Sünden einer Vegetarierin

Zwei Jahre lang ass unsere Autorin weder Fleisch noch Fisch. Dann gab sie sich dem Räucherlachs hin. Es sollte nicht der einzige Sündenfall bleiben. Vom Dilemma zwischen Genuss und Gewissensbissen.

Vera Sohmer
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Hoffentlich schaut niemand hin: Eine Vegetarierin wird vom Fleischhunger gepackt. (Bild: getty)

Hoffentlich schaut niemand hin: Eine Vegetarierin wird vom Fleischhunger gepackt. (Bild: getty)

Verboten verführerisch lag er da. So zart das Rosa, hauchdünn die Filetscheiben. Der Lachs flüsterte: «Iss mich, nie war ich so lecker wie heute.» Ich tat es. Und es schmeckte derart gut, dass ich Knurrlaute von mir gab. Ähnlich denjenigen bei der Raubtierfütterung im Zoo. Noch zweimal holte ich Lachs vom Buffet. Adieu Konsequenz und Verzicht, willkommen zurück im Land der unbeschränkten Gaumenfreuden!

Lachs als Einstiegsdroge

In jenen Ferien im Herbst blieb es nicht beim Lachs. Er war die Einstiegsdroge und löste einen Dammbruch aus. Oder soll ich sagen: eine hemmungslose Fleisches- und Fischlust? Jedenfalls folgte in der ersten heissen Phase ein Verzehr von Tierischem, der auf keine Kuhhaut geht: Pouletbrüstchen, Lachsforelle, Tafelspitz. Matjesfilet in Rahmsauce, und das schon morgens. Und eine Currywurst – wenn man schon mal in Berlin ist. Wieder daheim, standen auf meinem Speiseplan: Kalbsschulter, Lammfilet, Hackbraten. Zum Jahresausklang liess ich mir dann noch ein Rindsgulasch auftischen. Mit dem Vorsatz, es künftig wieder bleiben zu lassen? Von wegen. Eher mit dem Gefühl, gut gegessen zu haben.

Fasriger Pseudobraten

Gute zwei Jahre lang hatte ich meinen Vegetarismus eisern durchgehalten. War ich zum Essen eingeladen, klärte ich die Gastgeber vorher über meinen Sonderstatus auf. Im Restaurant fragte ich nach, ob der Risotto mit Gemüsebrühe gemacht sei. Beim Bäcker erkundigte ich mich nach dem Canapéüberzug: pflanzlichen Ursprungs oder Gelatine? Ich testete mich durchs Tofu-Sortiment, was mir mein Verdauungstrakt bis zuletzt übelnahm. Zudem empfand ich es immer als ultraharte Prüfung: Ist diese widerwertige Materie mit dem blechernen Nachgeschmack die Strafe für all die Tiere, die ich bis anhin verzehrt habe?

In einem Anflug törichter Euphorie produzierte ich einmal sogar den Fleischersatz Seitan: Mit ökologisch fragwürdigem Wasserverbrauch wusch ich aus Mehl die Stärke heraus, bis nur ein klebriger Klumpen zurückblieb. Diesen liess ich im Gemüsesud ziehen. Danach schnitt ich den fasrigen Pseudobraten in Scheiben – noch immer in der Hoffnung, damit etwas Schmackhaftes zubereiten zu können. Nun: Es reifte dann die Erkenntnis, dass es paradox und genusstechnisch unbefriedigend ist, etwas nachbauen zu wollen, worauf man verzichten möchte.

Zu Tode gekochter Broccoli

Im Folgejahr ging ich ganz auf im Vegetarismus und empfand den Verzicht auf Fleisch und Fisch keineswegs als Mangel an Genuss. Oder als etwas freudlos Karges (abgesehen von den Gemüsetellern mit zu Tode gekochtem Broccoli, zu denen es auf der Speisekarte keine Vegi-Alternative gibt). Im Gegenteil: Hatte ich mich jemals zuvor mehr über einen Teller Spaghetti mit frischer Tomaten-Basilikum-Sauce gefreut? Was für eine einfache, ehrliche Speise. Und welch gutes Gericht fürs reine Gewissen. Wer weder Haxe noch Hühnerbein auf dem Teller hat, macht sich weniger schuldig – ethisch, moralisch, ökologisch. Man steht in der einen oder anderen Ernährungsfrage über den Dingen – na ja, ein wenig zumindest. Zudem erfuhr ich grosse Toleranz: Nicht einmal die ärgsten Fleischtiger in der Runde hatten ein Problem mit meinem Vegetarismus. Dass mir einige sogar Respekt zollten für meinen Plan, lief mir runter wie warmes Sesamöl.

Es hätte das Vegi-Paradies werden können. Doch dann meldete sich mein Braten-Gedächtnis. Selten noch zu Beginn, aber dann immer unerbittlicher. Bei grossem Hunger kamen mir Fleischgerichte in den Sinn, vor allem diejenigen, die meine Mama früher kochte: das gute Schmorstück am Sonntag. Ihre legendären, mit Hackfleisch gefüllten Peperoni. Oder der unerreichte Hackbraten mit Kartoffelstock.

In seinem Buch «Tiere essen» beschreibt Jonathan Safran Foer dieses Phänomen: Gewisse (Fleisch-)Speisen sind in unser Gedächtnis eingebrannt, sie sind Kulturgut. Wir kennen sie von Kindesbeinen an, assen sie stets mit gesundem Appetit. Und danach fühlten wir uns rundum zufrieden. Glücklich gar? Logisch, dass wir diese Prägung nicht ablegen können. Foers Antwort: Auch wenn man schon beim Gedanken an ein Steak zu lechzen beginnt wie der Pawlowsche Hund: Zähne zusammenbeissen und vegetarisch bleiben.

Vom Vegetarier zum Flexitarier

Meine Antwort: Es ist doch gescheiter, auf den Körper zu hören und ihm zu geben, wonach er offenkundig verlangt. Einem eingefleischten Vegetarier wie Foer mag das inkonsequent vorkommen – was es auch ist. Stille ich meinen Fleischhunger, während der Tischnachbar brav vor dem panierten Sellerieschnitzel hockt, fühle ich mich schlecht. Denn irgendwie ist es auch ein Eingeständnis, mit seinem Ernährungsprojekt gescheitert zu sein.

Dennoch scheint mir die Flexitarier-Variante momentan die praktikabelste zu sein: Ich kann und will nicht mehr ganz auf Fleisch verzichten. Aber ich esse es selten und achte darauf, dass es von guter Qualität ist. Vielleicht verzehre ich es fortan nur noch zu besonderen Anlässen. Aber klugerweise nicht mehr erst dann, wenn das Braten-Gedächtnis raunt: «Jetzt gönn dir halt ein Stück. Sonst sehnst du dich nachts wieder hungrig nach Mamas Fleischtöpfen.»