Stärken machen glücklich

Positive Psychologie Glück ist eine Frage des Charakters: Lebenszufriedenheit ist mit Persönlichkeitsmerkmalen verknüpft. Der Grundstein für späteres Glück wird im Kinderzimmer gelegt – wichtig ist dabei der Erziehungsstil. Am besten sind klare Regeln und ein hohes Mass an Wärme. Caroline Fux

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Eigene Stärken entdecken und geniessen, das macht Kinder glücklich – ein Leben lang. (Bild: ky/image source)

Eigene Stärken entdecken und geniessen, das macht Kinder glücklich – ein Leben lang. (Bild: ky/image source)

Die traurige Wahrheit vorweg: Negativität zieht. Das bekommt man nicht nur beim Sichten der «Tagesschau» oder dem Durchblättern der Zeitung zu spüren. Auch in der Wissenschaft lag der Fokus lange auf Problemen: mit mehr als 41 000 Artikeln über Angst, 54 000 über Depression und nur gerade 415 über Freude, 1710 über Glück und 2582 über Lebenszufriedenheit. Das ist die ernüchternde Bilanz, die der Psychologieprofessor David G. Myers in einer Studie aus dem Jahr 2000 zog.

Myers hatte untersucht, mit welchen Themen sich die Psychologie seit 1967 bis zum Publikationsdatum vornehmlich befasst hatte. Themen wie Glück, Hoffnung, Kreativität, Mut oder Zufriedenheit blieben im untersuchten Zeitraum auf der Strecke. Forschung, die erklärt, wie man diese Dinge erreicht, war praktisch inexistent.

Dem Wohlbefinden auf der Spur

Seit der Grossuntersuchung von Myers hat in der Psychologie allerdings ein Umdenken stattgefunden. Eine neue Forschungsströmung – sie nennt sich sinnigerweise Positive Psychologie – ist entstanden. Sie untersucht beispielsweise, was uns glücklich macht, und weist auf Verhaltensweisen, Einstellungen oder Persönlichkeitsmerkmale hin, die uns vor Gebrechen schützen. Das Ziel der Positiven Psychologie ist bestechend und sympathisch: Sie will die Menschen durch ihre Erkenntnisse glücklicher machen und das Wohlbefinden steigern.

Eine Frage des Charakters

Die Positive Psychologie hat im Verlauf der letzten Jahre nicht nur verschiedene Lebensstile identifiziert, die zu Glück und Zufriedenheit führen. Sie hat ihr Augenmerk auch vermehrt auf Persönlichkeitsmerkmale gelegt, die ein Leben fördern, in dem Glück und Erfüllung erlebt werden. Denn dieses Glück hängt nicht nur von strategischen Lebensentscheiden ab, sondern auch von unserem Charakter. Auch wenn sich Verhalten und Persönlichkeit natürlich nicht willkürlich trennen lassen.

So wurden mit dem Aufkommen der Positiven Psychologie vernachlässigte Konzepte aufgefrischt. Eines davon ist der angesprochene «Charakter». Lange wurde er in der Forschung einfach mit dem Begriff «Persönlichkeit» gleichgesetzt. Nun erfährt der Charakter aber als eigenständiges Konstrukt eine Renaissance. Er wird als mehrschichtiges Persönlichkeitskonzept, das wünschenswerte Züge umfasst, verstärkt erforscht. Dieses Konzept umfasst zwei Ebenen:

Ebene 1: Tugenden. Sie sind von Moralphilosophen und religiösen Denkern geschätzte Kerneigenschaften. In der Positiven Psychologie werden sechs Tugenden definiert: Weisheit, Mut, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Mässigung und Transzendenz.

Ebene 2: Charakterstärken. Gemeint sind Mechanismen und Prozesse, die ermöglichen, Tugenden zu leben. Beispielsweise erreicht man die Tugend Weisheit unter anderem über die Charakterstärken Neugier, Kreativität und Liebe zum Lernen. Die Tugend Transzendenz setzt sich aus den Charakterstärken Sinn für das Schöne, Humor, Hoffnung und Dankbarkeit zusammen.

Die Wissenschafter haben sich vorerst weltweit auf 24 Charakterstärken geeinigt (siehe Kasten). Die Charakterstärken können in ihrer Ausprägung von nicht vorhanden bis ausgeprägt vorhanden variieren. Charakterschwächen sind nicht definiert.

Die Forscher konnten schliesslich zeigen, dass es zwischen bestimmten Charakterstärken einen klaren Zusammenhang zu Glück und hoher Lebenszufriedenheit gibt: Menschen, die besonders hohe Werte in den Charakterstärken Bindungsfähigkeit, Hoffnung, Dankbarkeit, Neugier und Enthusiasmus zeigen, geben im Schnitt eine höhere Lebenszufriedenheit an als Menschen, bei denen diese Stärken weniger deutlich ausgeprägt sind.

