STUBENTIGER: Der Killer in meiner Stube

1,6 Millionen Katzen leben in der Schweiz. Sie dürfen alles und müssen nichts. Drinnen geben sie die verschmusten Büsi, draussen verwandeln sie sich in blutrünstige Jäger. Für Naturschützer ist das ein Problem.

Katja Fischer De Santi
Drucken
Teilen
Der Preis der Freiheit: Das Büsi hat einen Vogel getötet. (Bild: Getty)

Der Preis der Freiheit: Das Büsi hat einen Vogel getötet. (Bild: Getty)

Katja Fischer De Santi

katja.fischer@tagblatt.ch

Da sitzt er auf dem Boden, die Pfoten unvergleichlich ordentlich nebeneinander, den Schwanz fast schon kunstvoll um sich selbst geschlungen, und betrachtet sichtlich stolz abwechselnd mich und seinen Fang. Einen kleinen Vogel, kaum mehr als Rotkehlchen erkennbar, ein Bein abgebissen, das Genick mehrfach gebrochen. Da sitzt also mein wunderschöner Kater Henry, elegant in allem, was er tut, dekorativ auf jedem Sessel, entspannt in jeder Lebenslage – und dort liegt sein Opfer, im Spiel lustvoll totgebissen. Und daneben stehe ich, Henrys Besitzerin (was er ganz bestimmt anders sieht), die nun laut drauflosschimpft. Böses Büsi, tu den Vogel weg, hör doch auf mit dieser sinnlosen Töterei.

So geht das im Sommer fast jeden Tag. Kater schläft, Kater schnurrt, Kater frisst und Kater killt. Jede Menge Mäuse, aber eben auch kleine und sehr grosse Vögel (Elstern!), Eidechsen, Frösche. Unser Schmusekater, den keine noch so wilde Kinderparty aus der Ruhe bringt, der am liebsten in Legohäusern döst und den Autospielteppich auch dann nicht freigibt, wenn sämtliche Spielzeugautos ihn umrunden, verwandelt sich draussen in eine wohlgenährte Tötungsmaschine. Der Katzenkörper sei auf «wunderbare Weise für den einzigen Lebenszweck konstruiert, Tieren aufzulauern, sich anzuschleichen, die Beute anzuspringen und sie zu töten», schrieben Frances und Richard Lockridge in ihrem bis heute unerreichten Katzenbuch von 1950.

Dieser jagende Katzenkörper wird nun aber zunehmend zum Problem. Nicht nur für Katzenhalter und ihre Teppiche, sondern vor allem für Vogel- und Reptilienliebhaber.

Der Katzenkrieg ist in den USA in vollem Gang

Der amerikanische Ornithologe Peter P. Marra macht in seinem Buch «Cat Wars» («Katzenkriege») mächtig Stimmung gegen die Schmusekatzen. Marra behauptet, dass bereits mehr als zwei Dutzend Vogelarten durch den unstillbaren Jagdtrieb der Hauskatze ausgestorben seien. Dutzenden Vogel-, Säugetier- und Reptilienspezies drohe dasselbe Schicksal. Zu Untermauerung seiner Thesen zitiert Marra eine Studie, welche Katzen mit kleinen Kameras ausstattete, um ihr Treiben protokollieren zu können. Ernüchterndes Resultat: Jede Hauskatze mit Freigang tötet bis zu 33 Vögel im Jahr, hinzu kommen 5 Amphibien, 12 Reptilien und 300 Kleinsäuger. Gesamtbilanz verschiedener Modellrechnungen allein für die USA: 1,2 bis 4 Milliarden Vogelopfer jährlich plus 100 bis 300 Millionen Amphibien, 250 bis 800 Millionen Reptilien. In den USA wird der Katzen-Kampf mit harten Bandagen ausgetragen. Auf Youtube findet man immer mehr Filmchen, welche die Büsis in blutrünstigen Situationen zeigen. Naturschützer bezeichnen Katzen als «Mörder» und deren unkontrollierte Vermehrung als «biologisches Littering».

In der Schweiz ist der Ton sanfter. Herr und Frau Schweizer sind ja auch geradezu katzennärrisch. 1,6 Millionen Katzen leben schätzungsweise in der Schweiz. In der Agglomeration Zürich kommen auf einen Quadratkilometer rund 430 Katzen.

