SPRACHE: Lacht er noch oder weint er schon?

Unser Smartphone kennt über 1800 verschiedene Emojis. Sechs Milliarden davon werden täglich verschickt - und oft falsch verstanden. Ein Konsortium in Kalifornien hat die Deutungs-Hoheit über die Symbole.

Anina Frischknecht
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Anina Frischknecht

anina.frischknecht@tagblatt.ch

An Emojis kommt niemand vorbei. Momentan lauern die grimassenschneidenden gelben Gesichter sogar beim alltäglichen Einkauf im Coop: als begehrte Trophäen der jüngsten Sammelaktion. Sonst kennt man Emojis aus Textnachrichten. Fast immer wenn das Smartphone vibriert, sind die Smileys zur Stelle und geben dem getippten Text ein Gefühl. Sechs Milliarden werden weltweit jeden Tag ausgetauscht. Teil der Popkultur sind Emojis schon längst und noch diesen Sommer bekommen sie ihren eigenen Kinofilm.

Emoji ist Japanisch und heisst so viel wie Piktogramm. Smartphone-Benutzer auf der ganzen Welt können momentan aus 1800 offiziellen Emojis auswählen. Im Juni kommen nochmals 69 Symbolbildchen dazu. Unter anderem ein Dinosaurier, ein Vampir, ein Saunabesucher - und eine Frau mit Hijab. Dass in Zukunft jede Smartphone-Tastatur über ein Symbolbild einer Frau mit Kopftuch verfügen kann, geht auf das Engagement der Hamburger Schülerin Rayouf Alhumedhi zurück. Während das Set der ursprünglichen Emojis einfach aus Japan übernommen wurde, müssen neue Emojis einen aufwendigen Bewilligungsprozess durchlaufen. Gesuchsteller sollen nachweisen, dass der Emoji potenziell auf der ganzen Welt genutzt werden wird. Lange sieben Seiten umfasste der Antrag, in dem Rayouf Alhumedhi für die Einführung ihres Kopftuch-Emojis argumentiert hat.

Über Emojis wird im Silicon Valley bestimmt

Einreichen musste Rayouf Alhumdehi ihren Antrag beim Unicode-Konsortium im kalifornischen Silicon Valley. Diese Organisation alleine entscheidet, welche Emojis die Welt benutzt – und vor allem, welche nicht. Eine kleine Organisation mit nur einer Handvoll Mitarbeiter bestimmt also seit Jahrzehnten darüber, wie wir kommunizieren. Finanziert wird Unicode von einflussreichen Tech-Firmen wie Apple, Google und Microsoft, und sogar ein paar Regierungsorganisationen.

Doch die Programmierung, das Design und die Auswahl der Gesichter und Figuren ist längst nicht alles, was Unicode leistet. Seit Anbeginn der weltweiten Digitalisierung vereinheitlicht und koordiniert das Konsortium die Kommunikation aller erdenklichen Schriftsysteme der Menschheit. «Anfang der 1980er-Jahre drohte die Balkanisierung der Computerwelt», sagte Mark Davis, Präsident und Gründer von Unicode, gegenüber der «NZZ am Sonntag». In den ersten Jahren der Digitalisierung haben Unternehmer und Urheber unterschiedliche Codierungen für ihre Texte benutzt. Die Gefahr bestand, dass Computer mit verschiedenen Betriebssystemen untereinander nicht mehr kommunizieren konnten. Um das zu verhindern, hat Davis, der seit längerem in Zürich lebt und arbeitet, zusammen mit seinem Team für insgesamt 128 000 Schriftzeichen einen eigenen Code geschrieben. Eine jahrelange, aufwendige Arbeit, die sich allerdings gelohnt hat: Ohne Unicode könnten iPhone-Besitzer und Android-Besitzer sich gegenseitig keine verständlichen SMS senden. Die im Unicode-Konsortium repräsentierten Internetkonzerne bestimmen aber nicht nur die Regeln des Sagbaren. Das Konsortium erlangt auch zunehmend die Deutungs-Hoheit über Zeichen und Symbole und das, was Eingang in unserem Wortschatz findet.

