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TÄTOWIERLEGENDE HERBERT HOFFMANN: Männer mit Lebensspuren

Herbert Hoffmann war auch ein begnadeter Fotograf. In seiner Tätowierstube porträtierte er Ganoven, ­Professoren und Strassenarbeiter – und blickte ihnen tief in die Seele. Seine Porträts sind jetzt in der Kunst-Halle St.Gallen zu sehen.
Melissa Müller
Ohne Shorts: Manche liessen sich nur den Unterleib tätowieren. Rechts: Tätowiermeister Herbert Hoffmann mit Matrosen, 1966. (Bilder: Galerie Gebr. Lehmann, Dresden)

Ohne Shorts: Manche liessen sich nur den Unterleib tätowieren. Rechts: Tätowiermeister Herbert Hoffmann mit Matrosen, 1966. (Bilder: Galerie Gebr. Lehmann, Dresden)

Melissa Müller

Spinnennetze spannen sich über Pobacken, Schlangen fesseln Pin­up-Girls, Fratzen grinsen von einer Brust. Die Männer tragen ihre Ganzkörpertätowierungen wie eine Ritterrüstung. Fotografiert und gestochen hat sie der deutsche Tätowierer Herbert Hoffmann (1919–2010), der schon zu Lebzeiten eine Legende wurde und seine letzten drei Jahrzehnte mit seinem Lebenspartner in Heiden verbrachte. Der Bartträger mit dem verschmitzten Lächeln wurde in der Nachkriegszeit als der «Meistertätowierer» von Hamburg St. Pauli bekannt. Nahe der Reeperbahn führte er die älteste Tätowierstube Deutschlands.

Weniger bekannt ist, dass Hoffmann auch ein hervorragender Fotograf war. Einige noch nie gezeigte Arbeiten sind jetzt in der Kunst-Halle St.Gallen zu sehen. Von 1950 bis in die Siebzigerjahre hinein schuf der Amateur­fotograf mit seiner Mittelformatkamera gegen 400 Porträts seiner Stammkunden: Matrosen, Ganoven, Strassenreiniger, Ärzte und Professoren. Damals wurden Tätowierte sozial geächtet, sie galten als kriminell oder asozial. «Viele Tätowierer kamen in den KZ ums Leben», sagt Galerist Frank Lehmann, der Hoffmanns fotografisches Erbe in Dresden verwaltet. Sozialisten, die mit Tattoos ihre politische Gesinnung zum Ausdruck brachten, wurden im Dritten Reich ebenfalls ermordet. Als Hoffmann 1961 seine Tätowierstube übernahm, war dies nur in Hamburg erlaubt – in der Hafenstadt wurden Tattoos als Matrosenfolklore geduldet. Um dem Studio einen seriösen bürgerlichen Anstrich zu geben, richtete er es mit geblümten Tapeten, Silberleuchter und Porzellanvasen ein.

Nicht interessiert an jungen, gestylten Körpern

Die sorgfältig komponierten Aufnahmen in Schwarz-Weiss gewähren intime Einblicke. Da ist ein Mann mit amputierten Beinen; nur sein Glied ist tätowiert. Eine Aura von Würde und Schmerz umgibt ihn. Oder ein dicker junger Mann mit einem Adler auf der Brust, der selbstbewusst die Hände in die Hüften stemmt. Es scheint, als liessen die Männer für den Fotografen nicht nur ihre Hüllen fallen, sondern gewährten ihm auch einen Blick in ihr Herz. «Hoffmann gewann ein tiefes Vertrauen zu seinen Kunden, sonst hätten sie sich nie so vor ihm gezeigt», sagt Lehmann. Manche lebten in den Kriegstrümmern. «Hoffmann interessierte sich nicht für junge, durchgestylte Körper. Er wollte Lebensspuren festhalten, ob die eines Strassenarbeiters, eines Müllkutschers oder Seemanns», sagt Galerist Frank Lehmann.

Der Tätowierer fotografierte Stammkunden, um sich mit Berufskollegen über Tattoos auszutauschen. Dabei ging es ihm nie um Glamour und Party. Dass diese Bilder einmal im Museum hängen würden, hätte er sich nie träumen lassen.

Hoffmann verlangte oft kein Geld. Da war ein tintensüchtiger Professor, der wollte, dass sein ganzer Körper mit Bildern bedeckt wird. «Da ich auch von ihm keine Bezahlung nahm, schenkte er mir ein 12-teiliges Rosenthal-Kaffee-Service, das wir sehr in Ehren halten», notierte der Fotograf, der jedes Bild mit einer persönlichen Notiz versah.

