«Stottern wurde gesellschaftsfähiger»

Stotternden Menschen begegne man heute mit mehr Toleranz als früher, sagt die St. Galler Logopädin Brigitte Zaugg. Deshalb hätten Betroffene weniger psychische Reaktionen wie Rückzug und Ängste vor dem Sprechen.

Bruno Knellwolf
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Eine auffällige Sprachstörung ist das Stottern. Subjektiv erhält man den Eindruck, dass es weniger Erwachsene gibt, die stottern. Stimmt das?

Brigitte Zaugg: Mir sind keine Statistiken bekannt, die über eine Abnahme des Störungsbildes Stottern berichten. Gemäss aktueller Faktenlage ist in Deutschland rund ein Prozent der erwachsenen Bevölkerung vom Stottern betroffen. Im Kindesalter sind es rund fünf Prozent aller Kinder, die eine Phase mit Stottern durchmachen. Das Stottern gehört jedoch nicht zu einer normalen Phase der Sprachentwicklung.

Warum könnte der anscheinend falsche Eindruck entstehen?

Zaugg: Das Stottern ist gesellschaftsfähiger geworden. Das heisst, Menschen, die stottern, werden nicht mehr als dumm angeschaut. Man begegnet den Stotternden mit mehr Toleranz. Dadurch nimmt die Angst vor dem Ausgegrenzt- und Ausgelachtwerden ab. Dies hat einen direkten Einfluss auf die Angst vor dem Stottern. Dies wiederum kann dazu führen, dass Stotternde weniger psychische Reaktionen wie Rückzug, Vermeidung von Sprechen, Kommunikationsabbruch, Ängste und weniger motorische Begleitsymptome wie zum Beispiel das Augenverdrehen zeigen.

Wann sollten Eltern ihr stotterndes Kind untersuchen lassen?

Zaugg: In der Logopädie vertreten wir die Ansicht, stotternde Kinder beziehungsweise deren Eltern möglichst früh zu unterstützen und zu beraten. Die Sorgen der Eltern können bei stotternden Kindern das Stottern verstärken. Deshalb ist es wichtig, Eltern zu informieren, deren Ängste abzubauen und falls notwendig mit den Kindern eine Therapie zu machen. Die Eltern nehmen bei den Therapien teil, damit sie neue Sprechweisen mit den Kindern üben können.

Was ist der neuste, modernste Therapieansatz gegen Stottern?

Zaugg: Es gibt eine Vielzahl von Stottertherapien und zwei Hauptrichtungen. Bei der Methode der Stotter-Modifikation geht es darum, dass Stotternde lernen, die Angst vor dem Stottern und die Hilflosigkeit während des Stotterns abzubauen. Bei der Methode «Fluency Shaping» lernen die Stotternden eine spezielle Sprechtechnik.

Woher kommt das Stottern?

Zaugg: Die Hirnareale, die für die Sprechplanung und -bewegungen zuständig sind, weisen bei stotternden Menschen Koordinationsstörungen auf. Durch die Genforschung wurde festgestellt, dass Stottern familiär gehäuft vorkommt. Man suchte nach einem Stotter-Gen und fand fünf unterschiedliche Gene, die eine wichtige Rolle spielen für das Entstehen von familiär überdauerndem Stottern. Die Forschung sucht auch nach Umwelteinflüssen, die eine Genveränderung verursachen.

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