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SUSAN NEIMAN: «Lügen wird zur Normalität»

Eine Amerikanerin beschwört die Tugenden Europas und die Werte der Aufklärung. Sonst könnten die Menschen in ein Stammesdenken zurückfallen, das ihrer unwürdig ist.
Rolf App

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@tagblatt.ch

In einer der letzten Ausgaben des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» wird Melanie Schmitz por­trätiert. Sie ist 24 Jahre alt, Studentin der Kommunikationswissenschaften – und steht unter dem Verdacht, rechtsextrem zu sein. Auf Facebook zeigt ein Foto sie mit verschränkten Armen.

Darunter steht: «Melanie, 24, kämpft für unser Recht auf Identität.» Von dieser Identität hat sie eine recht genaue Vorstellung. Identität ist alles, was die Ausländer nicht sind. Auf die Identitären aufmerksam geworden ist die junge Frau vor rund vier Jahren, als sie im Internet ein Video der französischen «Génération identitaire» fand. «Wir haben aufgehört, an ein globales Dorf zu glauben und daran, dass die Menschheit eine Familie ist», wurde da verkündet.

Susan Neiman ist der Gegenentwurf

Gegen Leute wie Melanie Schmitz tritt Susan Neiman an –und gegen Donald Trump. Sie ist der Gegenentwurf. 62 Jahre alt, Jüdin, aufgewachsen in Amerika, heute Direktorin am Einstein-Forum in Berlin. Susan Neiman ist Philosophin, und eine sehr streitbare obendrein. Auch was das eigene Fach angeht. Ihren Lehrer John Rawls hat sie gefragt, warum er denn immer nur auf ab­strakte Prinzipien zu sprechen komme und nie auf die Katastrophen des 20. Jahrhunderts. «Oh», sagte Rawls, «ich verstehe sie nicht gut genug.» Susan Neiman ist anders. Die Präsidentschaftswahlen von 2004 haben sie ein erstes Mal aufgerüttelt. Und zwar vor allem die Erklärung für den Sieg von George W. Bush: Die Menschen hätten ihn gewählt, «weil ihnen moralische Werte am Herzen lagen. Entweder waren sie auf einen ungeheuren Schwindel hereingefallen, oder die Opposition hatte dramatisch versagt.» So erzählt sie es in der Einleitung zum Buch, das aus dieser Auseinandersetzung heraus entstand: «Moralische Klarheit. Leitfaden für erwachsene Idealisten». Jetzt, nach dem Wahlsieg von Donald Trump, hat sie erneut zur Feder gegriffen und «Widerstand der Vernunft» geschrieben, ein «Manifest in postfaktischen Zeiten».

Sie eröffnet ihre Streitschrift mit der Geschichte Edgar Maddison Welchs. Der packt am 4. Dezember 2016 zwei Gewehre in sein Auto und fährt 500 Kilometer weit zu einem Restaurant in Washington. Er hat gehört, Hillary Clinton und ihr Wahlkampfleiter John Podesta würden dort im Keller einer Pizzeria Kinder gefangenhalten. In den von Wikileaks veröffentlichten Mails sei mehrfach von «Cheese Pizza» die Rede, was nichts anderes als ein Codewort sei für «Child Pornography». Am Ziel angekommen, schiesst Welch auf die Kellertür der Pizzeria und findet – nichts. «Ich wollte nur Gutes tun», sagt er der Polizei, «aber irgendwie ist es schiefgelaufen.»

Der Mann hat recht. Irgendwie läuft etwas schief, wenn derart abstruse Behauptungen massenhaft Anhänger finden. Und wenn an ihrer Spitze ein Mann steht, der heute Präsident der Vereinigten Staaten ist. Jetzt gerade fetzt er sich mit dem früheren FBI-Chef um den Inhalt eines Gesprächs. Früher aber hat er die «Birther-Bewegung» angeführt, die behauptet hat, Barack Obama sei gar nicht in den USA geboren und deshalb auch nicht berechtigt, US-Präsident zu sein.

Wenn die eigenen Interessen allein wichtig sind

Was bedeutet es, wenn spätestens seit dem Irakkrieg und der Behauptung, Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungsmittel, «Lügen immer mehr zur Normalität wird», wie Susan Neiman feststellt? In diesen «Fake News» wird die Tendenz sichtbar, dass die Menschen in ein Stammesdenken zurückfallen. Dort stellen sie dann, wie die Identitären es tun, die eigenen Interessen über alles. Und Trump tut es auch: «America First» lautet sein Wahlspruch.

So erodiert die Wahrheit und mit ihr jene Werte, die wir als allgemein gültig ansehen. Sie wird verdrängt von der Idee, dass es nur auf eines ankommt: auf Macht. So hat schon der linke Philosoph Michel Foucault die Geschichte gesehen. Macht ist für ihn «eine Art von verallgemeinertem Krieg, der in bestimmten Augenblicken die Form des Friedens und des Staates annimmt». 1989 hat diese Auffassung dann die Seiten gewechselt. Der Zusammenbruch des Sowjetkommunismus hat die Ideale des Sozialismus diskreditiert, ein siegreicher Neoliberalismus verbreitet seither die Idee, dass alle echten Werte Marktwerte seien. Und die Linke «wirft den moralischen Kompass über Bord, der den grossartigsten Anstrengungen der 1960er Jahre die Richtung gewiesen hatte – der Bürgerrechtsbewegung, der Opposition gegen den Vietnamkrieg und den Forderungen nach der Gleichstellung der Frau.»

Die Rechte aber macht sich daran, Think Tanks zu gründen und das intellektuelle Terrain zu erobern. Sie beginnt, die Öffentlichkeit mehr und mehr in Beschlag zu nehmen, manchmal sogar zum Wohlgefallen der Medien. «Mag sein, dass er für Amerika schlecht ist», sagt der Chef des CBS-Fernseh-Networks über Donald Trump. «Aber für CBS ist er gut.» Und ein Website-Betreiber erklärt: «Wütende Menschen klicken viel.»

Melanie Schmitz ist nicht wütend, aber sie zieht die Wütenden an. «Identitätspolitik ist ein gefährliches Spiel», setzt Susan Neiman ihr entgegen. «Wenn die Ansprüche der Minderheiten nicht als Menschenrechte, sondern als die Rechte bestimmter Gruppen anerkannt werden, was hindert die Mehrheiten dann, auf ihre eigenen (Stammes-)Rechte zu pochen?»

Von Ängsten beherrscht oder soziale Ideale leben

Gegen diese Erosion der Grundlagen unserer Gesellschaft setzt sie die Werte der Aufklärung und das Vertrauen in die Vernunft. Politik werde entweder von Ängsten oder von Werten getrieben. Wohin die Politik der Ängste führe, das sehe man gerade. «Sie hat viele Menschen auch deshalb angezogen, weil westliche Gesellschaften unfähig sind, die eigenen Werte zu definieren und zu verteidigen.»

Europa könne ein Beispiel geben. Indem es seine eigenen Ideale einer gelebten sozialen Sozialität wiederentdecke. Wird also Trump Europa dazu bringen, seine eigenen Tugenden schätzen zu lernen?

Susan Neiman: Moralische Klarheit (Hamburger Edition. 2010), und: Widerstand der Vernunft (Ecowin, 2017)

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