Auch in der Schweiz wird zum Thema Positive Psychologie geforscht. Marco Weber von der Abteilung für Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik der Universität Zürich hat sich eine ganz besondere Zielgruppe für seine Studien ausgesucht. Der Psychologe hat im Rahmen seiner Doktorarbeit erforscht, welche Charakterstärken sich bei Kindern und Jugendlichen positiv auf die Lebenszufriedenheit auswirken.

Die Forschungsgruppe, zu der Weber gehört, konnte beispielsweise zeigen, dass schon für Kinder ganz ähnliche charakterliche Glücklichmacher gelten wie für Erwachsene: Optimismus, Tatendrang, Dankbarkeit sowie die Fähigkeit, zu lieben und geliebt zu werden. Diese Charaktereigenschaften sind besonders wichtig für die Lebenszufriedenheit von Kindern und Jugendlichen.

Stärken der Kinder fördern

Lebenszufriedenheit? Erfüllung? Und das schon bei Kindern? Wird da nicht etwas dick aufgetragen? «Ein wichtiger Aspekt zum Thema Charakterstärken ist, dass sich Eltern überhaupt bewusst werden, dass bereits Kinder individuelle Charakterstärken haben», erklärt Marco Weber. Das Ziel sei schliesslich, die persönlichen Stärken des Kindes zu identifizieren und sie durch entsprechende Bedingungen zu fördern.

Dabei geht es gemäss Weber nicht um eine Förderung um jeden Preis. «Es geht nicht darum, dass ein Kind alle 24 von der Wissenschaft postulierten Charakterstärken besitzen soll. Wir gehen davon aus, dass Menschen im Laufe ihres Lebens zwischen drei und sieben Stärken besonders deutlich entwickeln und diese zu ihren Signaturstärken werden. Es ist wichtig, diese zu fördern und zu leben und nicht anderen Stärken hinterherzulaufen, die nicht zu einem gehören.»

Entdecken Eltern beispielsweise, dass ihr Kind die Charakterstärke «Liebe zum Lernen» zeigt, sollten sie ein Umfeld schaffen, in dem ein Kind möglichst viel Neues entdecken und dazulernen könne. Zeige ein Kind dagegen die Charakterstärke «Teamfähigkeit», sollte man ihm zum Beispiel ermöglichen, sich in Gruppen einzubringen.

Das Ziel ist bei dieser Art von Förderung immer gleich: Ein Kind soll oft und eingehend die Chance haben, seine eigenen Stärken auszuleben und seine Kompetenzen nicht nur auszubauen, sondern auch zu geniessen.

Umfeld schlägt Genetik

Warum sich bei einem Kind eine bestimmte Stärke entwickelt und eine andere weniger, lässt sich nicht abschliessend beantworten. Man geht davon aus, dass positive Emotionen in diesem Prozess eine zentrale Rolle spielen, weil sie den Erkundungsdrang von Kindern freisetzen und daraus später Können resultiert.

Wichtige erste Lebensjahre

Als entscheidende Phase gelten gemäss Untersuchungen die ersten sechs Lebensjahre. Aus Zwillingsstudien weiss man zudem, dass es für die Charakterstärken zwar eine gewisse genetische Basis gibt, die Umgebung eines Kindes (Familie, Freunde, Freizeit, Schule) aber auch einen grossen Einfluss hat.

Die elterliche Rolle bei der Entwicklung von Charakterstärken zeigt sich auch im Erziehungsstil. Eine Forschungsgruppe unter der Leitung von Professor Willibald Ruch, zu welcher auch Marco Weber gehört, verfolgt aktuell die These, dass jene Eltern die besten Entwicklungsmöglichkeiten bieten, die den sogenannten autoritativen Erziehungsstil pflegen. Dieser Stil setzt auf klare Regeln (die dem Kind jeweils erklärt werden) und auf ein hohes Mass an Wärme und Unterstützung.

Anders als beispielsweise der autoritäre Stil, bei dem strikte Regeln gelten, die aber wenig erklärt und mit Bestrafung durchgesetzt werden, und die Interessen und Ansichten des Kindes wenig Beachtung erhalten. Weitere Untersuchungen beschäftigten sich damit, wie Charakterstärken bei Jugendlichen mit Themen wie zum Beispiel Schulerfolg oder ersten Liebesbeziehungen zusammenhängen und ob bestimmte Stärken auch mit diesen Gebieten positiv verknüpft sind. Tatsächlich weisen erste Befunde auf solche Zusammenhänge hin.

Eigene Kompetenzen erleben

Im Umgang mit den persönlichen Topstärken ist es laut Marco Weber wichtig, seine Stärken auch mal auf neue Art und Weise zu nutzen und zu erleben – und das gilt nicht nur für Kinder. Wer also beispielsweise besonders kreativ ist, sollte diese Stärke nicht nur in den immer gleichen Tätigkeiten ausleben, sondern sich auch anders gelagerte Tätigkeiten suchen, die dieselbe Stärke ansprechen. Was für einen kreativen Menschen ja eine Leichtigkeit sein sollte.