Tagelanger Kontrollverlust

Bei vielen Frauen schwankt die Stimmung in den Tagen vor den Tagen. Weniger bekannt ist jedoch, dass einige Frauen vor ihrer Periode unter derart schweren psychischen Symptomen leiden, dass sie behandelt werden müssen.

Juliette Irmer
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Ab Zyklusmittel wird das Leben für PMDS-Betroffene zur ständigen Berg-und-Tal-Fahrt. (Bild: fotolia/Axel Bückert)

Ab Zyklusmittel wird das Leben für PMDS-Betroffene zur ständigen Berg-und-Tal-Fahrt. (Bild: fotolia/Axel Bückert)

Wenn sich die liebreizende Gattin plötzlich in einen Drachen verwandelt, machen Männer gerne die Hormone dafür verantwortlich: Den Satz «Na Schatz, kriegst du deine Tage?» kennt wohl jede Frau. Doch nicht jede – und auch nicht jeder – kann über solche Sprüche lachen. Denn während viele Frauen vor ihrer Periode über Wassereinlagerungen oder Heisshunger klagen, kämpfen einige mit schweren psychischen Symptomen, sind reizbar, teilweise hochaggressiv: Sie leiden an der schwersten Form des prämenstruellen Syndroms (PMS), der sogenannten prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS).

Im Extremfall schlagen sie zu

«Frauen mit PMDS erleben sich in der zweiten Zyklushälfte als anderer Mensch: Sie tun oder sagen Dinge von denen sie genau wissen, dass sie falsch sind. Im Extremfall schlagen sie ihr Kind, schreien ihren Partner an, werfen mit Gegenständen», sagt Anke Rohde, Leiterin der Abteilung für Gynäkologische Psychosomatik am Universitätsklinikum Bonn. Da die Symptome monatlich wiederkehren, sind familiäre und berufliche Probleme oft vorprogrammiert.

Doch obwohl PMDS leicht zu diagnostizieren ist, finden viele Betroffene jahrelang keine Hilfe. Oft attestieren ihnen Ärzte eine Impulskontrollstörung oder bagatellisieren ihre Beschwerden als Stimmungsschwankungen.

Was man ihnen nicht einmal vorwerfen kann: Denn die abgeschwächte und bekanntere Form des prämenstruellen Syndroms (PMS) gilt als nicht behandlungsbedürftig. Wo hingegen PMDS im deutschen Sprachraum nur unzureichend bekannt ist. Was wohl auch daran liegt, dass wohl 90 Prozent aller Frauen in der zweiten Zyklushälfte Veränderungen wie Wassereinlagerungen, Brustspannen, Niedergeschlagenheit oder Reizbarkeit feststellen, die schlagartig nach dem Einsetzen der Periode aufhören. Wohingegen PMDS nur bei 3 bis 8 Prozent der Frauen auftritt. Ihre Symptome – vornehmlich Reizbarkeit, Anspannung und Aggression – tauchen in aufeinanderfolgenden Zyklen auf, stehen nicht in Zusammenhang mit einer anderen psychiatrischen Erkrankung und sind so stark ausgeprägt, dass sie das soziale Miteinander in Familie und Beruf negativ beeinflussen.

Nicht ernst genommen

«Das Schlimmste für betroffene Frauen ist der Kontrollverlust. Und das Gefühl nicht ernst genommen zu werden», sagt Sibil Tschudin, leitende Ärztin an der Frauenklinik des Universitätsspitals Basel. «Ab Zyklusmittel haben sie das Gefühl, dass wieder das Damoklesschwert PMDS über ihnen schwebt.»

Für Betroffene ist ein Zyklus- Tagebuch oft eine grosse Hilfe: «Sie erkennen, dass ihre Symptome klar mit ihrem Zyklus zusammenhängen und sind oft erleichtert, dass es eine biologische Grundlage für ihre Beschwerden gibt», sagt Tschudin.

Hormone spielen nicht verrückt

Wie PMS in all seinen Ausprägungen genau entsteht, ist noch unklar. Dass die weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron eine Rolle spielen ist sicher. Die verbreitete Meinung, dass bei Frauen mit PMS die «Hormone verrückt spielen», trifft allerdings nicht zu: Frauen, die stark an PMS leiden, haben die gleichen Hormonschwankungen wie Frauen, die keine PMS-Symptome zeigen.

Allerdings reagieren PMS-Betroffene sensibler auf die natürlichen Hormonschwankungen im Menstruationszyklus.

Sensibel auf Hormone

Frauen mit PMDS verarbeiten also die Hormonsignale im Gehirn anders. Warum manche Frauen so viel sensibler auf diese Signale reagieren als andere ist noch unklar. Studien weisen darauf hin, dass Östrogen und Progesteron vor allem den Neurotransmitter Serotonin beeinflussen. Serotonin wirkt sich direkt auf die Stimmung aus und sorgt für innere Ruhe und Zufriedenheit, indem es Angstgefühle und Aggressionen dämpft.

Antidepressiva können helfen

Entsprechend hilft Frauen mit PMDS die Einnahme von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, Antidepressiva, die dafür sorgen, dass das vorhandene Serotonin länger wirkt. «Bei PMDS reicht oft eine geringe Dosierung aus und anders als bei Depressiven wirken die Medikamente umgehend», sagt Tschudin. Patientinnen können sie entweder durchgehend nehmen oder nur dann, wenn sie die Symptome verspüren.

Kommen Antidepressiva nicht in Frage, können auch Hormone helfen. Eine mittlerweile gängige Vorgehensweise ist die Gabe der Pille im Langzyklus, das heisst über viele Monate ohne Pillenpause zwischendurch. Grundsätzlich sollte in der kritischen Zyklusphase auch das Tagesprogramm angepasst und Stress vermieden werden, da PMS/ PMDS dadurch verstärkt werden.

Für die Zukunft wünschen sich Sibil Tschudin und Anke Rohde einen verbesserten interdisziplinären Behandlungsansatz: Die sorgfältige Betrachtung der hormonellen Situation einer Frau sollte bei jeder medizinischen Untersuchung zum Standard werden.