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Superstars in Hitlers Dienst

Die Eigernordwand gilt lange als unbezwingbar. Nach vielen Misserfolgen aber glückt 1938 die grosse Tat – und wird von den Nazis unverzüglich für ihre Propaganda genutzt. Denn zwei der Eiger-Bezwinger kommen aus Bayern, zwei aus dem gerade annektierten Österreich. Wolfgang Wissler

Der Traum, mit einem einzigen grossen Auftritt berühmt zu werden: Im Sommer 1938 ist dafür die ganz grosse Bühne bereitet, und alle wissen, dass etwas geschehen wird. Das Drama liegt in der Bergluft. Entweder wird die 1600 Meter hohe, finstere, jedoch vom komfortablen Grund unvergleichlich gut einsehbare Nordwand des Eigers endlich bezwungen – weltweiter Ruhm wäre der Lohn. Oder es wird wieder, wie in den Sommern zuvor, Tote geben in der Nordwand, Abgestürzte, Zerschmetterte oder qualvoll am Seil über grauenerregenden Abgründen Erfrorene wie 1936.

Anderl Heckmair hat genug

Lustvoll richtet sich das Publikum auf der Kleinen Scheidegg bei Kaffee und Kuchen ein und stellt schon mal die Fernrohre scharf. Triumph oder Tragödie – beides hat seinen Reiz. Derweil schleichen die potenziellen Heldendarsteller, die Bergsteiger, durch Grindelwald und Lauterbrunnen und über die Wiesen von Alpiglen am Fusse der Monsterwand. Sie belauern sich. Wer klettert mit wem? Wer wagt als Erster den Einstieg? Vor allem: Wie wird morgen das Wetter sein?

«Ein flaches Hoch über der Ostsee, ein flaches Tief über den Britischen Inseln. Alles ist flach, nur die Wand ist steil.» Anderl Heckmair, Bayer und Bergvagabund, hat von der Warterei endgültig genug. Schon im Sommer zuvor hat er lange vor der Nordwand gelauert. Ein freundlicher Bademeister liess ihn in einem Umkleidehäuschen am Thunersee nächtigen. Trotzdem war der Bergsteiger nach Wochen des Wartens pleite und unterernährt und am Ende zu schwach, um es mit dem Eiger aufnehmen zu können.

Die Österreicher sind im Weg

Am 21. Juli 1938 nun – neues Jahr, neue Chance – steigt Heckmair mit seinem Seilpartner Ludwig «Wiggerl» Vörg, ebenfalls Bayer, ein – und bald wieder aus, als er feststellt, dass auch zwei österreichische Seilschaften unterwegs sind. In der extrem lawinen- und steinschlaggefährdeten Wand ist Heckmair das Risiko bei diesem Betrieb zu gross. Von Alpiglen aus beobachten die beiden dann beim Bier, wie ein Team wieder absteigt. Sie ärgern sich. Wären sie doch drangeblieben, sie hätten die Hälfte schon geschafft. Um 2.45 Uhr in der Früh machen sie sich wieder auf den Weg.

Noch vor Mittag haben sie die beiden Österreicher Fritz Kasparek und Heinrich Harrer eingeholt. Es scheint wie ein böser Scherz des Schicksals, dass ausgerechnet im Sommer 1938, wenige Monate nach dem «Anschluss» Österreichs an Hitler-Deutschland, zwei Deutsche und zwei Österreicher gemeinsam schafften, worauf die Welt seit Jahren wartete: die Durchsteigung der Eigernordwand.

Steilvorlage für die Nazis

Dankbar nimmt die nationalsozialistische Propaganda diese Steilvorlage an. Die Nordwand habe «dem Ansturm deutscher Willenskraft nicht mehr widerstehen» können, analysiert der österreichische Reichsstatthalter Arthur Seyss-Inquart im «Völkischen Beobachter». Dies ist nur ein Beispiel für den hanebüchenen Unfug, den die Propaganda-Maschinerie produziert.

In pathetischen Formulierungen wird immer wieder beschrieben, wie völkisch vorbildlich die Begegnung der vier in der Vertikalen doch verlaufen sei: «Wir aus dem Altreich vereinigen uns mit den Kameraden der Ostmark und gehen gemeinsam zum Sieg.» Humbug. Tatsächlich hat es erst einmal gekracht. Heckmair sagt den Österreichern, dass sie falsch ausgerüstet seien und viel zu langsam, dass sie keine Chance hätten und umkehren sollten. Fritz Kasparek reagiert zornig. Der gutmütige Wiggerl Vörg vermittelt.

Sie steigen gemeinsam weiter. Vorneweg, die Route suchend und stets haarscharf an der Sturzgrenze akrobatische Kunststücke vollführend, Anderl Heckmair. Dahinter Vörg, Kasparek, zuletzt Harrer. Er muss alle eingeschlagenen Haken wieder einsammeln, weil keiner weiss, wie viele sie noch brauchen werden.

Gewaltige Lawinen

Zweimal stemmen sie sich gegen gewaltige Lawinen. Wenn nur einer der Männer nachgäbe, würden alle aus der Wand gefegt. Heckmair packt mit der einen Hand den in allerletzter Sekunde eingerammten Pickel, mit der anderen Kragen und Leben seines Partners Vörg. Unter ihnen im Lawinenstrom hat Heinrich Harrer mit dem Leben abgeschlossen und wundert sich, wie mental unspektakulär das Sterben ist. Einzig einen leichten Ärger spürt er, «dass die Nörgler und Besserwisser nun doch recht haben».