Emojis gehörten in den frühen Jahren von Unicode noch nicht zum Wortschatz. Der Japaner Shigetaka Kurita hat die gelben Smileys Ende der 90er für ein japanisches Telecom-Unternehmen realisiert, ohne ihren durchschlagenden Erfolg vorherzusehen. Innerhalb von Japan wurden Emojis dann immer zahlreicher verwendet und Anfang der Nuller-Jahre ist auch das Team von Unicode auf die Emojis aufmerksam geworden, hat sie aber noch als temporäres Phänomen abgetan und einfach ignoriert. Doch der mächtige Tech-Konzern Google wollte seinen E-Mail-Service Gmail in Japan anbieten. Und die japanischen Mails waren gespickt mit lachenden, weinenden und wütenden Gesichtern, die von den westlichen Programmen aber nicht gelesen werden konnten.

Erst auf Druck von Google bildete Unicode die Emojis in der globalen Programmiersprache ab, und die Smileys traten ihren Siegeszug um die Welt an. Den Hype hat Shigetaka Kurita, der eigentliche Vater der Emojis, verpasst. Er wollte nur digitale Piktogramme entwerfen, die von jedem verstanden werden können.

Smileys verursachen aber auch Missverständnisse

Dieser Schuss ist nach hinten losgegangen, denn so simpel ist die Sache mit den angeblich universell verständlichen Emojis nicht. Oft erschweren sie die Kommunikation, anstatt sie zu vereinfachen. Man kann Gefühlen damit zwar ein Gesicht geben, doch wenn man sich mit dem Smiley vertippt, ist die Bedeutung schnell nicht mehr klar. Etwa wenn der 70-jährige Grossvater seine Freude über sein sechstes Enkelkind mit dem Tränen weinenden, statt dem Tränen lachenden Smiley bebildert. Auch der Satz «ich komme gerade von einem Date», und dahinter das Emoji mit der Zahnreihe gibt dem Empfänger Rätsel auf. Ist das nun ein breitlachendes oder ein zähnefletschendes Emoji? War das Date nett oder eher eine Katastrophe?

Die bunten Symbole stehen auch oft in der Diskussion, weil sie auf Stereotype zurückgreifen oder heikle Vorstellungen formen. Rayoufs Hijab-Emoji wird von vielen als Symbol für die Unterdrückung der Frau verstanden. Andere sehen darin aber das Zeichen einer stolzen und freien Muslima. Eine religiöse Minderheit, welche von den Emojis bis jetzt nicht abgebildet wurde. Auch die sexistische und stereotype Darstellung der Geschlechter wird kritisiert. Männer haben immer kurze, Frauen lange Haare und bei den Twitter-Emojis auch rote Lippen. Zudem sind Frauen erst seit kurzem in klassischen Männerberufen wie Schweisser, Arzt und Wissenschafter auf der Emoji-Tastatur zu finden.

Unicode ärgert sich andererseits darüber, dass viele der Emojis aus Japan in Europa und den USA falsch verwendet werden. Der schnaubende Smiley wird hierzulande vor allem benutzt, um Ärger auszudrücken. Ursprünglich steht er aber für Triumph. Und das geschockt aussehende Kätzchen mit offenem Mund ist eigentlich müde. Aber auch die unterschiedlichen Emoji-Darstellungsformen der Betriebssysteme sorgen für Missverständnisse. Wer auf dem iPhone eine vermeintlich flotte Flamenco-Tänzerin tippt, schickt dem Android-Kollegen eine komische Elvis-Figur.

Bei sechs Milliarden ausgetauschten Emojis jeden Tag verursachen die lustigen Bildchen einen Ozean der Missverständnisse und Reibungen. Also genau so wie jede andere verschriftlichte Sprache auch – mit oder ohne lachende Gesichter :).