Stadtluft schadet dem Hirn

Die erhöhte Feinstaubbelastung der Städte führt zu schrumpfendem Hirnvolumen und stillen Schlaganfällen. Als Folgen kann es zu Demenzen und Depressionen kommen.

Elke Bunge
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Nach dem aktuellen Bericht der Europäischen Umweltagentur (EUA) gibt es allein in Europa jährlich 430 000 vorzeitige Todesfälle, die durch Feinstaub ausgelöst werden. Bislang wurden hauptsächlich Erkrankungen der Lunge in diesem Zusammenhang untersucht. Elissa Wilker vom Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston und ihre Kollegen haben jetzt festgestellt, dass der Feinstaub nicht nur zu Veränderungen im Atmungssystem führt, sondern sich auch auf das menschliche Gehirn auswirkt.

Gehirn altert schneller

Für ihre Forschungen untersuchte das Wissenschafterteam 900 über 60jährige Menschen, die in unterschiedlicher Entfernung von grossen Strassen lebten und damit verschieden hoher Belastung von Feinstaub ausgesetzt waren. Die Forscher machten von ihren Probanden Hirnscans und bestimmten zunächst das Volumen unterschiedlicher Hirnareale.

Dabei zeigte sich, dass die Probanden, die höheren Feinstaubbelastungen ausgesetzt waren, im Durchschnitt ein deutlich kleineres Hirnvolumen hatten. Die Schrumpfung der Gehirnmasse im Alter ist ein natürlicher Prozess, in diesem Zusammenhang nehmen auch die geistige Leistungs- und Lernfähigkeit ab. Doch durch die erhöhte Feinstaubbelastung verstärkt sich dieser Effekt, als ob das Gehirn schneller altert.

Mehr stille Infarkte

Weiterhin zeigten die Untersuchungen auch, dass die Menschen, die regelmässig einer höheren Feinstaubbelastung ausgesetzt waren, mehr so genannte stille Hirninfarkte erlitten. Dabei handelt es sich um kleine Schlaganfälle, die von den Betroffenen meist gar nicht wahrgenommen werden. Das Team der Bostoner Klinik konnte ferner eine Linearität zwischen Feinstaub und stillen Infarkten finden: Jeder Anstieg um zwei Mikrogramm pro Kubikmeter Luft führte zu einem 46 Prozent erhöhten Risiko für diese stillen Schlaganfälle und zu einer Abnahme des Gehirnvolumens von 0,32 Prozent. Dies entspricht einem Krankheitsbild, das einer Alterung der kognitiven Funktionen des Gehirns von einem Jahr entspricht.

Heimtückischer Smog

«Unsere Ergebnisse legen nahe, dass der Smog eine heimtückische Wirkung auf das Gehirn hat, denn die stillen Infarkte erhöhen das Risiko für grössere Schlaganfälle, Demenz oder Depression», sagt Elissa Wilker. Wie die Studie, die nun im Fachmagazin Stroke publiziert wurde, zeige, reiche schon stadttypische Feinstaubbelastung aus, diese beschleunigte Alterung des Gehirns und stille Infarkte hervorzurufen. Welcher Mechanismus hinter diesen Veränderungen des menschlichen Gehirns steckt, ist bislang noch nicht geklärt. Forschungsleiter Wilker ist der Auffassung, «dass die winzigen Partikel, die sich in der Lunge ablagern, eine systemische, sich auf den gesamten Körper auswirkende Entzündung auslösen.»

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