Stillstand im Wunderland

Lady Gaga zeigt auf ihrem dritten Studioalbum «Artpop» keine neuen Facetten. Techno- Stampfer und Disco-Hits, Gaga ohne Risiko.

Renzo Wellinger
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Sich gekonnt in Szene setzen, kein Problem für Lady Gaga. (Bild: Inez and Vinoodh Photo)

Sich gekonnt in Szene setzen, kein Problem für Lady Gaga. (Bild: Inez and Vinoodh Photo)

Einen «Urknall» versprach sie uns. Mit ihrem dritten, regulären Studioalbum «Artpop» wollte Lady Gaga Grenzen sprengen. In Interviews betonte sie, einen Neuanfang wagen zu wollen. Für eine Kunst-Performance machte sie sich nackt. Würde die Frau, die in der Vergangenheit gerne mal in einem Kleid aus Filets posierte und zu den weltweit einflussreichsten Persönlichkeiten zählt, einen Seelenstriptease hinlegen, sich vor ihren Fans entblössen?

Tatsächlich fragt Lady Gaga im Opener des neuen Albums, dem hysterischen «Aura», kokett: «Do you wanna see me naked lover, do you wanna peak underneath the cover?» In «Sexxx Dreams», einer austauschbaren Dance-Pop-Nummer, legt sie nach und kichert: «I can't believe I'm telling you this, but I've had a couple of drinks and Oh my God.» Lässt die exzentrische Diva die Hüllen fallen und vertraut uns im Rausch ihre persönlichen Geheimnisse an?

Auszeit vom Popstar-Dasein

Natürlich nicht. Ein Megastar, eine schillernde Figur wie Lady Gaga, lebt schliesslich von der Illusion. Und so bleibt es bei einer vagen Verheissung. Stattdessen hat sich die Sängerin, die sich in den vergangenen Monaten aus gesundheitlichen Gründen eine Auszeit vom Popstar-Dasein nahm, noch tiefer in ihren Kunst-Kosmos, ihr artifizielles Wunderland verkrochen. Neuerdings sucht sie die Nähe von Kunstschaffenden wie Jeff Koons, der das «Artpop»-Cover designte, oder der Performance-Künstlerin Marina Abramovic.

David Guetta durfte mal ran

Vor lauter Botticelli, Lesungen und Popart hat Lady Gaga allem Anschein nach den Blick für das Wesentliche, ihre Musik, verloren. Obwohl sie sich in Sachen Mode täglich neu erfindet, bleibt das kreative Multitalent auf «Artpop» musikalisch stecken. Der globale Superstar, der weltweit über 24 Millionen Alben verkaufte, geht kein Risiko ein und setzt auf ordentlich Wums. Wieder schielt Lady Gaga in Richtung elektronischer Musik und deren nach wie vor die Charts beherrschenden krawalligen Stilrichtungen Electronic Dance Music und Dubstep.

Sie engagierte Hit-Garanten wie Zedd, Will.I.Am und Madeon sowie ihre beiden Langzeit-Produzenten RedOne und DJ White Shadow. Sogar David Guetta durfte mal ran. Diese Herren sind nicht für filigrane Kompositionen bekannt. Und so wird «Artpop» von stumpfen Dance-Pop-Beats dominiert. Überfrachtete Elektro-Tracks, die auch durch den permanent gepredigten Kunstbezug ihrer Schöpferin nicht besser werden.

Auch dass sich die 27-Jährige in «Venus» – ihr erstes selbst produziertes Stück – für ein Sample bei «Rocket Number 9» von US-Jazz-Komponist Sun Ra bedient, macht aus schlichtem Pop noch längst keine «Art».

Titel wie «Donatella» oder «MANiCURE» dürften bestens in den Grossraumdiscos und Jahrmärkten dieser Welt funktionieren. Auf «Jewels N' Drugs» gibt es derbe Hip-Hop-Beats, «Swine» ist ein brachialer Techno-Stampfer. Es knarzt, fiept und knallt. Lady Gaga gönnt uns keine Verschnaufpause.

Gaga behält ihren Schutzpanzer

Dabei entsteht der Eindruck, dass sich Stefani Germanotta, so der bürgerliche Name der Sängerin, hinter dem ganzen Crash Boom Bang versteckt. Eine Stunde lang ballert sie uns mit ihren Dance-Beats zu. Die Kunstfigur Lady Gaga, diese perfekte Pop-Inszenierung, ist zu einem undurchdringlichen Schutzpanzer geworden. Und der versprochene Blick hinter die Fassade bleibt ein leeres Versprechen. Mit einer Ausnahme: Auf «Dope», einer berührenden Liebeserklärung an ihre Fans, gewährt uns Lady Gaga dann doch einen – natürlich kalkulierten – intimen Moment. Sie singt sich die Seele aus dem Leib und verzichtet dabei auf Special Effects. Die Piano-Ballade macht deutlich: Lady Gaga ist eine ernstzunehmende Sängerin und eine begabte Songschreiberin. Dieses Talent blitzt auch auf «Artpop» zwischendurch auf, aber insgesamt sind die Songs zu prall, zu wuchtig, pusten den Hörer regelrecht an die Wand. Lady Gagas Urknall ist leider nach hinten losgegangen.

Lady Gaga, «Artpop» (Universal Music)

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