundene Schlagstöcke, und damit die Luft zerschneidet.

Für Caligula wird es immer enger. Bald verschwindet alles in der Dunkelheit. Die Patrizier tanzen mit Taschenlampen, die zu Schwertern und Lanzen werden. Es folgte Caligulas letzter Auftritt. Sein Schicksal ist besiegelt.

Vorstellungen: 28.10 sowie 1., 2., 8. und 17.11., Lokremise