Stärker als der Tunnelbohrer im Gotthard

Sein ganzes Leben verbringt der Maulwurf unter der Erde. Vor allem dort, wo der Boden gesund und fruchtbar ist, verraten die kleinen Erdhaufen seine Anwesenheit. Wie eine Tunnelbohrmaschine legt er seine weitläufigen Tunnels an, in denen er die Regenwürmer und Insekten gefangen hält.

Bruno Knellwolf
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Der Maulwurf hiess althochdeutsch Moltewurf, Molte steht für Erde. (Bild: iStockphoto/Bafu)

Der Maulwurf hiess althochdeutsch Moltewurf, Molte steht für Erde. (Bild: iStockphoto/Bafu)

Vielleicht ist das noch nicht allen aufgefallen: Die UNO hat das Jahr 2015 zum Internationalen Jahr des Bodens erklärt. Das Bundesamt für Umwelt Bafu hat deshalb jeden Monat einen Star des Bodens gekürt. Den Jahresabschluss macht ein ganz knuddeliger Geselle: der Maulwurf. Zuvor wurde der Hornmilbe, dem Springschwanz oder Archaeen die Ehre zuteil.

Nichts gegen die winzigen Bodenbearbeiter, aber ein Maulwurf pflügt die Erde schon in anderem Masse um. Elena Havlicek vom Bafu vergleicht ihn gar mit einer Tunnelbohrmaschine am Gotthard. Die ist über 400 Meter lang und 2700 Tonnen schwer. Der Maulwurf dagegen nur 10 bis 17 Zentimeter lang und 60 bis 120 Gramm leicht. Aber trotzdem ist der Maulwurf effizienter: «Die Tunnelbohrmaschine schafft in einer Stunde im besten Fall 1,6 Meter, der Maulwurf schafft in der gleichen Zeit sieben Meter», schreibt Havlicek.

Wie ein Tunnelbohrer

Für solche Leistungen braucht der Maulwurf viel Kraft. Mächtige Muskeln setzen an den kurzen Armknochen sowie am Schultergürtel an. Dies verleiht ihnen einen besonders kräftigen Armhebel. Die Vorderpfoten sind Baggerschaufeln; ein Extra-«Daumen», der aus einem einzelnen, sichelförmigen Knochen besteht, erweitert die Grabfläche. Der Körper schiebt sich wie ein Bohrer drehend durch den Boden. Dabei können Maulwürfe Erdmassen bis zum 24fachen ihres Körpergewichts verschieben. Ein willkommener Nebeneffekt der Grabtätigkeit ist die bessere Durchlüftung des Bodens, wie Havlicek erklärt.

Er ist auch ein gewiefter Jäger: Die Biologin Bärbel Oftring hat ihn deshalb in ihrem Buch «Tatort Natur» wegen Freiheitsberaubung «angeklagt». Sein Gangsystem dient ihm nämlich als Falle: Alle drei bis vier Stunden patrouilliert der Maulwurf durch seine Gänge. Dort sammelt er die Bodentiere ein, die aus dem Erdreich in seine Tunnels eingedrungen sind. Er hält sich Vorratskammern, in denen er vor allem Regenwürmer lagert. Da er aber nur frisches Fleisch will, lähmt er seine Opfer mit einem gezielten Biss in den Kopf. Die Würmer und Insekten bleiben so reglos und frisch für den Gourmet. Der Maulwurf lockert also nicht nur den Boden auf, sondern reguliert den Bestand der Regenwürmer wie auch der Engerlinge, Drahtwürmer, Rüsselkäferlarven und Schnecken, die zu Ernteeinbussen in der Landwirtschaft führen. Weil er wegen seiner Grabungsarbeiten aber Erdhaufen auf der Wiese macht, klagen manche Landwirte über den Maulwurf.

Kein Nagetier

Doch eigentlich bedeutet seine Anwesenheit im Boden, dass dieser gesund ist. Und zudem ist der schwarze Gesell kein Nagetier und macht sich nicht wie Mäuse an Wurzeln oder Knollen zu schaffen.

Die Familie der Maulwürfe umfasst 35 Arten in Eurasien und Nordamerika: Der nordamerikanische Sternnasenmaulwurf kann seine Beute im Boden optimal orten, indem er Stereo riecht. Auch der in der Schweiz heimische Maulwurf ist ein sensibles Wesen: Mit Hilfe von mehreren Sinnesorganen nimmt er feinste Druckunterschiede im Gangsystem wahr. Sogar der Schwanz ist mit einem ausgezeichneten Tastsinn ausgerüstet; der Maulwurf benutzt ihn wie einen Blindenstock.

Damit die Tiere unter der Erde keine Kohlendioxidvergiftung erleiden, enthält ihr Blut besonders viele rote Blutkörperchen. Das seidige Fell ist mit 200 000 Haaren pro Quadratmillimeter eines der dichtesten im ganzen Tierreich. Weder Wasser noch Erde können es durchdringen. Die Haare können nach jeder beliebigen Richtung umgelegt werden, was dem Maulwurf erlaubt, im engen Gang sowohl vorwärts wie rückwärts zu laufen.

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