Am Nachmittag des 24. Juli 1938, heute vor 75 Jahren also, stürmt Anderl Heckmair den Gipfel – und ums Haar darüber hinaus. Wiggerl Vörg kann in letzter Sekunde verhindern, dass die Seilschaft die andere Seite des Eigers hinabstürzt. Als die vier nach dem Abstieg über die Westflanke in der Nacht die Kleine Scheidegg erreichen, sind sie Superstars. Superstars in den Diensten Adolf Hitlers.

Heinrich Harrer und die SS

«Wir wurden gar nicht gefragt und waren schon verfrachtet», erinnert sich Heckmair in seiner Biographie. «Wir wurden eingereiht, eingekleidet und gleichgeschaltet.» Dass insbesondere er, der Bergvagabund ohne festen Wohnsitz, ständig unterwegs von Wand zu Wand und weder Volk noch Vaterland verpflichtet, so gar nicht ins Nazi-Weltbild passt, interessiert nun niemanden mehr.

Auch Hitler nicht. Gerne lässt der sich mit den vier Berghelden fotografieren. Dann schickt er sie erst auf eine Kreuzfahrt nach Norwegen, anschliessend auf Propaganda-Touren. Heckmair, bekennend unpolitisch sein Leben lang, kommentiert seine Rolle mit Bitternis: «Das hätte auch einem Tanzbären passieren können.»

Dennoch, dass ihn die Welt für einen Trommler Hitlers hielt, hat ihn stets belastet. Bei den beiden Österreichern ist die Gesinnung eine andere. Schon kurz vor dem Nordwand-Abenteuer ist Heinrich Harrer in die SS aufgenommen worden. Bekannt wird seine Zugehörigkeit zum Schwarzen Orden allerdings erst 1997 vor der Premiere des Hollywood-Films «Sieben Jahre in Tibet», in dem Brad Pitt Harrer verkörpert. Dem Forschungsreisenden und Freund des Dalai Lama ist diese Enthüllung mehr als peinlich, er beruft sich auf Jugendsünden und gesteht sich umfassendste Läuterung zu. Fritz Kasparek wird nach seinem Eiger-Triumph von Heinrich Himmler persönlich zum Eintritt in die SS eingeladen.

An der Ostfront

Was geschieht weiter mit den vier Männern aus der Nordwand? Heckmair und Vörg werden nach ihrem Propaganda-Einsatz Stammführer an der NS-Ordensburg Sonthofen und zu Beginn des Krieges für unabkömmlich erklärt. Das ändert sich, als sie mehrfach ideologische Schulungen schwänzen und sich stattdessen beim Kartenspiel erwischen lassen. Die Resultate der folgenden politischen Durchleuchtung gefallen ihren Vorgesetzten offenbar gar nicht, die beiden Eiger-Helden erhalten den Marschbefehl an die Ostfront. Ludwig Vörg fällt am 22. Juni 1941, dem ersten Tag des Russlandfeldzugs, in seinem ersten Gefecht. Heckmair überlebt den Fronteinsatz und ist heilfroh, als er von der Heereshochgebirgsschule als Ausbilder angefordert wird. Der Mann, der die Kunst des Bergsteigens in einem einzigen Satz zusammengefasst hat – «Runterfallen darf man halt nicht!» –, stirbt 2005 mit 98 Jahren in Oberstdorf.

Der «Trank des Gefährlichen»

Fritz Kasparek ist das, was man heute als Adrenalin-Junkie bezeichnet. Berge sind ihm Feinde («Fürchterlich wehrte sich die Wand.......»), es geht ihm um Kampf und Sieg, er giert nach dem «betäubenden Trank des Gefährlichen». In den Bergen findet er schliesslich den Tod – in einem Moment allerdings, in dem er gewiss nicht damit rechnet.

Bei der Besteigung des Salcantay in den peruanischen Anden ruhen sich Kasparek und seine Gefährten am 6. Juni 1954 in vermeintlich sicherem Gelände aus, sie schwatzen, lachen, fotografieren. Da, ohne Vorwarnung, bricht die Wechte ab. Kasparek und der mit ihm durch das Seil verbundene Anton Matzenauer stürzen in die Tiefe. Die Leichen werden nie gefunden.

Harrers sieben Jahre in Tibet

Der berühmteste der vier ist Heinrich Harrer. Er setzt sehr gezielt seinen Eiger-Ruhm ein, um hinauszukommen in die Welt. Als im September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbricht, erkundet er den Nanga Parbat. Die Expeditionsteilnehmer werden in einem britischen Lager in Nordindien interniert. Harrer und Peter Aufschnaiter brechen aus und überqueren unter unsäglichen Strapazen den Himalaya. Das Buch, das Harrer 1952 über seine Erlebnisse schreibt, wird ein Welt-Bestseller: «Sieben Jahre in Tibet». Fortan nutzt der Abenteurer seine Unabhängigkeit für viele spektakuläre Forschungsreisen – ein Leben wie aus einem Bubentraum. Heinrich Harrer stirbt 2006 im Alter von 93 Jahren in Österreich.

Gemeinsam geklettert sind die vier Gefährten aus der Nordwand übrigens niemals wieder.

Wolfgang Wissler ist Redaktor des Konstanzer «Südkuriers».

Müde und gefeiert: Heinrich Harrer, Andreas Heckmair (mit Eispickel), Ludwig «Wiggerl» Vörg und Fritz Kasparek (v. l.) nach der Eiger-Besteigung. (Bild: ky/Photopress)

Müde und gefeiert: Heinrich Harrer, Andreas Heckmair (mit Eispickel), Ludwig «Wiggerl» Vörg und Fritz Kasparek (v. l.) nach der Eiger-Besteigung. (Bild: ky/Photopress)

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