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SPRACHE: Die Van auf dem Hochweg

Das Variantenwörterbuch des Deutschen versammelt Ausdrücke der Standardsprache. Neu auch aus Namibia, Rumänien oder den mexikanischen Mennonitensiedlungen. Eine Fundgrube.
Valeria Heintges
Mexikanische Mennoniten schicken ihre Kinder in die Primaria. In der Schweiz heisst es Primarschule. (Bild: Getty)

Mexikanische Mennoniten schicken ihre Kinder in die Primaria. In der Schweiz heisst es Primarschule. (Bild: Getty)

Valeria Heintges

Angestellte unterbrechen am Morgen ihre Arbeit. Und machen dann – ja, was? Eine Znünipause, sagen Schweizer. Eine Jause, ­sagen manche Österreicher, ein Gabelfrühstück, die anderen. Ein zweites Frühstück, sagen Deutsche. Eine Brotzeit, sagen die Deutschen, die im Südosten des Landes leben. Eine Vesper, sagen die im Südwesten. Halbmittag, sagen die Südtiroler.

Am frühen Nachmittag das gleiche Durcheinander. Was machen die Angestellten jetzt? Eine Zvieripause in der Schweiz. Wieder Jause in Österreich. Vesperpause in Südwestdeutschland oder Brotzeit im Südosten. Eine Marende in Südtirol – ehe man beginnt, dort zu arbeiten und auch mal zu pausieren, müsste man erst einmal in Erfahrung bringen, wie man das überhaupt ausspricht.

Ein Dodel ist auch ein Dummerjan

Das sagt einem das «Variantenwörterbuch des Deutschen» leider nicht. Aber sonst sagt es fast alles. Denn es vergleich die Standardsprachen in allen Gegenden, in denen Deutsch gesprochen wird, und erklärt in 12 500 Beiträgen deren Bedeutung. Von 1.-August-Ansprache oder A-Post bis zum eingedeutschten Alpenveilchen-Fachbegriff Zyklamen. Gesammelt wurde natürlich vor allem in den D-A-CH-Ländern, aber doch auch weit darüber hinaus. Wo in der Welt noch Deutsch gesprochen und geschrieben wird. Etwa in Ostbelgien, Luxemburg, Liechtenstein und Südtirol. Und in Rumänien, Namibia und den Mennonitensiedlungen in Mexiko. Die machen übrigens ­­ am Nachmittag eine Vaspa oder Vasper. Pausen sind eine globale Sache.

Eine Fundgrube, dieses Werk. Und mit 920 Seiten ein riesiger Wälzer. Allerdings berücksichtigt er keine Dialektausdrücke, sondern nur die Wörter, die den Weg in (halbwegs) amtliche Dokumente gefunden haben. Da immer wieder dialektale Ausdrücke etwa den Weg in Zeitungen finden, gibt es – nicht selten, etwa beim Zvieri-Eintrag – den Hinweis: «Grenzfall des Standards». Auch Schimpfwörter sind solche «Grenzfälle des Standards». Aber an ihnen zeigt sich der Reichtum einer Sprache und die Fantasie der Sprecher. Und geschimpft wird überall: Einer, dem nicht allzu viel Intelligenz zugesprochen wird, ist etwa in Österreich: ein Dodel, ein Dolm, ein Fetzenschädel, ein Hirnederl oder ein Wappler. Oder – sehr schön! – ein Vollkoffer. Österreichisch-deutsch-grenzüberschreitend wird er als Dummerl oder Dummian beschimpft, als Lackel oder Ochs. Wunderbar sprechend der Halbschuh hierzulande oder der Pflock. Weiter im Norden wird der Dummkopf zum Blödhammel, Dödel oder zum Lappen, zum Dämel, Dämlack, Doofkopp oder Döskopp, zum Dummerjan oder Dussel. Den Eintrag, ohnehin nicht kurz, kann jeder individuell verlängern. Einem Vollkoffer oder Halbschuh könnte man in Wut wahlweise eine scheuern, eine schallern, eine kleben oder kleschen – auch dies eine Aufzählung ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Mennoniten strippen bei der Baumwollernte

Wer die Sache ernsthafter angehen möchte, der kann Folgendes feststellen: Die unterschiedlichen Schulsysteme fordern unterschiedliche Wörter. Wer weiter reist, findet in Rumänien ein Bakkalaureat. Und sieht, dass die Mennoniten aus der Primarschule eine Primaria machen und aus der Sekundarschule – genau: eine Sekundaria. Die Rumäniendeutschen übersetzen manche Worte aus dem Rumänischen. So wird aus der scoala generala eine Generalschule, an der die Schüler nicht Proben oder Klausuren schreiben, sondern Kontrollarbeiten (rumänisch: lucrare de control).

Dasselbe Phänomen bei den Mennoniten, die Worte aus dem Englischen eindeutschen. Etwa wenn sie strippen, also bei der Baumwollernte die Wolle von den Bäumen abziehen, wenn sie nicht mit Camion oder Laster fahren, sondern mit der (weiblich!) Van. Und zwar – auch das so schön! – auf dem Hochweg, einer wörtlichen Übersetzung des Highway. Wer nach solchen Beispielen in Namibia sucht, wird ebenfalls fündig. Dort gibt es – aus dem Holländischen kommend, das dem in Namibia ebenfalls gesprochenen Afrikaans ­zugrunde liegt – ein Veld, das ein offenes, weites Land oder die ­Savanne meint. Oder eine eingezäunte Fläche, ein Kamp, ein Wort, das auf Holländisch und Englisch Lager bedeutet. Englisch ist einzige Amtssprache in Namibia. Beruhigend zu wissen: Wer auf der nächsten Namibia-Reise das Deutsch dort nicht versteht, kann Englisch reden.

Variantenwörterbuch des Deutschen: Herausgegeben von Ulrich Ammon, Hans Bickel, Alexandra Lenz. Walter de Gruyter Verlag, 920 Seiten.

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