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STADTFARMER: Gackern mitten in der Stadt

Nach den Pflanzen erobern die Hühner den urbanen Raum: Aus Landlust, aus Liebe zum Tier, aber auch als Kritik an der Massenhaltung halten mehr Menschen Gefieder fernab vom Bauernhof.
Diana Hagmann-Bula

Diana Hagmann-Bula

diana.hagmann-bula@tagblatt.ch

Da sitzt sie, brütet und starrt vor sich hin. «Wie in Trance», sagt Benjamin Waibel mit gedämpfter Stimme. Er will Lucy nicht stören. Am Ostermontag wird es so weit sein: Die Bibeli schlüpfen. Waibel strahlt selig. Und erzählt, wie er und seine Co-Hühnerhalter Lucy mit künstlichen Eiern an das Nest gewöhnt haben. Wie sie das Huhn aus dem Stall und zum Futter getragen haben, als es auf den Eiern zu essen vergass.

Kinder lieben die Schar, Nachbarn hassen den Güggel

Lucy und Co. leben nicht auf dem Land, sie gackern mitten in der Stadt und nahe einer vielbefahrenen Strasse. «Als wir uns um die Wohnung bewarben, zeigte mir der Vermieter die Wiese hinter dem Haus. Da erzählte ich ihm von meinem Traum, Hühner zu halten.» Ein bisschen schwingt da die Lust aufs Land mit, die als Trend aus den USA in die Schweiz geschwappt ist. Seither pflanzen Stadtmenschen auf dem Balkon Tomaten an, lassen in Gemeinschaftsbeeten Zucchetti gedeihen. Auf Urban Gardening folgt Urban Farming: Nun erobern Tiere den urbanen Raum. «Gerade in der Stadt wird der Mensch-Tier-Kontakt wichtiger», bestätigt der Schweizer Tierschutz.

Im Fall von Benjamin Waibel kommt Nostalgie dazu. «Wir hatten daheim Hühner», sagt der 34-jährige Umweltingenieur. Drei Parteien aus zwei gegenüberliegenden Häusern umsorgen Lucy und Co. Sechs Hühner, ein Hahn, allesamt Tirolerhühner. Als die Sonne durch die Wolken bricht, offenbart sich die Schönheit ihres Gefieders. Wie es schillert... Und wie geschmeidig es sich anfühlt... Obwohl Hühner nicht so niedlich wie Katzen und Hunde sind, viele sie als Nutztiere ansehen, bauen Halter mit der Zeit eine Beziehung zu ihnen auf. «Ich rede nicht mit ihnen, mein Kollege schon. Ich habe ihn ertappt», sagt Waibel lachend. Wenn er Lucy als reif, Edith als lebendig, Angela als dominant beschreibt, merkt man, wie auch ihm die Tiere ans Herz gewachsen sind. Ein Online-Kalender regelt, wer abends Körner und Wasser hinstellt, den Stall putzt. Alle paar Monate trifft die Gruppe sich zum Chicken-Talk, an dem sie bei Wein über die Tiere redet. Und über Gott und die Welt.

Zwar haben es sich Mütter mit Kindern zum Ritual gemacht, die Schar beim Scharren, Sandbaden und Picken zu beobachten. Aber es gibt auch jene, die sich ärgern, wenn der Hahn um fünf Uhr früh kräht und nicht nur seinen Harem, sondern ebenso die Nachbarschaft weckt. Nicht einmal die frischen Eier halfen, die Waibel zum Dank für das Verständnis verteilte. «Wir erhielten eine anonyme Lärmklage.» Darum muss der Güggel weg.

«Je grösser die Haltung, desto grösser der Tierstress»

Das Glück eines Hühnerhalters kumuliert in einem Moment: Wenn er die Eier einsammelt. Intensiver im Geschmack als die Produkte aus dem Handel seien sie. «Um ein Zeichen gegen die Missstände in dieser Branche zu setzen, auch deshalb habe ich mir Hühner zugelegt», sagt Waibel.

Zu Ostern, den Festtagen, an denen nichts ohne Eier geht, gehen die Tierschutzvereine denn auch in Stellung. Sie erinnern daran, dass in der Schweiz jährlich über zwei Millionen männliche Legeküken nach dem Schlüpfen vergast werden. Sie landen auf dem Müll, als Tierfutter in Zoos oder in der Biogasanlage – weil sie weder Eier legen noch schnell genug Fleisch ansetzen, um es mit den hochgezüchteten Turbo-Masthühnern aufnehmen zu können. Diese haben keine Namen wie Lucy und Co., sie laufen unter der Markenbezeichnung, etwa Ross 308. Sie führen auch kein Dasein in beschaulicher Gemeinschaft, sondern leben in einem Stall mit bis zu 18000 Hühnern. Ross 308 kennt die saftige Wiese nicht, er darf im Wintergarten Luft schnappen. «Je grösser die Massentierhaltung, desto mehr Stress für die Tiere», schreibt der Zürcher Tierschutz. Das Immunsystem leide, das Krankheitsrisiko steige. Eine Hühnerbiografie sieht oft so aus: Ein Küken wächst in 42 Tagen zu einem Über-zwei-Kilo-Koloss heran. «Der Tagesablauf eines Masthuhnes besteht nur aus Fressen, Trinken, Sitzen», sagt Tanja Kutzer, Geschäftsleiterin ad interim von KAG Freiland, einer Organisation, die sich für Nutztiere einsetzt. Was das Gewicht betrifft, entspricht das Huhn einem Bodybuilder. «Es hat aber die weichen Knochen eines Dreijährigen.» Das führe zu Beinfehlstellungen. Und im Alter zu Immobilität.

Junghähne im Suppentopf

Vier Firmen aus Deutschland, den USA und Frankreich teilen sich den Mastmarkt. «Die Chance, dass Sie in ein Ross 308 von Aviagen, Teil der deutschen ­Erich-Wesjohann-Gruppe, beissen, wenn sie in der Schweiz Poulet essen, liegt bei 99 Prozent», sagt Kutzer. Nun versuchen Firmen, die Zeit zurückzudrehen. Coop etwa möchte, dass – wie früher – Hühner Eier und Hähne Fleisch geben. Seit 2014 testet der Grossverteiler, ob eine neue Kreuzungslinie beide Anforderungen erfüllt. KAG Freiland hat in den 90er-Jahren entsprechende Versuche gemacht. «Das weib­liche Zweinutzungshuhn legt 50 Eier weniger als ein spezialisiertes Legehuhn», sagt Kutzer. Auch ökologisch mache das Zweinutzungshuhn wenig Sinn. «Der Hahn braucht mehr Futter als ein spezialisiertes Masthuhn, also mehr Soja. In Brasilien werden Regenwälder abgeholzt und Plantagen angelegt, um unseren Bedarf zu decken.» Coop will das Projekt dennoch weiterverfolgen. Effizienz sei nicht das zentrale Thema, sagt eine Mediensprecherin. KAG Freiland empfiehlt stattdessen die eigenen Labels Henne & Hahn und Bruderhahn. Sie sehen vor, dass männliche Legeküken aufgezogen werden.

Wem der Kauf solcher Produkte zu wenig des Engagements ist, kann selber Hühner halten. Wie der St. Galler Benjamin Waibel. Wenn übermorgen die Bibeli schlüpfen, wird etwa die Hälfte davon männlich sein. Die Junghähne werden nach Wochen des glücklichen Lebens auf der Stadtwiese im Suppentopf landen. «Auch das gehört zum Hühnerhalten.»

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