Süffig – auch ohne Prozente

Viele Bars haben alkoholfreie Drinks lange vernachlässigt. Ein Buch und Trends aus den USA lassen nun aber hoffen, dass Abstinente bald mehr Trinkgenuss erwarten dürfen.

Diana Hagmann-Bula
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Sieht aus wie ein Cocktail, ist aber ein Mocktail: Granatapfel-Apéritif mit Zimt und Rosenwasser. (Bild: PD)

Sieht aus wie ein Cocktail, ist aber ein Mocktail: Granatapfel-Apéritif mit Zimt und Rosenwasser. (Bild: PD)

Immer diese Virgin Colada. Wer keinen Alkohol trinkt, Softdrinks unterdessen satt hat und auch alkoholfreies Bier nicht mehr sehen kann, endet in der Bar früher oder später vor dem Gemisch aus Kokosnuss- und Ananassaft, aber eben ohne Rum. Lokale, die zwar an Abstinente gedacht haben, sich aber nicht für sie ins Zeug legen wollen, führen sie als Klassiker auf der Karte. Doch seien wir ehrlich: Das Glas, das nun bunt dekoriert sowie mit Röhrchen vor einem steht, passt besser an einen Kindergeburtstag als in eine Bar, wo jemand doch nur nach einer etwas anderen alkoholfreien Alternative zu Pinot Noir, Negroni und Co. sucht.

Alkoholfreies im Weinglas

In Italien reicht die Bedienung in solchen Momenten das Crodino, einen bitteren Apéritif ohne Alkohol, immerhin auf Eiswürfeln und mit Zitrone im Whiskyglas. Und in Frankreich werden zum Tomatensaft Selleriesalz sowie Käsewürfel gereicht; da fühlen sich Nichttrinker in der Weinrunde gleich viel besser.

Doch die Tage des unmotivierten Nippens an einer Virgin Colada dürften auch hierzulande gezählt sein. Vorzeichen 1: Der Alkoholkonsum pro Kopf sinkt in vielen westlichen Industrieländern und auch in der Schweiz seit Jahren. Barkeeper haben folglich immer häufiger die Möglichkeit, ihre Kreativität zu trainieren, wenn es um alkoholfreie Drinks geht. Vorzeichen 2: Nicht mehr nur in den USA, auch in Berlin feiern Nachtschwärmer sogenannte Detoxnights. Tanzen, ja. Alkohol, nein. Der Barkeeper mixt Reismilchsäfte mit Broccoli und Bananen. Vorzeichen 3: Noch ein Trend aus New York hat Europa erreicht. Im Winterthurer Restaurant Fritz Lambada etwa gehört zum Essen nicht mehr selbstverständlich eine Flasche Wein dazu. Zu den Gerichten werden Cocktails serviert, auf Wunsch auch alkoholfreie.

Für Elisabeth Fischer sind die «alkoholfreien Abende vor dem Saft- und Wasserglas» ebenfalls vorbei. Die deutsche Kochbuchautorin hat mit Sensorikexpertin Eva Derndorfer ein Buch herausgegeben, in dem es ausschliesslich um Drinks ohne Prozenthaltiges geht. «Die Menschen beschäftigen sich immer häufiger mit dem Essen, mit Aromen und der Vielfalt. Nun weitet sich diese Sorgfalt auf alkoholfreie Getränke aus», sagt sie. Fischer beschreibt ihre Kompositionen mit Wörtern wie erdig, fruchtig, würzig-ätherisch oder holzig. Eine Sprache, die man von Weinliebhabern kennt, wenn sie von ihren edlen Tropfen schwärmen. Auch bei den Gläsern bedient sie sich in der Welt des Alkohols: Sie füllt den Granatapfel-Apéritif mit Zimt und Rosenwasser ins Martiniglas und den Trauben-Rosmarin-Apéritif ins Weinglas. «Das Auge trinkt mit.»

Die Drinks im Buch von Fischer und Derndorfer sehen erwachsen und modern aus. Bei manchen Bildern muss man zweimal hinschauen: Ist das nun ein alkoholfreier Drink oder doch Rotwein? Plötzlich ergibt der Begriff Mocktails, wie Cocktails ohne Prozenthaltiges auf Englisch heissen, Sinn: «to mock» bedeutet so viel wie vortäuschen.

Auch der Name soll Spass machen

«Bei einem sorgfältig abgestimmten alkoholfreien Drink vermisst man den Alkohol kaum», sagt der St. Galler Philipp Grob von Cocktails & Bitters. Der Bartender arbeitet nicht fix in einem Lokal, sondern mixt Drinks auf Auftrag – demnächst für Adidas in Mailand. Zwar fehle bei Mocktails der Alkohol, der Geschmacksträger also. Mit Kräutern wie Koriander, Gewürzen wie Chili, selber zubereiteten Fruchtsäften und Sirups lasse sich dieser aber ersetzen. «Die Kunden sind immer begeistert und halten ihr Glas noch einmal hin.» Dass kreative alkoholfreie Drinks in vielen Bars in den vergangenen Jahren ein Mauerblümchendasein fristeten, erklärt er sich so: «Die Nachfrage steht und fällt mit dem Bartender. Hat er Freude an Mocktails, haben die Gäste das bald auch.»

In der St. Galler Lunaris Bar glaubt man seit der Eröffnung vor drei Jahren an den Erfolg von Mocktails; gegen zwanzig Varianten stehen auf der Karte. «Wer einen Softdrink bestellt, den weisen wir daraufhin, dass wir auch viele alkoholfreie Drinks anbieten», sagt Besitzer Mauro Girardi. Nicht weil die im Verhältnis teuren Mocktails gut für den Umsatz sind, wie er sagt. «Sondern weil uns der Job mehr Spass macht, wenn wir einen Drink mixen können, statt nur einen Softdrink auszuschenken.» Zwar kann man im «Lunaris» Virgin Colada trinken, aber eben auch Kompositionen wie Bitterman's Friend (Sanbitter, Ginger Beer, Bitters) oder Passionata (Limetten, Passionsfruchtmark, Tonic). «Wir suchen bewusst Namen, die nicht zu offensichtlich nach Drinks ohne Alkohol tönen.»