Johannes Jenny von Pro Natura Aargau wagte es hierzulande als einer der ersten, in aller Öffentlichkeit gegen Katzen zu wettern. Er forderte eine Katzensteuer, um den Bestand besser regulieren zu können. Vor allem Besitzer von Katzen mit Frei­- gang sollen kräftig zur Kasse gebeten werden. Jenny erhielt viel Aufmerksamkeit, politisch hatte sein Anliegen jedoch keine Chance. Niemand will sich die Finger verbrennen. Wenn es um Katzen geht, kochen die Emotionen schnell hoch. So findet denn auch Lukas Tobler, Präsident von Pro Natura St. Gallen-Appenzell, dass man das Thema nicht aufbauschen soll. Auch wenn es schon so sei, dass zu viele Katzen in einem Quartier den Reptilienbestand ernsthaft gefährden könnten. «Wenn es nur noch ­wenige Exemplare gibt, kann es sein, dass Katzen auch die allerletzten Tiere töten.» Ein Dorn im Auge seien Lukas Tobler aber vor allem Katzen, welche in Naturschutzgebieten jagten. «Die gute Gesundheit gibt ihnen einen klaren Vorteil bei der Jagd.»

Sogar für Reinhold Zepf, Präsident des Thurgauer Tierschutzverbands und stets zur Stelle, wenn es ein Tier zu retten gibt, sind Katzen manchmal ein Problem. Fast täglich erhält er Anrufe von Gartenbesitzern, die wegen Nachbarskatzen um ihre Schmetterlinge und Rotkelchen fürchten. Machen kann Zepf da nicht viel. Die Aufgabe des Tierschutzes sei es, Tiere in Not zu retten, Haustiere. Bei Wildtieren gilt das Gesetz des Stärkeren. Dass die Katze in zwei Kategorien mitspielt, macht es für Zepf und seine Leute etwas kompliziert. Je mehr Büsis sie retten – und es sind jährlich Tausende –, desto mehr Büsis streifen jagend und räubernd durchs Gebüsch.

Der Mensch betoniert alles zu und beschuldigt die Katze

Für Helen Sandmeier, Kommunikationsverantwortliche des Schweizer Tierschutzes, ist klar, dass die Katze in diesem Spiel als Sündenbock herhalten muss. «Der Mensch betoniert alles zu, rodet allerorts Hecken und Wälder und fegt in seinem Garten noch das letzte Laubblatt weg und da soll die Katze schuld am Aussterben der Vögel sein?» Tatsächlich fehlen in der Schweiz bislang wissenschaftliche Beweise, dass Katzen tatsächlich für das Aussterben einzelner Arten verantwortlich wären. Auch der WWF nannte kürzlich das Verschwinden und die Abwertung des Lebensraums als Hauptursache für den drastischen Rückgang der Wirbeltierbestände der Welt seit 1970. Als Mitschuldige erwähnte er aber Katzen.

In einer Frage sind sich Natur- und Tierschützer einig: Freilaufende Katzen müssen kastriert werden. Nur so ist vor allem den rund 100000 verwilderten Katzen in der Schweiz beizukommen. Jedes Jahr lässt der Tierschutz denn auch auf seine Kosten rund 12000 Katzen kastrieren, darunter viele halbwilde Bauernhofkatzen.

Die Motivation der Tierschützer ist aber eine andere als jene der Naturschützer. Für die Katzenfreunde ist die Linderung des Tierleids zentral: Halbwilde Katzen sind oft krank, und schon jetzt sind die Tierheime übervoll mit Katzen, die niemand mehr will. Ausserdem sind die Kastrationen ein gutes Mittel gegen eine alte Methode der Bestandsregulierung – das Ersäufen von Jungkatzen.

Die Wildheit gehört zur Katze

Der Mensch und die Katze verbindet eine mehr als 5000 Jahr währende Beziehung. Die Katze ist sich gewohnt, dass die Zuneigung des Menschen schnell ins Gegenteil kippen kann. Die Ägypter beteten ihre Katzen als Gottheiten an. Die Engländer handelten ums Jahr 950 mit ihnen. Bauern waren froh um ihre Dienste als Mäusefänger. Die Kirche verteufelte sie. Ihr unbeugsamer Blick, ihr geschmeidiger Gang und der Umstand, dass sie nachts, wenn anständige ­Tiere schlafen, durchs Unterholz streunt, machte dem Menschen die Katze stets suspekt. Mein ­Kater Henry ist vom Dschungel genauso weit entfernt wie ich und doch kehrt er jede Nacht genau dorthin zurück, um zu töten. Der Katze selbst soll man das nicht zum Vorwurf machen. Es gibt kein liebes Büsi ohne das böse Büsi. Dessen sollten sich Katzenbesitzer stets bewusst sein.