Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

STERBEHILFE: Die Freiheit, den eigenen Tod selbst zu bestimmen

David Goodall flog um die halbe Welt, um in der Schweiz sterben zu können. Immer lauter werden ­hierzulande die Stimmen, die den attestierten Freitod im Alter auch für Gesunde verlangen.
Katja Fischer De Santi
Abschied für immer: Der 104-jährige Australier David Goodall nahm sich mit Hilfe von Exit International in Liestal das Leben. (Bild: Getty)

Abschied für immer: Der 104-jährige Australier David Goodall nahm sich mit Hilfe von Exit International in Liestal das Leben. (Bild: Getty)

Katja Fischer De Santi

Das Letzte, was David Goodall hört, sind die Klänge der 9. Symphonie Ludwig van Beethovens. Dann löst er den Verschluss der Infusion und die tödliche Dosis Nebutal strömt in seine Blut­bahnen. Drei seiner Enkel stehen an seinem Bett in Liestal, als der 104-jährige Australier am Donnerstag um 12.30 Uhr stirbt. Seine Reise in die Schweiz war seine letzte. «Ich mag ihr Land, aber mir wäre es lieber gewesen, ich hätte es nie gesehen», hatte er an der Medienkonferenz am Mittwoch gescherzt. In seinem Heimatland ist der begleitete Freitod, wenn überhaupt, dann nur für unheilbar Kranke legal. Der fast erblindete, in einem Rollstuhl sitzende Wissenschafter, der bereits zwei Selbstmord­versuche hinter sich hatte, erfüllte die Kriterien nicht.

Anders in der Schweiz: Wer urteilsfähig ist, von Dritten nicht beeinflusst ist und sich die töd­liche Dosis selbst verabreicht, kann Sterbehilfe beanspruchen. Das aktuelle Gesetz datiert von 1942. Seit damals ist es legal, jemandem beim Freitod beizustehen, solange die Hilfeleistung nicht aus selbstsüchtigen Gründen erfolgt. Theoretisch dürften in der Schweiz also auch junge, gesunde Menschen in den Tod begleitet werden.

Gesunde erhalten keine Sterbebegleitung

Nur, es gibt keine Organisation, die das anbietet. «Wir begleiten keine gesunden, lebensmüde Menschen in den Tod», sagt Jürg Wiler, Mediensprecher von Exit Schweiz. Seine Organisation hat in ihren Statuten festgelegt, dass sie nur Menschen mit hoffnungsloser Prognose oder unerträg­lichen Beschwerden begleitet. Ein Arzt muss dies bestätigen. Auch Organisationen wie Dignitas koppeln ihre Sterbebegleitung an tödliche Krankheiten. Dies weil die Sterbehilfeorganisation angewiesen sind auf die Ärzte, welche das Rezept für das Sterbemittel Natrium-Pentobarbital ausstellen. Ohne Diagnose ist dies nicht möglich.

Doch immer mehr Menschen stören sich daran. Sie wollen sterben, obwohl sie nicht todkrank sind. Sie haben ihr Leben gelebt. Haben Angst davor, zum Pflegefall zu werden, hilflos vor sich hinvegetieren zu müssen. Die Hochleistungsmedizin kann immer mehr, zu Hause im Bett stirbt fast niemand mehr. Ein Gruppe Exit-Mitglieder, darunter Filmregisseur Rolf Lyssy oder die ehemalige Swissair-Sprecherin Beatrice Tschanz, forderte an der Exit-Generalversammlung im Sommer letzten Jahres, dass sich die Organisation stärker für den Altersfreitod engagiere. Nach Ansicht des Komitees werden lebens­satten, urteilsfähigen, älteren Menschen bei einem Sterbewunsch zu viele Steine in den Weg gelegt. Es sei nicht nachvollziehbar, warum man eine vom Arzt ausgestellte «Lizenz zum Sterben» brauche. Ihre Forderung: Sterbe­begleitungen sollen für alte Menschen – also ab rund 80 Jahren – ohne ärztliche Diagnose zulässig sein. Eine Arbeitskommission befasst sich nun mit dieser Frage, die Exit schon seit mehr als sechs Jahren umtreibt.

Schon jetzt würde rund ein Viertel aller Exit-Begleitungen in die Kategorie des Altersfreitod fallen, sagt Jürg Wiler. Wie beim Australier David Goodall handle es sich dabei um Menschen mit verschiedenen Gebrechen, die ihnen ein würdiges Leben verunmöglichten. Wie bei jeder Freitodbegleitung müssen auch hier die Urteilsfähigkeit ein dauerhafter und autonomer Sterbewunsch vorhanden sein. Vor rund vier Jahren habe Exit in seine Statuten aufgenommen, sich für einen erleichterten Zugang zum Sterbemittel für Betagte einzusetzen, sagt Wiler. Die nächste Generalversammlung werde zeigen, wie eine weitere Liberalisierung aussehen könnte.

«Der kalte und einsame Suizid ist unmenschlich»

Der Luzerner Psychotherapeut Josef Giger-Bütler will noch viel weiter gehen. Er plädiert dafür, dass der assistierte Suizid zu einer ganz normalen Option für das ­Lebensende werden kann. In seinem kürzlich erschienenen Buch «Wenn Menschen sterben wollen», schreibt er: «So wie jeder Mensch das Recht auf Leben hat, so soll jeder auch das Recht auf sein Sterben haben.» Giger findet es grausam, wenn man alte, ­lebensmüde Menschen in den «kalten und einsamen Suizid schickt». Im Verborgenen und Heimlichen müssten sie ihr ­Sterben planen wie Kriminelle. Der Experte für Depressionen ist überzeugt, dass es bei einer Öffnung der Sterbehilfe nicht sehr viel mehr alte Menschen geben würde, die ihrem Leben selbst ein Ende setzen. Dafür sei der Weg dahin zu steinig und benötige ungeheuer viel Entschlossenheit. «Die Freiheit, den Weg des assistierten Freitodes gehen zu können, beinhaltet ja auch die Freiheit, ihn nicht mehr gehen zu müssen.» Ein Argument, dass Sterbehilfeorganisationen schon seit Jahren vorbringen. Doch nur schon die Aussicht, Exit könnte seine Bestimmungen auf «ge­sunde» Alte ausweiten, löst eine Welle von Befürchtungen aus.

Druck auf pflegebedürftige Menschen nimmt zu

«Es besteht die Gefahr, dass eine Öffnung der Suizidhilfe für Menschen, die nicht krank sind, einen gesellschaftlichen Druck auslöst, dass Menschen letztlich meinen, sie sollten ihrem Leben ein Ende setzen», warnt Ethiker Markus Zimmermann, der sich seit 20 Jahren mit der Lebensende-Forschung beschäftigt in einem «Beobachter»-Artikel. Vor allem deshalb, weil unsere Gesellschaft ein Problem damit habe, «un­nützen» Lebensphasen einen Sinn zu geben. Auch viele Betreiber von Alters- und Pflegeheimen stehen dem Altersfreitod ablehnend gegenüber. Sie setzen stattdessen auf alle Arten der Hilfestellung, um die letzten Jahre, Monate oder Wochen so erträglich wie möglich zu gestalten:

David Goodall hat mit 102 Jahren noch dafür gekämpft, sein Büro an der Universität behalten zu dürfen. Hat bis zuletzt Fach­artikel veröffentlicht. Als sein ­Augenlicht so weit nachliess, das er nicht mehr lesen konnte, als er sich ohne fremde Hilfe nicht mehr aus dem Haus bewegen konnte, hatte er genug. Er wollte sterben. Selbstbestimmt und mit wachem Geist.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.