Ausstrahlung eines Messias

«Er wollte, dass ihn die Menschen in guter Erinnerung behalten», sagt Frank Lehmann. Noch als betagter Herr reiste Hoffmann jedes Wochenende an Tattoo-Conventions, hielt Vorträge und wurde in der Szene wie ein Messias verehrt. «Das war fast unheimlich, welche Wirkung er hatte», sagt der Galerist. Tattoos waren nicht nur Hoffmanns Leidenschaft, sie waren sein Leben. Einmal sagte er zu Lehmann: «Ich achte dich sehr, Frank. Obwohl du nicht tätowiert bist.»

Parallel zur Hoffmann-Schau zeigt die Kunst-Halle eine Gruppenausstellung vier international aktiver Künstlerinnen.

Herbert Hoffmann, «Es juckt schon wieder unter dem Fell», bis 25. März

Plumpe Geschlechtsteileschau: Ein Kommentar zur ergänzenden Ausstellung von vier Frauen

Die Schamlippen sind gepierct. Kein Schamhaar bedeckt die rosig glänzenden Vulven. Nein, wir haben uns nicht an eine Erotikmesse verirrt. Wir sehen uns die neue Gruppenausstellung in der Kunst-Halle St.Gallen an. Die Schweizer Malerin Louisa Gagliardi, Jahrgang 1989, zoomt nah heran: Ein drastischer Blick auf Schleimhäute, wie man ihn aus Pornos kennt. Ihr Bild, ein Inkjetdruck in Air-Brush-Ästhetik, wirkt wie Jahrmarktskunst. Da ist keine Raffinesse, keine Doppelbödigkeit. Man sieht einfach nur gespreizte Schenkel, die den Blick freigeben auf intime Details, wie beim Gynäkologen.

«Diese Direktheit ist gesucht», sagte Kurator Giovanni Carmine zur Eröffnung. Es gehe in dieser Ausstellung um «eine weibliche Perspektive mit Humor und Leichtigkeit». Er deutet auf die Wandmalerei der Russin Ebecho Muslimova, die ihr Alter Ego, eine nackte Comicfigur, an die Wand bannte. Es sieht aus, als masturbiere sie vergnügt, indem sie ihr Geschlecht an einen Balken reibt. «Eine gute Aussage», sagt Carmine. Die Künstlerin habe jeweils Hemmungen, ihre «teilweise unbequemen» Zeichnungen öffentlich zu zeigen. Aber wenn sie es dann wage, sei es für sie eine Befreiung. Das habe etwas Therapeutisches. «Dafür sind wir da, solche Sachen auszuprobieren. Und ich habe Lust, das Thema weiterzuentwickeln», erklärt der Kurator.

Kunst darf alles, auch Tabus brechen. Aber es genügt nicht, ein paar Penisse oder Vaginen ins Museum zu stellen. Daran ist in Zeiten, in denen wir von sexuellen Reizen überflutet werden, nichts mehr schockierend, geschweige denn originell. Es ist einfach nur plumpe Provokation. Kunst soll nicht nur die Realität abbilden, sie soll reflektieren, übertreiben, irritieren, emotional aufwühlen, eine neue Sinn-Ebene ins Spiel bringen.

Wir haben nichts dagegen, im Museum auch einmal einer Vulva zu begegnen. Der Brite Jamie McCartney zum Beispiel hat 400 Vulva-Abdrücke verschiedener Frauen gemacht und sie auf einer grossen Tafel gesammelt. Die «Great Wall of Vagina» zeigt eindrucksvoll, wie viele verschiedene Formen der Weiblichkeit existieren – und dass es so etwas wie eine Norm gar nicht gibt. Das ist immerhin ein interessanter Ansatz.

Die Kunst-Halle zeigt die Gruppenausstellung «No Fear of Fainting in a Gym» vier junger Künstlerinnen als Kontrapunkt zum Lebenswerk von Herbert Hoffmann. Gemeinsamer Nenner sei das Interesse am menschlichen Körper und an Fetischen. «Auch Hoffmann zeigt Nacktheit», sagt Kurator Carmine. Stimmt, der Tätowierer fotografierte manche seiner Stammkunden nackt. Aber Hoffmann porträtierte die Männer mit liebevollem Blick. Er zeigt sie als Persönlichkeiten. Und reduziert sie nicht auf ihre Geschlechtsteile.

Melissa Müller
melissa.mueller@tagblatt.ch

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