Szenen wie in einem Kriegsfilm

Unwetter am Eidgenössischen Turnfest in Biel führte zu einem Chaos. «Rette sich, wer kann!» war das Motto.

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Als die Menschen am Donnerstagabend aus dem Festzelt stürzen und sich hinter einem Erdwall auf den Boden werfen, sieht das aus wie in einem Kriegsfilm, in dem sie nie mitgespielt haben. Embryostellung, Hände über den Kopf und hoffen, dass man nicht zu denen gehört, die von herumfliegenden Zeltstangen getroffen, gar erschlagen werden. Oder sie helfen denjenigen, die es noch nicht hinter den schützenden Wall geschafft haben.

Es ist 18 Uhr, das Hauptverpflegungszelt füllt sich, erste Böen wirbeln auf der Sportanlage in Ipsach Sand in die Augen der Turnerinnen und Turner. «Papi, es luftet», sagt ein kleiner Bub, dreijährig, auf einer Festbank sitzend. Es ist der Moment, an dem eine Böe durch den Hintereingang ins Festzelt weht und es zum ersten- mal anhebt. Einige Männer versuchen, das Gerüst mit aller Kraft auf dem Boden zu halten. – Vergeblich.

Ein Bruchteil einer Sekunde, und die Menschenmasse setzt sich in Bewegung. Der Vater des kleinen Jungen erreicht den Zeltausgang, fällt um und wird von einer Turnergruppe überrannt.

150 Meter vom Zelt entfernt, vorbei an den blauen WC-Häuschen, die der Wind umgeworfen und weggerollt hat; dort öffnet ein Helfer alle Türen, findet aber niemanden darin.

Mittlerweile ist der Vater auch dort angelangt, den Sohn unter den Arm geklemmt, an der Stirn blutend. Der Weg, den die Flüchtenden einschlagen, verengt sich, als sie das Sportgelände hinter sich lassen. Hie und da liegt eine Tasche oder gar ein Koffer auf dem Boden, die von ihren Besitzern liegen gelassen worden sind. Sie haben die Prioritäten zu dieser Zeit, etwa 18.15 Uhr, neu gesetzt – vor allem, als es anfängt zu hageln.

Unterschlupf finden die Flüchtenden aus dem Zelt in der Eingangshalle eines Wohnblocks. Eine Frau, sie sitzt in einer Ecke des Veloraumes, hat einen Schneidezahn verloren, eine andere liegt neben dem Eingang still auf dem Boden, Sanitäter legen ihr eine Halskrause an.

Auch der Vater erreicht die Notunterkunft, setzt sich mit dem Sohn auf die Treppe und erhält eine Wärmedecke.

Wieder knallt es. Ist ein Ast gegen das Fenster geprallt?

Es sind zwei junge Frauen, unverletzt, die den Korken einer Prosecco-Flasche knallen lassen. «Ich bruche jetzt än Schluck», sagt die eine, «wer will au?»

Seraina Hess, Biel

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